lesen.hören 11: Zsuzsa Bánk über die Freundschaft

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Ob’s beabsichtigt war? Zsuzsa Bánks großer, roter Ring, den sie an der linken Hand trägt, passt perfekt zu dem roten „hören“-Schriftzug hinter ihr und dem Schutzumschlag ihres neuen Romans. Bei dieser harmonischen Farbkombination steht der Abend vor ausverkauftem Hause, durch den FAZ-Redakteur Hubert Spiegel führt, direkt unter einem guten Vorzeichen.

In dem Roman „Schlafen werden wir später“ erzählt Bánk vom Schicksal zweier Frauen. Márta lebt mit ihrem Mann und drei Kindern in Frankfurt, während es ihre beste Freundin Johanna vor vielen Jahren in ein abgelegenes Dorf im Schwarzwald verschlug. Beide Frauen halten Kontakt und schreiben sich regelmäßig lange E-Mails. Darauf bezieht sich auch Spiegels erste Frage: Was hatte Zsuzsa Bánk denn zuerst im Kopf – die Handlung oder das Vorhaben, einen Briefroman zu schreiben? Die Schriftstellerin verrät: Als sie den Roman „Alles, alles Liebe“ von Barbara Honigmann las, kam ihr der Gedanke: „Sowas will ich auch machen!“ Vor allem der hohe Grad an Emotionalität, Intimität und Privatheit habe sie gereizt, diese beiden Ich-Perspektiven, die sich ohne Tabus alles sagen. „In einem konventionell erzählten Roman hätte ich das nicht entwickeln können“, sagt Bánk. Auch das Jonglieren mit der Sprache habe ihr Spaß gemacht. „Ich war in kein Sprachkorsett gezwungen und durch diese große Freiheit konnte ich auch Wörter wie Kotze und Pisse oder lautmalerische Begriffe wie Peng verwenden.“

Die wahre Schwierigkeit beim Verfassen des Romans sei für sie gewesen, so Zsuzsa Bánk, diese in kurzen Zeitabständen verfassten E-Mails in den regulären Verlauf der Jahre zu „pressen“, zum Beispiel die Schulferien von Hessen und Baden-Württemberg genau abzustimmen. „Das war meine große technische Herausforderung. Ich habe sehr viel gerechnet.“

Für ihre beiden Protagonistinnen ist Literatur Lebens-, ja, Überlebensmittel. Ständig zitieren sie große Schriftsteller und Poeten, vor allen Annette von Droste-Hülshoff, über die Johanna promoviert, hat es ihnen angetan; Johanna sehe „die Droste“ sogar als ihre Seelenverwandte an. Sie war erstaunt, sagt Bánk, dass fast jeder ihrer Freunde und Bekannten, denen sie vom Plot des Romans erzählte, eine „eigene Droste-Geschichte“ habe.

Ob denn der Roman anders geworden wäre, hätte sie eine Männer- und nicht eine Frauenfreundschaft beschrieben, möchte Hubert Spiegel wissen. „Ich kann nur aus der Frauenperspektive schreiben“, antwortet Bánk. „Der Roman ist stark von der Innensicht der Frauen geprägt, das könnte ich nicht auf einen Mann übertragen.“ Márta und Johanna sind ständig dabei, eine (vorläufige) Bilanz zu ziehen, befinden sich sozusagen an der „Scharnierstelle“, wie Spiegel es ausdrückt, ihres Lebens, und wollen wissen: Was erwartet uns noch?

„Die Briefe sind fast therapeutisch für sie. Beide versuchen, dem Leben Glücksmomente abzuringen“, erklärt Zsuzsa Bánk. Das habe sie interessiert: Was beschäftigt Frauen Anfang vierzig, was geschieht in diesem Lebensalter? „Sie betrachten das Leben in all seinen Facetten und Möglichkeiten, reflektieren sich selbst und haben ein starkes Mitteilungsbedürfnis. Sie denken sehr viel nach.“ Und trotz der so unterschiedlichen Lebensentwürfe von Johanna und Márta fragen sich beide, ob sie noch einmal bei Null anfangen, etwas ändern können. „Sie schaffen es nicht“, sagt Bánk zunächst, revidiert dann doch ihre Aussage: „Wobei, das Ende ist offen. Vielleicht können wir davon ausgehen, dass es noch andere Lebenswege gibt. Wir wissen es einfach nicht.“

lesen.hören 11 in der Alten Feuerwache Mannheim
03. März 2017
Zwei Frauen. Zsuzsa Bánk erzählt von der Freundschaft
Moderation: Hubert Spiegel

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3 Gedanken zu “lesen.hören 11: Zsuzsa Bánk über die Freundschaft

  1. Wie ich mich für dich freue, dass du bei dieser Lesung dabei gewesen bist! Lieben, lieben Dank für deinen schönen Bericht und den Blick hinter ein Buch, das ich sehr, sehr mag!

    Glücklich grüßend

    Klappentexterin

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