lesen.hören 11: Ein Abend für Roger Willemsen

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Es wird ein lustiger, es wird ein trauriger Abend werden, der Abend, der Roger Willemsen gewidmet ist. Freunde von ihm erinnern seiner, lesen Texte, erzählen von ihrer Beziehung zu ihm. Insa Wilke, die diese emotionale Veranstaltung einleitet, sagt: „Es ist nicht jeder ersetzbar.“ Roger Willemsen soll heute, ziemlich genau ein Jahr nach seinem Tod, genauso geehrt werden, wie er im Jahr 2014 seinen verstorbenen Freund Dieter Hildebrandt ehrte. „Roger schaffte es, die Menschen glücklicher zu verlassen, als er sie vorgefunden hat“, erinnert sich Wilke. „Wir werden die Lücke, die er hinterlässt, ganz bewusst nicht schließen. Aber es geht trotzdem weiter.“

Im ersten Teil des Abends trägt die Schauspielerin Marion Maika, begleitet von dem Pianisten Frank Chastenier, die beide mit Willemsen befreundet waren, mehrere Texte von ihm vor. Dann betritt der Autor Michael Lentz die Bühne, der durch den Abend leiten wird. Zunächst begrüßt er Nadia Nashir und Joseph Vogl. Nadia Nashir gründete 1992 den Afghanischen Frauenverein, dessen Schirmherr Roger Willemsen ab dem Jahr 2006 war. Gemeinsam reisten sie durch Afghanistan. Nashir liest Briefe vor, die afghanische Kinder an Roger Willemsen schickten. „Bitte geben Sie mir Ihre Maße“, schreibt ein Junge. Sein Onkel wolle ein Hemd für ihn schneidern. Er und alle anderen bedanken sich für Willemsens Engagement. 500 Brunnen, so Nadia Nashir, wurden dank ihm in Afghanistan gebohrt. „Er hat seine Versprechen gehalten.“ Auf ihrer Reise wurde Roger Willemsen, wie sie erzählt, zunächst durch seine Größe wahrgenommen. Aber auch sein Auftreten verwunderte: Ein Gast aus Deutschland, der in einem verstaubten Taxi durchs Land fährt, anstatt von einer Militäreskorte begleitet zu werden. „Er war mutig, gelassen und immer freundlich“, blickt Nadia Nashir zurück. „Und obwohl er die Sprache nicht verstand, hat er die Menschen trotzdem verstanden.“

Joseph Vogl von der Humboldt-Universität in Berlin verband eine „altmodische“ Freundschaft mit Roger Willemsen. Kennengelernt hatten sie sich durch ihr gemeinsames Interesse für Robert Musil, über den Willemsen seine Dissertation schrieb. „Er hatte einen besonderen Blick auf die Literatur: Passion und scharfe Argumente mussten sich nicht widersprechen.“ Spannungsverlust, so Vogl, habe für Willemsen „Sündencharakter“ gehabt. Deswegen simulierte er in Gesprächen auch dann noch Hochspannung, wenn er „intellektuell bereits verwest war.“ Vogl liest Briefe vor, die er selbst mit seinem alten Freund austauschte. Und er widmet sich Roger Willemsens posthum erschienenem Werk „Wer wir waren“. Das „wir“, so Joseph Vogl, sei zunächst einladend, ziehe sich aber schleichend zurück und mache daraus ein „ihr“: Seht, in was für einer Gesellschaft wir, ihr, heute leben.

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Nach einer Pause, in der sowohl der Bücherstand als auch der kleine Basar des afghanischen Frauenvereins – von dem übrigens dreißig Mitglieder teilweise aus Prag, München und Hamburg angereist sind, um Roger Willemsen zu ehren – betreten Katja Kraus, Barbara Auer und Werner Köhler die Bühne. Katja Kraus, ehemalige Torhüterin des FSV Frankfurt, war mit Roger Willemsen befreundet und interviewte ihn entsprechend für ihr Buch „Freundschaft“. „Es war nicht einfach, ihm in einem Gespräch nahezukommen, weil er ein großer Fragensteller war und virtuos von sich ablenken konnte“, resümiert Kraus. Über Fußball sprachen die beiden ebenfalls gerne. „Er verstand davon relativ wenig, auch wenn er das nicht glauben wollte“, verrät sie mit einem Schmunzeln. Trotz Willemsens Interesse für Hochkultur war er auch in unerwarteten Bereichen zumindest oberflächlich bewandert: „Er wusste immer, wie es um die Ehe der Lombardis bestellt ist!“

