Kurz&schmerzlos: Florian Scheibe über „Kollisionen“

© Annette Hauschild, © Klett-Cotta
© Annette Hauschild, © Klett-Cotta

Kurz&schmerzlos ist eine neue Interviewreihe auf novellieren, in der Autoren Fragen zum aktuellen Werk und zu ihrer Arbeitsweise beantworten. Den Auftakt bildet Florian Scheibe, dessen Roman „Kollisionen“ soeben im Klett-Cotta Verlag erschienen ist.

Florian Scheibe (*1971) studierte Kulturwissenschaften, Geschichte und Filmregie. Nach mehreren Kurzgeschichten und journalistischen Arbeiten veröffentlichte er im Jahr 2012 seinen Debütroman „Weiße Stunde“ im Wiener Luftschacht Verlag. „Weiße Stunde“ dreht sich um einen angehenden Autor, der sich Gedanken um das Verschwinden seiner Frau macht, ohne sie jedoch ernsthaft zu suchen – er nutzt die freie Zeit lieber, um seinen Roman zu schreiben.

Während eines Stipendiums am Literarischen Colloquium Berlin arbeitete Florian Scheibe an seinem zweiten Roman „Kollisionen“, der im August 2016 bei Klett-Cotta erschien. Darin erzählt er von dem Mittelschichtspaar Carina und Tom, das droht, am unerfüllten Kinderwunsch Carinas zu zerbrechen. Ihre Wege kreuzen sich immer wieder mit der schwangeren Mona, einer jungen Heroinabhängigen, die zumeist im Park vor der Wohnung Carinas und Toms abhängt. Zugleich haben Tom und Carina mit ihrem schleichenden sozialen Abstieg zu kämpfen, verursacht sowohl durch mehrere falsche Entscheidungen als auch durch die Gentrifizierung ihres Viertels.

Du schreibst über vermeintlich „weibliche“ Themen wie Schwangerschaft und Kinderwunsch. Was interessiert dich daran?

Mein Interesse ergab sich, als ich in meinem Umfeld das erste Mal mit dem Thema Kinderwunschbehandlung, künstliche Befruchtung etc. konfrontiert wurde. Wenn man heutzutage in einem bestimmten Alter ist (ab ca. Mitte 30), kommt man/frau ja fast zwangsläufig mit diesen Themen in Berührung. Nicht unbedingt persönlich, aber zumindest über Verwandte, Freunde, Bekannte. Fast jeder kennt irgendjemanden, der/die in einer Kinderwunschbehandlung ist oder sich zumindest Gedanken darüber macht. Davon zeugen nicht zuletzt die vielen Kinderwunschzentren (also Praxen, die sich ausschließlich der Kinderwunschmedizin und -behandlung widmen), die – vornehmlich im urbanen Raum – aus dem Boden schießen wie Pilze.

Das Verrückte daran ist, dass auf dem Feld der Kinderwunschbehandlung der menschliche Urtrieb (oder zumindest Urwunsch) nach Fortpflanzung und modernste Medizin aufeinandertreffen – man könnte auch sagen: kollidieren. Mit anderen Worten: Die moderne Medizin (die sich auf diesem Feld in den vergangenen dreißig Jahren unglaublich rasant entwickelt hat) ermöglicht vielen Menschen überhaupt erst, eine Familie zu gründen. Zugleich ergeben sich durch dieses Spannungsfeld aber auch zwangsläufig Konflikte. Vor allem stellt sich für die betroffenen Paare die Frage, wie weit sie in der Kinderwunschbehandlung gehen sollen, wenn es nicht gleich klappt. Damit verknüpfen sich dann auch all die ethisch-moralischen Fragen, über die ja vor gut einem Jahr im Zuge der sogenannten Dresdner Rede von Sybille Lewitscharow im Feuilleton breit diskutiert wurde. Insofern interessiere ich mich nicht so sehr für die Themen Schwangerschaft und Kinderwunsch, sondern für das Spannungsfeld, das sich daraus heute fast zwangsläufig ergibt. Natürlich hätte ich über das Thema nur aus der männlichen Perspektive schreiben können. Aber das hätte ich als falsch und vielleicht sogar ein bisschen feige empfunden. Insofern gibt es die männliche Perspektive in dem Roman, aber eben auch zwei Frauen, für die das Thema Schwangerschaft eine ganz unterschiedliche (ja, konträre) Rolle spielt.

Deine zwei Protagonisten sind sehr ambivalente Figuren: Einerseits lieben sie ihre Stadt samt deren Bewohnern und ihrer Schnelllebigkeit, andererseits lassen sie sich davon sehr stressen. Auch spezifischeren Themen wie der fortschreitenden Gentrifizierung ihres Viertels stehen sie sehr zwiegespalten gegenüber. Sind Tom und Carina für dich die Prototypen des modernen Stadtneurotikers?

Ich weiß nicht, ob Tom und Carina Prototypen des modernen Stadtneurotikers sind, aber ich glaube, sie sind schon typisch für das, was bei vielen Menschen zwischen 30 und 40 im (groß-)städtischen Raum zu beobachten ist: Die meisten lieben die Stadt mit ihrer Bewegung und ihren vielen unterschiedlichen (auch kulturellen) Räumen, suchen aber andererseits aber auch immer nach Fluchtmöglichkeiten. In Berlin ist das dann das Häuschen oder die Datsche in Brandenburg, in anderen Städten ist es dann vielleicht eher der Speckgürtel, der vermeintlich beides bietet. Wenn sie jedoch in der Stadt bleiben, dann ist das Gefühl der Menschen gegenüber dem urbanen Treiben fast immer ambivalent: Auf der einen Seite sind da die vielen Restaurants, Cafés, Kinos, die Theater und nicht zuletzt die vielen Bekannten und Freunde, die ebenfalls in der Stadt wohnen. Auf der anderen Seite ist da der Verkehr, der Stress, die Anonymität, die Härte und die Aggression, die aus alldem erwächst.

