Marie Malcovati – Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte

Zwei sitzen auf der Bank, ein dritter beobachtet sie. Aus diesem vermeintlich simplen Setting entspinnt Marie Malcovati in ihrem Debütroman „Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte“ eine feine Geschichte über enttäuschte Erwartungen und nicht mehr oder weniger als das Leben selbst.

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„Nun saßen die beiden genauso da wie vorher. Anscheinend hatten sie in diesem Leben keine Termine mehr. Sie taten überhaupt nichts, sie telefonierten nicht, unterhielten sich nicht, informierten sich nicht über das Weltgeschehen. Sie starrten einfach nur vor sich hin… Die beiden waren nichts weiter als zwei Idioten, die sich zufälligerweise auf dieselbe Bank gesetzt hatten.“

Lucy und Simon sitzen schweigend auf einer Bank, Marotti beobachtet sie aus der Entfernung auf Überwachungskameras. Stunden vergehen, ohne dass etwas geschieht, und doch nähern sich die drei Figuren einander an. Sie alle sind Gestrandete, die am Basler Bahnhof auf die Pause-Taste ihres Lebens gedrückt haben. Lucy, Simon und Marotti. Alle drei stehen an einem Scheideweg.

Simon ist der entfremdete Spross einer millionenschweren Pharma-Dynastie, der mit einem Alkoholproblem zu kämpfen hat. Er ist der Gesellschaft am weitesten entrückt, er kommt mit seiner Umgebung nicht in den gleichen Takt: „Schüchternheit war nicht das richtige Wort dafür, er hatte keine Angst vor Menschen. Aber es war, als sei sein Kopf viel zu oft nicht simultan mit allem anderen. Er dachte zu viel und zu ineffizient.“ Er enttäuscht mit seiner ziellosen Lebensweise nicht nur die Erwartungen seines Vaters, auch Simon selbst erwartet zu viel von anderen Menschen. Ein längerer Aufenthalt in Griechenland, von dem in Rückblenden erzählt wird, desillusioniert ihn: „Nach einer Weile lernte Simon immer besser zu verstehen, worüber sich die Leute um ihn herum unterhielten. Als er beinahe alles verstand, spürte er eine Enttäuschung darüber, dass es Gespräche waren, die genauso gut in der Tram in Zürich oder im Manchester Magic Bus geführt werden können.“ Nicht nur die Gesellschaft kehrt ihm den Rücken, auch Simon hat keinen ernsthaften Drang mehr, sich zu integrieren.

Simon ist die Figur, der Marie Malcovati in ihrem Debüt mit dem poetischen Titel „Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte“ die vielschichtigste Hintergrundgeschichte verleiht. Doch auch Lucy, mit einer lebensverändernden Nachricht in ihrer Handtasche, und Marotti haben triftige Gründe, wie paralysiert in ihrem Nicht-Zustand zu verharren. Die Bildschirme, auf die Marotti starrt, zeigen keine Farbe, aber „Marotti störte es nicht, er fühlte sich schwarzweiß“. Er ist der einzige der drei, der in seinem Leben nennenswerte Beziehungen hat, seine Nichte tritt im Verlauf des Romans auf. Zugleich ist Marotti aber derjenige, der nicht mit Lucy und Simon interagieren kann; während er in den langen Stunden, die er die beiden beobachtet, eine Art Beziehung zu ihnen aufbaut, werden sie nie von seiner Existenz erfahren. Marotti ist der Regisseur ohne Macht, der seiner Nichte bedarf, um in die Szenerie eingreifen zu können.

In ihrem kurzen Debütroman wählt Marie Malcovati einen abgeschlossenen Raum und die begrenzte Zeit von weniger als einem Tag, um die Handlung zu entwickeln. Geschickt wechselt sie in kurzen, einem Film ähnlichen Szenen – Malcovati ist eigentlich Drehbuchautorin – die Erzählperspektive ihrer Protagonisten. Der Zufall will, dass diese drei von der Gesellschaft entfremdeten Figuren aufeinandertreffen. Was sie eint, ist die Einsamkeit, die sie am jeweils anderen erkennen und die sie füreinander empfänglich macht. „Marotti fuhr so nah wie möglich an sie heran, um die Traurigkeit in ihren Gesichtern wiederzufinden, die ihn den ganzen Tag über getröstet hatte. Es hatte ihn getröstet, nicht der einzige Verzweifelte zu sein.“