Die Schauspielerin Barbara Auer lernte Roger Willemsen 1995 kennen, als er sie zu einem Interview für „Willemsens Woche“ einlud. Vor lauter Ehrfurcht und Nervosität betrank sie sich in der Hotelbar, anstatt sich mit ihm für ein Vorgespräch zu treffen. „Ich wusste nicht, was er mit einem macht.“ Später sollte sie es erfahren: „Er schafft Raum, wie ich es noch nie erlebt habe.“ Während viele andere Interviewpartner eine Frage nach der anderen abhaken, gab ihr Roger Willemsen „das Gefühl, er sieht nur mich.“ Wie Katja Kraus liest sie Textstellen aus Willemsens „Momentum“. „Da ist er mir am nächsten“, sagt sie. Er sprach „Momentum“, wie fast alle seiner Werke, auch als Hörbuch ein. „Ich tröste mich mit seinen Hörbüchern“, sagt Auer. „Vor allem mit diesem.“

Der erste Text, den er von Roger Willemsen gelesen habe, erinnert sich der Begründer der lit.Cologne, Werner Köhler, seien Liner Notes in einem Merkheft von Zweitausendeins gewesen. „Er schrieb über Little Jimmy Scott. Ich bin sofort in den nächsten Laden und habe mir die Platte gekauft.“ Sie verband vor allem die Liebe zur Musik. „Ihn interessierte nicht nur die Musik, sondern auch die Menschen dahinter, besonders diejenigen, die verletzlich waren, bei denen man die Verletzlichkeit in der Musik gehört hat.“ Willemsen sei immer voller Inbrunst gewesen. „Er hat jeden mitgerissen. Im Restaurant sagte er den Kellnern wiederholt, wie großartig alles sei.“ Außerdem organisierten sie zahlreiche Veranstaltungen zusammen. „Einmal kam er mit der Idee, etwas über Kontaktanzeigen zu machen. Bei jedem anderen wäre ich aus dem Raum gegangen“, so Köhler. „Ihm gelang der Spagat zwischen einem Lachen, das gefriert, und dem Zerbrechlichen, das in den Menschen liegt.“ Immer gemäß dem Credo: Wir müssen den Leuten etwas zumuten.

Marion Mainka trägt einen letzten Text von Roger Willemsen vor und der Perkussionist Hakim Ludin, der mehrere Abende mit Willemsen bestritten hatte, spielt ein Stück. Es wurde viel gelacht, sowohl bei den Textstellen Roger Willemsens als auch bei den Anekdoten über ihn. Der ein oder andere im Publikum wischt sich aber über die Augen. Und die kleinen Ausrutscher der Freunde und Wegbegleiter auf der Bühne, die manchmal unbemerkt ins Präsens fallen, wenn sie über ihn sprechen, zeigen: Roger Willemsen ist nach wie vor gegenwärtig.

lesen.hören 11 in der Alten Feuerwache Mannheim
18. Februar 2017
Herzenssache: Ein Abend für Roger Willemsen
Mit Barbara Auer, Frank Chastenier, Werner Köhler, Katja Kraus, Hakim Ludin, Marion Mainka, Nadia Nashir, Joseph Vogl
Moderiert von Michael Lentz

lesen.hören 11: Katja Lange-Müller und Benjamin Lebert

Auf den ersten Blick wirken sie ein wenig wie ein Gegensatzpaar: Benjamin Lebert blickt zumeist nach unten und redet mit ruhiger, ernster Stimme, während die extrovertierte Katja Lange-Müller viele Witze macht und Anekdoten aus ihrem Leben erzählt. Doch beide scheinen sich länger zu kennen, duzen und umarmen sich am Ende der Lesung. Sie sprechen über das Thema Hilfe, um das es sowohl in Leberts als auch in Lange-Müllers aktuellem Roman geht. Und siehe da: Gerade durch die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Autoren wird dieser Abend, durch den hr2-Moderator Alf Mentzer führt, zu einer runden Veranstaltung.