Im idealen Fall überwiegen die Gründe, die für ein Leben in der Großstadt sprechen, aber oft genug kippt es auch in die andere Richtung. Diese Ambivalenz als Grundgefühl, die ich bei vielen Freunden und Bekannten – und nicht zuletzt auch bei mir selbst – sehr gut beobachten kann, habe ich versucht in „Kollisionen“ einzufangen.

An einer Stelle heißt es über Tom: „Andererseits konnte er sich nichts Schlimmeres vorstellen, als künftig in einem Viertel zu leben, in dem es nur noch Menschen wie ihn gab: Biodeutsche, Besserverdiener, Akademiker zwischen Mitte dreißig und Mitte fünfzig.“ Kann oder soll man „Kollisionen“ als Plädoyer gegen die Gentrifizierung lesen?

Ja und nein. Auch hier ist das Gefühl ambivalent. Es ist das typische Phänomen, das man in den vielen großen Städten in Europa (aber auch darüber hinaus) beobachten kann. Je beliebter die Stadt, desto stärker werden auch die sogenannten Problemviertel erobert. Zuerst kommt die Vorhut: Künstler und Studenten (in erster Linie wegen der günstigen Mieten), doch nach und nach kann man eine zunehmende „Verbürgerlichung“ feststellen. Das konnte man in den Siebzigern in Manhattan in SoHo beobachten, in den Neunzigern in Barcelona im Raval, ein bisschen später in Hamburg im Schanzenviertel oder heute in Berlin-Neukölln. Die Mieten steigen, auf einmal gibt es Kindercafés, Bio-Eisdielen und Sterne-Restaurants. Wenn man selbst schon zuvor in einem solchen Viertel gelebt hat, dann ergreift einen eine gewisse Wehmut, weil auf einmal vieles verlorengeht. Andererseits ist man selbst natürlich Teil der Gentrifizierung und freut sich darüber, dass man direkt um die Ecke einen guten Cappuccino bekommt. Also liegen auch hier – wie so oft im Leben – „Gut“ und „Böse“ eng beieinander. Aber es stimmt schon: Wenn man sich Viertel anschaut, in denen die Gentrifizierung bereits abgeschlossen ist (falls man das so sagen kann) – in denen es also nur noch teure Miet- oder gar Eigentumswohnungen gibt und in denen nur „Biodeutsche, Besserverdiener und Akademiker zwischen Mitte 30 und Mitte 50“ leben –, würde man am liebsten wieder alles rückgängig machen. Aber dafür ist es dann zu spät. Die Geister, die man (gemeinsam mit anderen) rief, wird man nicht mehr los. Denn eines muss man sich klarmachen: Wenn die Gentrifizierung einmal richtig in Gang gekommen ist, dann wird sich das betroffene Viertel innerhalb von wenigen Jahren sehr stark verändern und die Bewohner können mehr oder weniger komplett „ausgetauscht“ werden.

Bestes aktuelles Beispiel ist der Reuterkiez in Berlin-Neukölln (genannt „Kreuzkölln“), der sich in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren so radikal verändert hat, dass man sich immer wieder die Augen reiben muss, wenn man da rumläuft. Andere Teile von Neukölln sind resistenter, etwa weil es eine über viele Jahrzehnte gewachsene türkische oder arabische Community gibt, die sich nicht so schnell vertreiben bzw. „entmieten“ lässt. Dafür herrschen in diesen Teilen wieder ganz andere Probleme. Die Frage nach dem „Pro“ und dem „Contra“ Gentrifizierung ist also sehr vielschichtig, und je länger man darüber nachdenkt, desto komplizierter wird es.

Wie baust du deine Geschichten auf? Entwickelst du den Plot bereits vorher oder schreibst du „einfach drauf los“?

Beides. Ich kenne das Ziel. Aber das meiste von dem Weg ergibt sich erst beim Schreiben. Mit anderen Worten: Ich kenne meinen Einstieg – also die Ausgangssituation und weiß ungefähr, wie die Geschichte enden wird. Aber zwischendurch passiert viel Unerwartetes. Auch wenn ich zwischenzeitlich einen Plan habe (oder eine Struktur), werfe ich ihn/sie ständig wieder um (oder er/sie wird vom Schreiben selbst umgeworfen). Das ist manchmal sehr anstrengend, weil sich das Schreiben gewissermaßen selbst seinen Weg bahnt und ich immer wieder neu überlegen muss. Andererseits ist es genau das, was mir am meisten Spaß macht: wenn das Schreiben mich überrascht und Dinge passieren, von denen ich zuvor selbst überhaupt keine Ahnung gehabt habe.

Manchmal wünsche ich mir, ich könnte gewissermaßen am Reißbrett einen Plot entwickeln und den dann Kapitel für Kapitel abarbeiten, weil es das Schreiben für mich kalkulierbarer machen würde. Andererseits bin ich dankbar dafür, dass sich „mein Schreiben“ nicht wirklich kontrollieren lässt, weil dadurch auch der Prozess selbst zu einem Abenteuer wird. Auch hier also wieder die schon so oft beschworene Ambivalenz.

 Wie und mit was schreibst du am liebsten?

Frühmorgens. Allein. Am besten auf dem Land. Im Bett, den Laptop auf dem Schoß. Das ist das Ideal, das sich aber leider nur selten verwirklichen lässt.

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