Marie Malcovati – Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte
Edition Nautilus, Hamburg
März 2016, 127 Seiten

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Emma Cline – The Girls

Im Verlauf eines kurzen Sommers werden aus liebdesbedürftigen Teenagern eiskalte Mörder. Es gibt keine rationale Erklärung dafür. Und doch zeigt Emma Cline in ihrem großartigen Debütroman „The Girls“ schlüssig und nachvollziehbar, wie diese unbegreifliche Entwicklung ihren Lauf nimmt.

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„Später fand alle Welt es unglaublich, dass jemand, der mit der Ranch zu tun hatte, in dieser Situation verharrte… Aber Suzanne hatte nichts anderes: Sie hatte ihr Leben komplett Russell überantwortet… Suzanne und die anderen Mädchen waren nicht mehr imstande, Urteile zu fällen, der unbenutzte Muskel ihres Ichs wurde schlaff und unbrauchbar.“

In einer Schlüsselszene in der zweiten Hälfte des Romans „The Girls“ von Emma Cline sitzen Russell und seine Anhänger schweigend beieinander. Russell, der Anführer dieser merkwürdigen Truppe, die ohne weiteres als Sekte bezeichnet werden kann, wartet auf einen Musikproduzenten, von dem er sich einen Plattenvertrag erhofft. Die Inszenierung dieses Grüppchens rund um Russell, der betont beiläufig seine Gitarre zupft, darf nicht gestört werden – und so duldet er nicht, dass eins der Mädchen seiner Nachbarin etwas zuflüstert: „…als Helen weiterredete, stand Russell auf… ging dann rasch zu Helen hinüber und schlug ihr mit der flachen Hand ins Gesicht.“ Keiner der Anwesenden zuckt bei dieser gewalttätigen Machtdemonstration mit der Wimper, es wird im Gegenteil stillschweigend Helen die Schuld zugeschoben. Die Protagonistin des Romans, die 14jährige Evie, bekommt die Szene mit, doch auch sie sagt nichts: „Ich schaute in die Runde, um mir den schrecklichen Tabubruch bestätigen zu lassen, aber alle wandten demonstrativ den Blick ab…“

Russells Macht über die Bewohner der Ranch, mitten im Nirgendwo Kaliforniens gelegen, manifestiert sich in dem Wegschauen und Schönreden seiner Taten durch genau diejenigen, über die er seine Macht ausübt. Auch Evie, die eher zufällig auf die Ranch gekommen ist und Russell oft genug durchschaut, bricht seinen Einfluss nicht. „Ich glaubte nicht, dass jemals etwas Schlimmes passieren könnte, jedenfalls nicht wirklich“, sagt sie an einer Stelle des Romans. Ihre Zuversicht ist gespeist aus der Naivität und Weltfremdheit einer 14jährigen, zugleich ist sie aber auch das bewusste Ignorieren aller Warnsignale.

Russell, das wird in jedem Artikel über Emma Cline erwähnt, ist eine Version von Charles Manson, und die Bewohner der Ranch sind die sogenannte Family Mansons. Russell selbst spielt aber nur eine Nebenrolle in „The Girls“. Ihr Fokus liegt auf den Bewohnern der Ranch, allen voran den jungen Mädchen. Die „Karrieren“ der Girls scheinen logisch: Für die meisten ist die Ranch der einzige Ausweg aus der bitteren Armut, für Evie hingegen die Flucht aus ihrem langweiligen Oberschichtsleben, gepaart mit der teenagertypischen Einsamkeit, einem ambivalenten Verhältnis zur Mutter (in den Szenen zwischen Evie und ihrer Mutter zeigt sich, wie mitleidig, kühl und herablassend sie ihre Mutter beurteilt) und dem banalen Zufall, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. Durch ihre Naivität, einem ausgearteten Drogenkonsum und dem Versprechen von Freundschaft und Liebe, werden die Mädchen und die Handvoll Jungs auf der Ranch gehirngewaschen. Zu Beginn mutet die Szenerie noch sehr hippiemäßig an, doch schnell schleicht sich die brutale Realität ein. Evie erkennt diese Realität, doch ihr gelingt das Kunststück, sich jedes Mal aufs Neue selbst zu belügen. Es ist faszinierend, wie oft in „The Girls“ weggeschaut und wie oft das Opfer bestraft wird und nicht der Täter. Aber genau das macht Mitläufer aus.