Katja Lange-Müller und Benjamin Lebert schreiben nicht nur über das Helfen, sie waren auch selbst aktiv. Lange-Müller, die in der DDR aufwuchs und wegen „unsozialistischen Verhaltens“ von der Schule flog, bekam als junge Frau das Angebot, in einer Psychiatrie zu arbeiten. Als man ihr dort sagte, sie habe „den Hang zur Tendenz zur rückläufigen Kaderentwicklung“, war sie davon überzeugt, die Stelle anzunehmen. „Nicht einmal Kafka hätte das so schön formuliert, also sagte ich mir: Okay, das machst du!“ Und blieb neun Jahre lang. Ihr Roman „Drehtür“, der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2016 stand, entsprang der Überlegung, was passiert wäre, hätte sie weiterhin als Pflegekraft gearbeitet. Ihren ersten literarischen Text schrieb die Autorin übrigens, nachdem sie zehn Nachtwachen hintereinander hatte. „Es war noch dunkel, als ich mich in die Kneipe setzte und anfing zu schreiben. Und als ich fertig war, war es wieder dunkel. Da habe ich bemerkt: Schreiben ist autotherapeutisch.“

Benjamin Lebert erzählt von seiner zweimonatigen Arbeit in einem Kinderheim in Kathmandu. In Nepal werden Kinder oft als Arbeitssklaven oder Zwangsprostituierte verkauft. In dem Kinderheim, in dem sich Lebert engagierte, leben Kinder, die aus ihrer Versklavung befreit wurden. „Eigentlich wollte ich gar nicht darüber schreiben“, sagt Lebert. „Aber mich hat das nicht mehr losgelassen, das Thema hatte eine enorme Dringlichkeit.“ Seine Augen haben sich „mit diesem Dunkel gefüllt“, allerdings: „Freude lebt auch an den schlimmsten Orten.“ Lebert wird sich der Wucht seiner Aussagen bewusst und lockert die Stimmung mit einem Witz: „Ihr seht, es wird ein sehr esoterischer Abend.“

Während Katja Lange-Müller aus der Perspektive einer Krankenschwester schreibt, wählt Benjamin Lebert in „Die Dunkelheit zwischen den Sternen“ die der Kinder – und eines Hundes, der das verheerende Erdbeben, das Nepal im April 2015 erschütterte, bereits Tage vorher spürt. Neun Tage vor diesem Erdbeben war Lebert wieder in Deutschland. Per E-Mail erfuhr er, dass das gesamte Haus zerstört wurde, die Kinder aber überlebten. „Danach musste ich erst recht ein Buch über Nepal schreiben.“

Asta, die Protagonistin in „Drehtür“, ist nach zwei Jahrzehnten Arbeit für eine Hilfsorganisation in Nicaragua wieder in München, steht an einer Drehtür am Flughafen und raucht. „Ich kenn die Drehtür persönlich, da geh ich auch immer hin zum Rauchen“ kommentiert Lange-Müller. Asta meint, in den vorbeigehenden Menschen bekannte Gesichter zu erkennen. „Klar, nur rauchen ist auch langweilig und nicht gerade abendfüllend.“ Diese Gesichter werden zu Stichwortgebern, anhand denen sich die Handlung von „Drehtür“ entfaltet. „Asta hat ein wenig ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Es gibt verschiedene Helfertypen und sie gehört zu der Sorte, die ich am Häufigsten getroffen habe.“ Und dann verrät die Autorin, dass das Motto, das sie ursprünglich für den Roman gewählt hat, ein anderes war: Lass dir aus dem Wasser helfen, sonst wirst du noch ertrinken, sagte der freundliche Affe und setzte den Fisch in einen Baum.

