lesen.hören 12: Solidaritätsabend für inhaftierte Journalisten mit Doğan Akhanlı

Vorerst ist er raus, Denis Yücel, doch unzählige weitere Journalisten sitzen in der Türkei in Haft. Sie nicht zu vergessen ist unsere Aufgabe. Unter dem Hashtag #FreeThemAll veröffentlicht die Welt jeden Tag einen Artikel über einen in der Türkei verfolgten oder inhaftierten Reporter. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von 2017 befindet sich die Türkei inzwischen auf dem traurigen Platz 155 von 180. Doch nicht nur in der Türkei ist die Pressefreiheit bedroht: In diesem noch jungen Jahr 2018 wurden laut Reporter ohne Grenzen sieben Journalisten und Blogger getötet (in Mexiko, dem Jemen, Brasilien, der Slowakei und Syrien), 319 sitzen in Haft – und diese Zahlen beziehen sich nur auf diejenigen, die ganz eindeutig wegen ihrer Arbeit verfolgt werden.

Die Idee zu diesem Abend, bei dem den politisch Verfolgten gedacht werden soll, stammt von Doğan Akhanlı. Akhanlı gehört zu den Journalisten und Schriftstellern, die unter dem Erdoğan-Regime zu leiden haben. Letztes Jahr wurde er in Deutschland einer breiteren Masse bekannt, als er, gesucht von Interpol, in Granada festgenommen und auf Geheiß der Türkei zwei Monate inhaftiert war – deutsche Staatsbürgerschaft zum Trotz. Bei seinem Schicksal ist die positive Ausstrahlung des Schriftstellers wirklich bewundernswert. Sowohl auf der Bühne als auch beim Signieren bleibt Akhanlı freundlich, geduldig und lächelt offen.

In seinem Buch „Verhaftung in Granada“, vor wenigen Wochen bei KiWi erschienen, hält der Autor seine Erfahrungen fest. „Ich spreche als Bürger, nicht als Journalist“, betont er. Und fügt hinzu: „Orhan Pamuk lehnt es ab, über etwas anderes als seine Romane zu reden. Aber ich habe diesen Luxus nicht.“

Akhanlı war mehrfach verhaftet worden, erstmals im Jahr 1975 als achtzehnjähriger (noch unpolitischer) Schüler, nachdem er eine linke Zeitschrift gekauft hatte. Damals wurde er auch zum ersten Mal gefoltert, später erlebte er eine zweite, dreißig Tage andauernde Folter. „Die zweite Erfahrung war leichter als die erste“, so Akhanlı. „Ich war zu dem Zeitpunkt schon im Untergrund und wir alle wussten, was in diesem Folterstaat in den Gefängnissen passiert. Ich habe die Folter nicht persönlich, sondern politisch genommen.“

Im Jahr 2010, hatte Doğan Akhanlı zum letzten Mal für vier Monate in einem Istanbuler Gefängnis gesessen. Diese Erfahrungen prasselten während seiner erneuten Haft auf ihn ein. „Ich war wie zurückversetzt. Ich habe das Buch in vierzig Tagen geschrieben.“ Das Buch sei vor allem eine Abrechnung mit dem türkischen Regime, so der Autor, aber auch die Erinnerung an seine Vergangenheit. „Im Gefängnis habe ich mich auf meine Kindheit zurückbesonnen. Ohne meine Mutter wäre ich kein Schriftsteller geworden“, erzählt er. „Dank Atatürk gab es selbst in unserem Dorf Übersetzungen der Weltliteratur, die meine Mutter uns vorlas. Durch diese Literatur hat sich mir die Welt erschlossen. Deswegen habe ich mich nirgendwo fremd gefühlt, weder in Ankara noch in Istanbul oder Köln.“

Doğan Akhanlı verrät, dass er zu Beginn seiner Karriere Schwierigkeiten hatte, seine Stimme zu finden. „Ich wollte nicht als Aktivist schreiben und die literarische Sprache ist eine andere als die politische.“ Vor allem bei der Beschreibung von Folter habe er sich schwergetan. „Es ist leichter, wenn man diese Erfahrung nicht gemacht hat, weil man dadurch Distanz wahrt. Ich habe lange eine Form gesucht, um mit der Täterperspektive genauso neutral umzugehen wie mit der des Opfers.“

Zurück in Deutschland wurde Akhanlı noch am Düsseldorfer Flughafen von einem Deutschtürken beschimpft. Der Zustand der Bedrohung scheint nicht aufgehoben: Ein Leibwächter befindet sich auch bei der Lesung stets in seiner Nähe. Die Spannungen in der deutsch-türkischen Community seien größer geworden, resümiert der Schriftsteller, vor allem nach dem gescheiterten Militärputsch. „Früher gab es lediglich eine säkulare und eine traditionelle Gesellschaft. Heute sind es viel mehr Gruppen.“ Dabei bestände doch gerade in Deutschland die Möglichkeit, einander ohne Gewalt kennenzulernen. „Ich hätte den Mann, der mich am Flughafen als ‚Vaterlandsverräter‘ beschimpft hat, gerne gefragt, warum er meine Aussagen so verletzend findet.“

An diesem Abend geht es aber nicht nur um Akhanlıs Schicksal, auch an anderen politisch verfolgten Journalisten soll gedacht werden. Brigitta Assheuer und Isaak Dentler lesen im Verlauf des Abends mehrere Exzerpte von Autoren vor, die inhaftiert sind oder waren oder deren Verbleib unbekannt ist.

Ramón Esono Ebalé, auch bekannt als Jamón y Queso, Äquatorialguinea, ist nach Paraguay ausgewandert, musste aber wegen seiner Passverlängerung zurück und wurde festgenommen; ist scheinbar wieder frei; Kontakt zu seiner Ehefrau über den PEN hergestellt
Miguel Hernández, vom Franco-Regime verhaftet worden, starb 1942 während seiner Haftstrafe an Tuberkulose
Narges Mohammedi, Journalistin und Menschenrechtsaktivisten, sitzt trotz ihres schlechten Gesundheitszustands im Iran in Haft; Kontakt zu ihren Brüdern über den PEN hergestellt, die einen Brief von ihr übermittelten
Fesshaye „Joshua“ Yohannes, Eritrea, Schicksal ungewiss – starb vermutlich vor vielen Jahren im Gefängnis; Brief von Bruder verlesen
Nelson Aguilera, Paraguay, inzwischen wieder frei, muss sich aber monatlich melden, Vorwurf: Plagiat
Mohamedou Ould Slahi, war, obwohl er erwiesenermaßen unschuldig ist, jahrelang in Guantanamo,; Text aus „Das Guantanamo-Tagebuch“ gelesen
Liu Xiaobo, verstorbener chinesischer Nobelpreisträger; Text von seiner Ehefrau, der Künstlerin Liu Xia, vorgelesen, die seit Jahren unter Hausarrest steht

Die Lücke in der Mauer. Mannheimer Solidaritätsabend für politisch Verfolgte mit Doğan Akhanlı.
6. März 2018
Moderation: Insa Wilke
Mit: Isaak Dentler, Brigitta Assheuer

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