Interview: Takis Würger über „Stella“

Groß vom Verlag promotet, seit heute in den Buchhandlungen erhältlich: In „Stella“, seinem zweiten Roman, erzählt Takis Würger von Stella Goldschlag, einer Jüdin, die während des Zweiten Weltkrieges für die Gestapo arbeitete und mutmaßlich 300 Juden in den Tod schickte (mehr zu ihrer Geschichte, die ich hier äußerst knapp angerissen habe, auf Wikipedia). In Takis Würgers Roman lernt der Schweizer Friedrich bei einem Besuch in Berlin Stella unter dem Pseudonym Kristin kennen und verliebt sich in sie – mitten während des Krieges.

Das furchtbar grisselige Foto, auf dem man nur mit viel gutem Willen etwas erkennt (jaja, I know, ist ein Cut aus einem Video), entstand im Dezember beim Autor in der Wohnung, als mehrere Blogger*innen zu einem Preview eingeladen waren. Wenige Tage darauf traf ich mich mit Takis auf zwei Käffchen in Kreuzberg. Das kam bei unserem Gespräch heraus:

Zunächst ganz allgemein: Wie kamst du zu diesem Stoff? Was interessiert dich an Stella Goldschlag?

Ein Berliner Freund hat mir vor rund zweieinhalb Jahren von dieser Geschichte erzählt. Ich war sofort gefesselt von der Figur, weil mich faszinierte, wie nah Terror und Leichtigkeit in der NS-Zeit nebeneinanderlagen. Stella war Aktmodell und ging in Jazzclubs, ihr ging es oft gut – gleichzeitig musste sie um ihr Leben fürchten. Wenn ich mich mit der Shoa auseinandersetze, stelle ich mir unweigerlich die Frage: Wo hätte ich gestanden? Ich habe erst mit 28 erfahren, dass mein Urgroßvater, dem ich „Stella“ auch widme, vergast wurde. Ein Großteil meiner Familie war Frontsoldaten – und plötzlich taucht jemand auf, der von den Nazis ermordet wurde. Die Ambivalenz in meiner eigenen Geschichte hat mich interessiert. Das ist auch der Punkt: Wenn wir uns mit dem Thema beschäftigen, hat Ambivalenz keinen Platz. Stella hat bei mir zu einer differenzierteren Auseinandersetzung mit dieser Zeit geführt; ich wusste vorher zum Beispiel nicht, dass es die „Greifer“ gab. Viele erste Reaktionen, die ich auf den Roman bekomme, zeigen ein Unverständnis dafür, dass ich ein Monster so liebenswert zeichne. Aber dieser Aspekt gehört für mich zu der Unbegreiflichkeit dieser Zeit dazu: Die „Monster“ waren auch Ehefrauen, Eltern und Freunde.

Wie bist du bei der Recherche vorgegangen? Nicht nur in Bezug auf Stellas Geschichte, sondern auch auf die Umgebung: Du beschreibst beispielsweise Werbeschilder oder Gerüche ja sehr genau.

Ich habe das Glück, dass ich als Journalist darin geübt bin, zu recherchieren. Ich bin an den Stoff herangegangen, als würde ich eine Reportage schreiben, habe unter anderem die Jahreschronik des Adlons gelesen, Akten, Museen besucht und mit Historikern gesprochen. Ich hatte ursprünglich auch überlegt, die Geschichte ins Jahr 1939 zu versetzen. Eine Museumsdirektorin hat mir in einem stundenlangen Gespräch diese Idee ausgeredet. Während der Recherche habe ich irre viel gelernt. Ich hatte, trotz meines Abiturs in Deutschland, nur eine bruchstückhafte Vorstellung, wie die NS-Zeit war, die Lehrer konnten mir das nicht vermitteln. Erst als ich als junger Mann in Auschwitz war, hat mich das überrollt. Nach diesem Besuch hatte ich mehr Fragen als zuvor. Ich hoffe, dass es den Lesern nach der Lektüre ebenso geht.

Wieso hast du dich für die Perspektive des jungen Friedrichs entschieden und nicht für die von Stella selbst?

Ich habe den Stoff zwar fiktionalisiert und Stella ist eine historische Figur, aber auch nicht so historisch, dass es keine Angehörigen der Opfer mehr gäbe. Es wäre geschmacklos gewesen, aus Stellas Sicht zu schreiben. Durch Friedrichs Perspektive gibt es außerdem eine weitere Facette: Nicht nur die moralische Frage um Stellas Taten, die ihre Eltern retten möchte, wird ins Zentrum gerückt, auch Friedrichs Handeln spielt eine Rolle – wie weit ist man bereit, für die Liebe zu gehen?

Dein junger Protagonist reist Anfang 1942, mitten während des Zweiten Weltkrieges, von der sicheren Schweiz nach Berlin. Wie realistisch ist dieses Szenario? Hat es das öfter gegeben?