Von Nicaragua und Nepal führt Alf Mentzer schließlich nach Deutschland: Was würden die beiden Autoren denn von der kurzzeitigen deutschen Willkommenskultur im Sommer 2015 halten? Katja Lange-Müller plädiert dafür, sich mit den Gegenden, aus denen die Flüchtlinge kommen, stärker auseinanderzusetzen. „Man sollte schon ein bisschen mehr wissen als das, was in der Tagesschau zu sehen ist. Liebe allein reicht nicht, falsche Hilfe frustriert beide Seiten.“ Benjamin Lebert sieht das anders: „Es ist ein enormer Wert für eine Gesellschaft, endlich, wie in diesem Fall, wertzuschätzen, was sie hat. Mit einer Regung des Herzens ist für mich schon unglaublich viel gewonnen.“

lesen.hören 11 in der Alten Feuerwache Mannheim
17. Februar 2017
Was wir tun können. Benjamin Lebert und Katja Lange-Müller übers Helfen
Moderation: Alf Mentzer

lesen.hören 11: Raoul Schrott über die Entstehung der Welt

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„Ich weiß schon, dass ich kein Plankton bin.“ – Raoul Schrott

Es ist das erste lesen.hören-Festival, das gänzlich ohne Roger Willemsen stattfindet. Sören Gerhold, der Geschäftsführer der Alten Feuerwache in Mannheim, und Insa Wilke, die die Programmleitung innehat, erinnern beide an Willemsen, der vergangenes Jahr verstarb, wenige Tage vor dem Startschuss zur zehnten Auflage von lesen.hören. „Seine Handschrift wird in den nächsten Jahrzehnten im Programm zu sehen sein“, verspricht Wilke. „Mit der Auftaktlesung wäre er sehr einverstanden, denn er hatte eine Schwäche für Größenwahn – genau wie der Autor.“ Dieser Autor ist Raoul Schrott, der über sein Epos „Erste Erde“ sprechen wird. „Nach der Lektüre des Buchs ist man klüger… und verwirrter“, resümiert Insa Wilke. Als größenwahnsinnig kann man „Erste Erde“ guten Gewissens bezeichnen, immerhin umfasst das großformatige Buch rund 850 Seiten. „Ich erzähle darin vierzehn Milliarden Jahre Geschichte“, sagt Schrott trocken. „Dünner ging’s nicht.“

„Erste Erde“ ist eine Chronik unserer Welt, vom Urknall bis zur Erfindung der Schrift. Schrott hört an der Stelle auf, an der das Geschichtenerzählen beginnt. Doch wie kommt man auf die Idee, die gesamte Historie unseres Planeten niederzuschreiben? „Ich bin 53 Jahre alt, ich zähle meine Jahre jetzt rückwärts. Bevor ich die Löffel abgebe, wollte ich wissen, was das alles hier ist“, erklärt der Schriftsteller. Und um das zu verstehen, wälzte er nicht nur Bücher, sondern bereiste die ganze Welt, um Meteoriten in der Hand zu halten und die ältesten Fossilien zu sehen, er besuchte die Ausgrabungsstätte von Lucy, reiste zum Lebensraum der Lungenfische und folgte den ältesten Fußspuren. „Ich bin an die Stationen der Geschichte gefahren, um der Dinge habhaft zu werden. Zugegeben: Beim Urknall war das ein bisschen zu schwierig.“

Raoul Schrott redet mit einer ruhigen, angenehmen Stimme, die einen leichten Tiroler Einschlag hat. Er spricht frei, ganz ohne Notizen, und ein wenig ist es, als würde er einem guten Freund abwechselnd die Evolution und Anekdoten seiner eigenen Reisen erzählen. „Mein damaliger Verleger Michael Krüger sagte mir: Raoul, wenn du schon so ein dickes Buch schreibst, dann schreib wenigstens Prosa!“ Schrott entschied sich schließlich doch für die Form des Epos. „Ein Epos ist enzyklopädisch und zugleich eine Mischung aus Poesie und Prosa.“ Diese Mischung benötigte der Schriftsteller, um die Welt fassbar zu machen. Deswegen wählte er in „Erste Erde“ auch viele Figuren mit unterschiedlichen Backgrounds und Ansichten, die die Epochen der Welt erörtern. „Die Geschichte unseres Planeten ist sehr abstrakt. Ich habe also nach Metaphern und Bildern gesucht, um sie zu schildern.“

