Literarische Streifzüge durch die Stadt: Fünf Frankfurt-Romane

Gefühlt neunzig Prozent der deutschsprachigen Romane spielen in Berlin; das Genre des Frankfurt-Romans muss erst noch erfunden werden. Immerhin: Am Rand erwähnt wird die Stadt öfter, von Thomas Manns „Felix Krull“ bis zu Sina Poussets „Schwimmen“. Und einige Autoren machen Frankfurt doch zur Protagonistin. Fünf Lektüreempfehlungen.

Andreas Maier – Kirillow (2005)

„…und somit sei dieses hiermit beendet als Prolog in der Hölle, denn nichts anderes als eine Hölle ist die Kellerstraße siebzehn in Frankfurt-Ginnheim.“

Bevor der Wahl-Frankfurter und Zwangs-Hamburger Schriftsteller Andreas Maier begann, sich seinem Großprojekt „Ortsumgehung“ und somit (zunächst) der Wetterau zu widmen, veröffentlichte er den „Frankfurterischsten“ Roman, den man sich vorstellen kann. Seine Protagonisten, allesamt linke Mitzwanziger, taumeln in „Kirillow“ orientierungslos durch die Stadt, sind mal in der Oppenheimer Bar in Sachsenhausen oder in der Stalburg im Nordend, sie suchen das Marienkrankenhaus auf, Dr. Flotte, die Weinstube Bockenheim, fahren in den Taunus, schippern über den Main und sind überhaupt die ganze Zeit in den Straßen Frankfurts unterwegs, bevorzugt zur Nachtzeit. Neben dem hohen Alkoholkonsum und dem vielen Gerede haben sie eigentlich auch eine Agenda: Sie wollen gemeinsam mit anderen Studierenden den drohenden Castortransport aufhalten.

Jörg Fauser – Rohstoff (1984)

„Vielleicht lag es an dieser heißen, engen Stadt, die ihre Dynamik am Himmel austobte, jede Börsenerholung mit einem neuen Wolkenkratzer feierte, erfüllt war mit unablässigen Dröhnen, Preßlufthammern, Abrißbirnen, U-Bahn-Rammen, abends die giftige Luft aus den lädierten Lungen stieß, eine tödliche Dosis…“

Wie so viele Frankfurter verbindet Harry Gelb eine starke Hassliebe zu seiner Heimatstadt. Ihn verschlägt es nach Istanbul, Berlin und Göttingen, aber am Ende landet er doch wieder in Frankfurt. Während die einen mitten im Häuserkampf die Revolution planen (Baader wird bestimmt bald auftauchen!) versucht sich Jörg Fausers Alter Ego in „Rohstoff“ lieber am exzessiven Drogenkonsum. Harry Gelb gelingt es, seine Geister hinter sich zu lassen, er schreibt einen Roman à la Bukowski, gibt ein Untergrundmagazin heraus, arbeitet auch mal als Nachtwärter an der Uni. Dazwischen trinkt er sich, beständig auf der Suche nach einem kleinen bisschen Sinn, durch die Kneipen Frankfurts und lernt allerlei skurrile Gestalten kennen. Jörg Fauser, der ein ähnliches Konsumverhalten wie sein Protagonist an den Tag legte, wurde 1987 an seinem 43. Geburtstag von einem LKW erfasst – vermutlich hatte er versucht, betrunken die Straße zu überqueren.

Valentin Senger – Kaiserhofstraße 12 (1978)

„Bei all ihren Vorsichtsmaßnahmen bedachte Mama jedoch nicht, daß in einer so liberalen und weltoffenen Stadt wie Frankfurt, in der Juden in Christen seit Jahrhunderten nebeneinanderlebten, es einmal etwas Lebensgefährliches sein könnte, Jude zu sein.“