Dieser Teil ist fiktiv. Allerdings schauen wir aus unserer Perspektive immer auf die komplette NS-Zeit. Der Januar 1942, als Friedrich nach Berlin geht, war vor Stalingrad, vor dem D-Day und vor den Luftangriffen auf Berlin. Es war nicht absehbar, dass Deutschland den Krieg verlieren würde, es sah vielmehr danach aus, als würden die Nazis die Welt erobern. In Berlin gab es zu jener Zeit noch relative Freiheiten, Jazzclubs waren geöffnet, Linienbusse fuhren, der Schwarzmarkt florierte. In manchen Aspekten war Berlin selbst zu jener Zeit eine tolle Stadt. Ich hätte möglicherweise auch wie Friedrich gehandelt. Außerdem wollte er ursprünglich nicht bleiben, er konnte nicht absehen, dass er sich verliebt. Einer der Gründe, aus denen er später doch geht, ist, dass der Krieg schließlich doch nach Berlin kam.

Wo wir von Berlin reden: Was macht für Autoren den Reiz von Berlin als Setting aus?

Ganz ehrlich, ich hätte die Geschichte lieber an einem anderen Ort spielen lassen, in München oder Wien zum Beispiel, einer Stadt, die ich kenne. Ich habe zu dem Zeitpunkt, als ich „Stella“ geschrieben habe, noch nicht in Berlin gelebt und anfangs alles durcheinandergeworfen, zum Beispiel den Zoologischen Garten mit dem Tiergarten verwechselt.

Wie viele Freiheiten hast du dir genommen – wie nah ist deine Figur an der historischen Stella? Gab es Friedrich wirklich?

Stella Goldschlag war in ihrem Leben fünfmal verheiratet; über die ersten Männer weiß man einiges, Friedrich ist aber trotzdem fiktiv. Bei Stella hingegen habe ich versucht, sie so zu skizzieren, wie sie laut den Berichten von Menschen, die sie kannten, auch war. Ich hoffe, der historischen Figur nahe zu sein, die schillernd und eiskalt zugleich war. Tristan, der dritte Protagonist des Romans, ist auch fiktiv, aber an den Gestapo-Chef Reinhard Heydrich angelehnt, der wie Tristan ein faszinierender, widersprüchlicher Mensch war: An einem Tag organisierte er die Wannseekonferenz, am nächsten Tag war er in der Oper so berührt, dass er weinte.

Und welche Bedeutung haben für dich die offiziellen Aktennotizen, die du an vielen Stellen zitierst?

Als ich für meine Recherche in den Akten gelesen habe, wurde Stella für mich auf eine ganz andere Art lebendig, als Friedrich sie kennenlernt; die kühle Polizeisprache und die grausamen Fakten stellen einen Kontrast zu der verliebten Sicht Friedrichs dar. Die historischen Dokumente zeigen, dass dies größer ist als eine einfache Liebesgeschichte.

Ist Friedrich für dich ein schwacher Mensch?

Weder als Mensch noch als Schriftsteller möchte ich so ein Urteil fällen, über niemanden. Ich wünsche mir, ich hätte in seiner Situation anders gehandelt, ich weiß es aber nicht. Verliebte machen dumme Dinge, und das tut Friedrich ganz, ganz oft. Ich will darüber aber nicht urteilen. Außerdem hat er auch starke, mutige Momente, zum Beispiel, als er beschließt, nach Berlin zu gehen oder als er es endlich doch schafft, Stella zu verlassen. Spätestens dadurch, dass er nicht komplett kaputtgeht, beweist er seine Stärke. Aber mit ihm befreundet sein wollte ich nicht sein.

Ist Liebe denn das zentrale Motiv des Romans?

Ich denke nicht in Motiven, sondern in Geschichten. Diese Frage sollten lieber die Leser beantworten. Für Friedrich ist Liebe die treibende Kraft, für Stella und Tristan aber nicht.

Hast du Verständnis und Empathie für Stella – für die echte Stella wie deine Protagonistin?

Verständnis… Wenn man mit dieser Zeit realistisch umgehen will, sollte man die Frage nicht beantworten. Ich habe mich im Frühjahr letzten Jahres in Tel Aviv zwei Monate lang regelmäßig mit einem Auschwitz-Überlebenden getroffen, und er sagte mir jedes Mal: Du verstehst es nicht. Nach ungefähr einem Monat begriff ich langsam, was er meinte. Der Gedanke, man selbst hätte nie so gehandelt, ist natürlich sehr schön und basiert auf all dem, was wir heute wissen. Aber ganz ehrlich: Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte. Und Empathie – aus Friedrichs Perspektive, seiner Liebe für diese Frau, bringe ich ein minimalstes Maß an Empathie für sie auf. Mein Urteil fällt aber vollkommen anders als seins aus.

Du wohnst seit Kurzem in Berlin. Wie kam es dazu? Und wie gefällt es hier?

Ich bin absolut begeistert von der Energie hier. Ich lebe seit Juni hier, und was für ein toller Sommer das war! Ich saß praktisch nur draußen am Landwehrkanal, im Tempelhofer Feld oder auch nachts auf dem Bordstein und habe Bier getrunken. Berlin ist total anders als Hamburg, wirklich eine Weltstadt, viel rauer und zugleich schillernder, heftiger. Dieses Jahr werde aber ich aber wenig von Berlin haben: Zunächst bin ich auf dreimonatiger Lesereise durch Deutschland, im Anschluss geht es f+r zwei Monate in die USA, mein Debütroman „Der Club“ erscheint dort nämlich bald als Buch und Hörbuch. Und danach habe ich mehrere längere Reisen geplant.

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