Zu den intensivsten Eindrücken gehört für Raoul Schrott der Trip in den Norden Kanadas, wo sich die ältesten Gesteine der Erde befinden, nördlicher noch als Yellowknife, dem „Ende der Zivilisation“. Gemeinsam mit zwei Gefährten machte er sich auf den Weg, um genau diese Gesteine zu berühren. Unterwegs verloren sie ihr Gepäck, begegneten Schwarzbären und mussten schließlich durch einen Suchtrupp gerettet werden, der kurioserweise von einer Deutschen losgeschickt wurde: Die Freundin von Lothar Ebke, einem ehemaligen Terroristen der Revolutionären Zellen, betreibt in Yellowknife ein Bed and Breakfast und machte sich Sorgen um das verschollene Team. Neben Neuseeland, Mexiko und Kanada verschlug es Schrott übrigens auch in die (relative) Nähe Mannheims. In Ensisheim im Elsass verzeichnete man den ältesten dokumentierten Meteoriteneinschlag Europas: 1492 traf dort ein Meteorit auf die Erde, den Albrecht Dürer übrigens in seinem Kupferstich „Melencolia I“ verewigte.

Schrott erzählt mit viel Humor, wird zwischendurch aber wieder ernst. „Das klingt jetzt nach Paulo Coelho, aber mich hat die Arbeit an diesem Buch verändert.“ Und dann schmunzelt er über sich selbst: „Ich hätte nie gedacht, dass ich in der Öffentlichkeit mal so einen schmalzigen Satz sagen würde.“ Die Recherche brachte ihn dazu, die Welt geographisch wie politisch neu zu verstehen. Die Alpen beispielsweise, so erklärt der Autor, haben sich nur dadurch gebildet, dass sich die afrikanische über die europäische Platte schiebt. „Wenn man’s genau nimmt, ist die Nordgrenze Tirols also die Nordgrenze Afrikas!“

Nach einer Pause trifft Schrott in einer Podiumsdiskussion auf die Naturwissenschaftlerin Petra Schwille und den Theologen Nikolaus Schneider. In dieser eher ruhigen Debatte zeigen sich zwischen Wissenschaft und Religion mehr Überschneidungen als Differenzen: Sowohl Schwille als auch Schneider bewegte die Frage, was genau die Welt sei. Sie wählten nur zwei andere Wege, um sie sich begreifbar zu machen. „Die biblischen Bücher sind Narrativen: Wie gelingt das Leben, wie misslingt das Leben“, sagt Schneider und fügt spitzbübisch hinzu: „Sie sind also die Vorform Ihres Werkes!“

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lesen.hören 11 in der Alten Feuerwache Mannheim
16. Februar 2017
Überall ist Anfang. Raoul Schrott erzählt die Entstehung der Welt
Mit Insa Wilke, Petra Schwille und Nikolaus Schneider

Ada Dorian – Betrunkene Bäume

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Auf die Führung durch das Verlagshaus folgt die Lesung mit Ada Dorian, die ihren Debütroman vorstellt. Die Autorin ist gut vorbereitet; sie begrüßt jeden Blogger mit Namen. Respekt! Julia Korbik, die diese Veranstaltung solide moderiert, liefert zunächst ein paar Rahmendaten – Ada Dorian wurde 1981 in Hannover geboren und lebt heute in Osnabrück – dann liest Dorian einen Ausschnitt aus „Betrunkene Bäume“. Das zentrale Motiv des Romans wird in dieser Passage bereits angesprochen: Die Isolation, die ihre beiden Protagonisten, der Rentner Erich und die Schülerin Katharina, empfinden. „Meine Ausgangsfrage war: Was muss passieren, dass Menschen vereinsamen?“, sagt Dorian. Wie manövrieren sich Menschen egal welchen Alters in die Isolation hinein?