Valentin Senger erzählt in „Kaiserhofstraße 12“, der erste Roman der 2010 ins Leben gerufenen Lesereihe „Frankfurt liest ein Buch“, die unglaubliche Geschichte seines eigenen Lebens. Er wächst in dieser Seitenstraße zur Fressgass‘ auf; in den Zwanzigern ist die Kaiserhofstraße eine lebhafte, durchmischte kleine Welt, hier treffen Schauspieler der Alten Oper, Transvestiten, Prostituierte und jüdische Familien aufeinander. Eine heterogene Gemeinschaft, die bestens funktioniert – bis sich mit Hitlers Machtergreifung alles ändert. Der Jude Valentin Senger wird mit seiner Familie über die gesamte NS-Zeit in dem Hinterhaus der Nummer 12 wohnen bleiben und vielen Zufällen, Wundern und hilfreichen Menschen zum Dank überleben.

Jakob Arjouni – Happy Birthday, Türke! (1985)

„Zum zweiten Mal an diesem Tag schaukelte mich die U-Bahn zu Hauptbahnhof. Dann stand ich am Ende der Rolltreppe und am Anfang einer der Luststraßen, die ich hintereinander nach der Dirne durchsuchen mußte. Helles, saftiges Neon, Zentnerbusen, orgiastisch grunzende Frauen in Öl, rosa kolorierte Arschberge zogen sich links und rechts die Häuserwände entlang. Vor den roten Plüscheingängen verschiedener Clubs lehnten bleiche, ranzige Männer, um mit markigen Sprüchen die vorbeiziehenden Passanten zu einem Besuch anzuhalten.“

Er war gerade einmal 21 Jahre alt, als Jakob Arjouni seinen ersten Krimi „Happy Birthday, Türke!“ veröffentlichte, vier weitere sollten in den nächsten Jahrzehnten folgen. Seinem Privatdetektiv Kemal Kayankaya wird darin, noch völlig verkatert, ein Mordfall zugetragen, den er aufklären soll. Kayankayas Ermittlungen führen ihn ins Bahnhofsviertel: Der Tote war ein Heroindealer. Doch wer hatte noch seine Finger im Spiel? „Happy Birthday, Türke“ wurde in mehrere Sprachen übersetzt und 1992 unter der Regie von Doris Dörrie verfilmt. Erst kürzlich erschien bei der Edition Büchergilde eine Ausgabe mit fantastischen Illustrationen von Philip Waechter, dem Sohn des legendären Zeichners und Karikaturisten F. K. Waechter. Jakob Arjouni hat dies leider nicht mehr mitbekommen: Er verstarb Anfang 2013 an einem Krebsleiden.

Peter Kurzeck – Übers Eis (1997)

„In der Juliusstraße. Wo ist denn die Juliusstraße? Gleich rechts von der Leipziger. An der Ecke ein Supermarkt, ein HL, und direkt daneben grüngekachelt ein Kasten, ein Apartmenthaus… Beim Hauseingang jetzt. Eine ganze Wand Briefkästen. Die meisten offen. Aufgebrochen, die Türen verbogen. Ganz ohne Türen. Und Briefkästen, in denen es gebrannt hat.“

Kaum ein Frankfurter Autor hat so viel literarisches Renommee wie der Wahl-Bockenheimer Peter Kurzeck. Der Titel seines Romans „Übers Eis“ (1997) lässt es schon vermuten: Es ist kalt, nass, ungemütlich. Recht unverblümt beschreibt Kurzeck sein eigenes Leben in seiner Wahlheimat Mitte der achtziger Jahre. Da ist Sybille, die ihn verlassen hat, Carina, die gemeinsame Tochter, da ist der chronische Geldmangel und die existentielle Krise, unter der er leidet. Er versucht, wieder mit dem Leben klarzukommen, unternimmt nie enden wollende Spaziergänge durch Frankfurt auf Wohnungssuche, auf Jobsuche, mit seiner kleinen Tochter Carina. Wie nebenbei entfaltet Peter Kurzeck dabei in ganz eigenem Stil ein breites Spektrum der westdeutschen Gesellschaft, insbesondere Frankfurts. Kein Wunder, dass Kurzeck als der Chronist seiner Zeit galt.

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