Nona Fernández – Die Straße zum 10. Juli

Greta ist auf der Suche nach ihrem alten Schulfreund Juan. Sie zieht in sein Haus, trägt seine Kleidung und geht mit seinem Hund Gassi. Doch Juan taucht nicht auf. Neben dieser Suche hat Greta zudem mit ihrer eigenen Vergangenheit zu kämpfen. In „Die Straße zum 10. Juli“ behandelt die chilenische Autorin Nona Fernández viele Themen – zu viele.

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„Was haben sie dir angetan… Willst du es mir nicht sagen?“
„Weißt du es wirklich nicht?“

Desaparecidos heißen sie, die Verschwunden Lateinamerikas, verschleppt während den Diktaturen (oder wie in Mexiko heute noch), tot vermutlich, einige auch zwangsadoptiert. Genau weiß das keiner, denn selbst Jahrzehnte später sind die Regierungen der betroffenen Länder wenig daran interessiert, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Die chilenische Autorin Nona Fernández nimmt sich in ihrem zweiten Roman, der jetzt, zehn Jahre später, auf Deutsch erscheint, unter anderem diesem Thema an. „Die Straße zum zehnten Juli“ erzählt von Greta, die auf der Suche nach ihrem alten Schulfreund ist und sich erinnert: Zwanzig Jahre zuvor verschwanden zwei ihrer linkspolitischen Freunde nach einer Demonstration.

Der Tod ihrer sechsjährigen Tochter, die bei einem Unfall des Schulbusses ums Leben kam, raubt Greta den Schlaf. Seitdem sammelt sie Wrackteile von verunglückten Autos, um sich daraus ein eigenes Höllengefährt zu bauen. Der Verlust der Tochter führte auch zur Trennung von ihrem Ehemann. Unterdessen wird Juan von einem Bauherrn mit dem sprechenden Namen Lobos unter Druck gesetzt; sein Haus ist das einzige in der Gegend, das noch bewohnt ist. Alle anderen sind weggezogen, um Lobos‘ neuem Projekt, einem gigantomanen Einkaufszentrum, Platz zu machen. Als Juan verschwindet, richtet sich Greta in seinem Haus ein und gedenkt ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Briefe, die Juan an Greta schrieb und die sie später findet, verdeutlichen die Beziehung, die sie eint: Nach einer Demo an ihrer Schule im Jahre 1985, also noch während der Diktatur Pinochets, wurden sie gemeinsam mit anderen Demonstranten verhaftet und ins Gefängnis geworfen. Zwei von ihren Freunden tauchten nie wieder auf. Ganz anders als Juans Ex-Frau, die plötzlich vor der Tür steht und das Haus endlich verkaufen will. Schnell stellt sich heraus: Sie ist schwanger – und zwar von Gretas Ex-Mann, ohne von deren Beziehung zu wissen. Und dann findet Greta auch noch Dateien auf Juans Computer, die beweisen, dass er an Artikeln über die Colonia Dignidad arbeitete. Ist er deswegen verschwunden? Hat Lobos seine Finger im Spiel? Oder hat sich der depressive Juan etwas angetan?

Es ist schwierig, den Plot von „Die Straße zum 10. Juli“ in wenigen Sätzen wiederzugeben. Und das ist auch der große Schwachpunkt von Nona Fernández‘ Roman: Während alle Ansätze, die Verschwundenen unter der Diktatur, die Trauer einer Mutter um ihr verstorbenes Kind, die Gentrifizierung Santiago de Chiles, die Colonia Dignidad… für sich genommen sehr spannend sind, fransen sie in dieser Masse aus. Die Recherchen Juans zur Colonia Dignidad gehören zu den interessantesten Kapiteln des Romans, brechen aber einfach ab, als Greta den PC ausschaltet – und werden nie wieder aufgegriffen. Und obwohl sie sich zu Beginn noch mit dem Tod ihrer Tochter auseinandersetzt, rückt dieser Schmerz schnell in den Hintergrund, als sie ihr obsessiv anmutendes Warten auf Juan beginnt (den sie, so nebenbei, seit zwei Jahrzehnten nicht gesehen hat). Was ist hier die Handlung? Was will uns Nona Fernández sagen? Die Gewalt, die in Chile herrscht und herrschte, ist möglicherweise das übergeordnete Thema des Romans, doch leider ist die Autorin darin nicht konsequent genug. Korrupte Bauherren, Kinderprostitution, verschwundene Kinder, verunglückte Menschen und selbst die Diktatur samt ihrer Verbrechen haben in diesem Buch nicht genügend Schrecken und Schlagkraft.

„Die Straße zum 10. Juli“ deutet an, dass Nona Fernández durchaus das Zeug zu einer großen Autorin hat. Aber vielleicht sollte es der gewogene Leser mit einem späteren Roman von ihr versuchen.

Zum Weiterlesen: Alejandro Zambra – Die Erfindung der Kindheit

Nona Fernández – Die Straße zum 10. Juli
Aus dem Chilenischen von Anna Gentz
Septime, Wien
Februar 2017, 333 Seiten

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