Ein, zwei Jahre müssten ihre Ideen gedeihen, bevor sie anfinge, etwas zu schreiben, erzählt Ada Dorian. „Erst gibt es einen abstrakten Gedanken, der kreist und kreist, dann entwickelt sich ein Bild, das Form annehmen muss, damit eine Geschichte entstehen kann.“ Sie schreibe permanent, „aber immer an dem Projekt davor, während der nächste Gedanke reift.“ Ihre Inspiration zieht sie vor allem aus Begegnungen und kleinen Situation. „Der Kern meiner Romane ist persönlich, auch wenn es das Ergebnis vielleicht nicht mehr ist.“

Dass sowohl Erich als auch Katharina in „Betrunkene Bäume“ einen starken Bezug zu Sibirien haben, liegt an Ada Dorians Familiengeschichte. „Ich habe mich in meinen Texten immer weiter in den Osten geschrieben“, so die Autorin, die russische, polnische, litauische und tschechische Wurzeln hat, auch wenn „kulturell und sprachlich keine Reste mehr übrig sind“. Auf ihre Familie griff Dorian ebenfalls zurück, um sich ihrer Figur Erich anzunähern: „Ich bin mit vielen alten Menschen aufgewachsen, ich kannte zum Beispiel meine Urgroßeltern noch.“ Bei Familienfeiern war sie immer das einzige Kind. Statt zu spielen saß sie also am Tisch und hörte zu. „Das prägt. Deswegen ist mir Erich trotz seines Alters nicht fern.“

Recherche ist für die disziplinierte Autorin, die sich jeden Morgen um acht Uhr an den Computer setzt, sehr wichtig. Das Schreiben sieht sie als Möglichkeit, sich auch nach dem Studium weiterhin intensiv mit Themen auseinanderzusetzen. „Ich habe für den Roman viel über den Klimawandel und über Permafrost nachgelesen“, sagt Ada Dorian mit einem Schmunzeln. Und die Erzählungen „Durch den Schnee“ von Warlam Schalamow halfen ihr dabei, Sibirien möglichst genau zu beschreiben. „Mich interessiert, ungewöhnliche Verbindungen zu finden: Was hat ein Arbeiter im Gulag mit einem Mädchen heutzutage in Berlin zu tun?“

Seit rund einem Jahr kann Dorian von ihrer Literatur leben. „Ich habe schon immer geschrieben, nur musste ich bisher meine Nebenjobs um diese Tätigkeit bauen.“ Dann wurde sie von Hildegard Keller nach Klagenfurt eingeladen, wo sie aus „Betrunkene Bäume“ las. „Ich habe mich schon vor langer Zeit dazu entschieden, keine Texte speziell für Wettbewerbe zu schreiben. Wenn der Text passt, reiche ich ihn ein, aber nicht andersrum.“

Dass sie im ersten Programm von Ullstein fünf sogar der Schwerpunkt ist, freut Ada Dorian besonders. „Es ist für mich ein großes Glück, endlich erkannt zu werden.“ Und da sie, wie sie sagt, seit acht Jahren ununterbrochen am Tippen ist, hat die Autorin, obwohl „Betrunkene Bäume“ ihr Debütroman ist, bereits eine große Backlist. „Ich habe trotz Absagen nie aufgehört zu schreiben.“ Das kommt ihr und Ullstein fünf jetzt zugute: Schon im Herbst erscheint Dorians zweiter Roman.

Verlagshaus Ullstein
02. Februar 2017
Ada Dorian – Betrunkene Bäume
Moderation: Julia Korbik

Rundgang bei Ullstein

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Zu Besuch bei Ullstein! Am 02. Februar wurden zwölf Blogger, neben mir lustauflesen.de, Klappentexterin, Buzzaldrins Bücher, lust zu lesen, masuko13, Frank O. Rudkoffsky, Buchrevier, Fräulein Julia, Muromez, Schnitzel & Schminke und hello mrs eve nach Berlin eingeladen. Grund dafür war die Vorstellung des neuen Imprints Ullstein fünf und eine Lesung von Ada Dorian, die mit ihrem Debütroman „Betrunkene Bäume“ der Spitzentitel des ersten Programms von Ullstein fünf ist.

Der Verlag hat sich, wie ausführlich auf Wikipedia nachzulesen ist, in der Vergangenheit nicht immer mit Ruhm bekleckert. Als im Jahr 2003 Teile der Ullstein-Gruppe vom Medienkonzern Bonnier (u.a. Piper, Berlin Verlag, Carlsen) aufgekauft wurden und Viktor Niemann die Leitung übernahm, änderten Ullstein und seine Imprints – jetzt unter dem Namen Ullstein Buchverlage – ihre Ausrichtung und ließen die rechtskonservative Vergangenheit hinter sich. Ein Zeichen dieses Aufbruchs war auch der Umzug 2004 von München nach Berlin, wo Ullstein 1877 von Leopold Ullstein, damals noch als Zeitungsverlag, gegründet worden war. Seitdem residiert der Verlag in einer ehemaligen Jungenschule (der ersten Berlins, wie das Team erklärt), die vom britischen Architekten David Chipperfield umgebaut und aufgestockt wurde.

Die Ullsteiner führen durch die verschiedenen Abteilungen, darunter Lizenzen, Marketing, Vertrieb, Lektorat und Presse, außerdem wird kurz die Arbeit von NetGalley erläutert, eine Art vorablesen.de für E-Books aus unterschiedlichen Verlagen, und das Chefbüro von Verlegerin Siv Bublitz samt Ausblick über Berlin gezeigt. Dabei erfahren die Blogger, dass rund hundert Mitarbeiter bei den Ullstein Buchverlagen angestellt sind – davon vierzehn Belletristik- und zwölf Sachbuchlektoren – und dass die „cash cow“ schlechthin nach wie vor Giulia Enders ist. „Darm mit Charme“ wurde in 39 Territorien verkauft und ist in Deutschland inzwischen in der 52. Auflage im Handel. Stolz ist man hier außerdem auf den im Jahre 2014 gestarteten Blog Resonanzboden, der rund 1.000 Klicks die Woche verzeichnet und auf dem Beiträge von Ullstein-Autoren jenseits ihrer Romane gepostet werden. Zu den aktuellsten Posts gehört die Vorstellung von Ullstein fünf und ein Porträt über Ada Dorian.

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Achtung, Zahlen: Ullstein fünf wird konzipiert von sechs Mitarbeitern, die vier Romane pro Halbjahr, also acht im Jahr, herausbringen. Ullstein fünf ist ein Hardcover-Programm, spezialisiert auf deutschsprachige Gegenwartsliteratur. In der Eigenbeschreibung heißt es: „[Die] Texte bewegen sich an Grenzen bekannter Genres und können zwischen Belletristik und Sachbuch angesiedelt sein.“ Als „autorenzentriertes Programm“ bezeichnet das Team das neue Imprint, die Autoren werden also stärker in alle Prozesse eingebunden als in Verlagen sonst üblich ist. Zu den weiteren Besonderheiten gehört, dass alle Abteilungen die Manuskripte lesen und in vielen Sitzungen gemeinsam über die Titel entscheiden. Ab Sommer ändert sich das allerdings, denn dann wird Ullstein fünf vom Status eines Projektes enthoben und als klassisches Imprint in die Ullstein Buchverlage eingebunden. Dass im ersten Programm die Romane von vier jungen Schriftstellern veröffentlicht werden, soll übrigens nicht richtungsweisend sein: Eine der Autorinnen im Herbstprogramm ist bereits jenseits der siebzig.

Bei dem Rundgang durch das Verlagshaus kommen die Ullsteiner immer wieder auf Ada Dorian und ihre „Betrunkene[n] Bäume“ zu sprechen, schließlich findet im Anschluss die Lesung mit ihr statt. „Ich habe nur 261 E-Mails in ihrem Ordner, das ist sehr untypisch“, sagt Dorians Lektorin Ulrike von Stenglin mit einem Schmunzeln, als sie ihr Büro präsentiert. Schon vor der Teilnahme Ada Dorians am Ingeborg-Bachmann-Preis vergangenes Jahr war sich das Team darüber einig, dass ihr Roman Spitzentitel werden solle. Das zeigt auch die selbstbewusste Startauflage von 10.000 (wobei nicht wenige davon Leseexemplare sind). Vor der Veröffentlichung am 24. Februar wurden die Übersetzungsrechte nach Bulgarien verkauft, außerdem erscheint bei Hörbuch Hamburg, ebenfalls Teil der Bonnier-Gruppe, das Hörbuch. „Ada hat sich sehr darüber gefreut“, verrät von Stenglin, „ihre Großmutter kann nämlich nicht mehr gut sehen und so ihr Buch wenigstens hören.“

Einen wunderbaren Rückblick gibt’s auch bei Frank O. Rudkoffsky.

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