Obwohl Evie begeistert darüber ist, endlich eine Form der Zugehörigkeit gefunden zu haben, ist es nicht Russell, dem sie blind folgt, sondern Suzanne. Evie liebt Suzanne; durchaus auch auf erotische Weise, viel mehr aber noch ist es eine manische Bewunderung für das ältere, mysteriös erscheinende Mädchen. Evies Obsession für Suzanne, mit der sie nur wenige intensive Wochen auf der Ranch verbringt, wird sie ihr Leben lang begleiten. Und während Evie von dem gut und gerne zwanzig Jahre älteren Russell zwar fasziniert ist, so ist es doch durch Suzanne, die sich Russell bedingungslos unterordnet, dass auch Evie Russell hörig wird.

Während Evie und Russell verhältnismäßig simple Figuren sind, so bleibt Suzanne in ihrer Rolle ambivalent. Der Leser lernt sie nur aus der verliebten Sicht Evies kennen. Abstrahiert man die Verklärung des jungen Mädchens, so kann Suzannes Verhalten durchwegs egoistisch gelesen werden. Aber trotz ihrer eiskalten und manipulativen Art scheint sie mitunter echte Anteilnahme für Evie zu haben. „Später ging mir auf, dass Suzanne die Einzige war, die nicht überglücklich darüber schien, dass sie dort auf der Straße auf mich gestoßen waren… Dass Suzanne die deutlich ins Auge springende Schwäche bei mir erkannte: Sie wusste, was mit schwachen Mädchen passierte.“ Welche Rolle Suzanne in Evies Existenz spielt, ist schnell klar: Die wenigen Wochen auf der Ranch sind so einschneidend, dass es Evie niemals gelingen wird, ihr Leben in normale Bahnen zu lenken. Ob Suzanne aber absichtlich verhindert, dass Evies Bekanntschaft mit den Leuten der Ranch nicht noch schlimmer ausgeht, bleibt offen.

Aus der Perspektive einer alternden Frau erinnert sich Evie an diesen Sommer im Jahre 1969. Ihre flüchtige Bekanntschaft in der Gegenwart mit den Teenagern Julian und Sasha zeigt, dass diese Art von Abhängigkeit immer wieder geschieht. Sasha erkennt die negativen Seiten ihres Freundes, lässt sich aber lieber demütigen, als die Stimme zu erheben. Die beiden fungieren als Spiegelbild Evies und Russells. Man könnte der Autorin vorwerfen, diese Parallele wäre zu konstruiert. Doch Figuren wie Sasha zeigen, dass es Mitläufer in jeder Zeit und in jeder Umgebung gibt. Mit „The Girls“ ist Emma Cline ein genialer Wurf gelungen, ein logisch aufgebauter Roman, der auf blutige Beschreibungen verzichtet und sich lieber mit der Psyche der Menschen befasst, subtil und eindringlich zugleich.

Emma Cline – The Girls
Carl Hanser Verlag, München
Juli 2016, 348 Seiten

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Die Buchbloggerin

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Das Debüt 2016 – Bloggerpreis für Literatur

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Einen wirklich schönen Literaturpreis hat der Blog Das Debüt ins Leben gerufen: Gemeinsam mit anderen Literaturblogs kürt Das Debüt den besten deutschsprachigen Roman des Jahres. Und das funktioniert folgendermaßen: Noch bis zum 31. Oktober können Werke mit dem Publikationsjahr 2016 nominiert werden, entweder als Vorschlag der teilnehmenden Blogger oder von den Verlagen selbst. Die Longlist umfasst aktuell 35 Titel von 27 Verlagen, darunter „Wenn’s brennt“ von Stephan Reich (DVA), ein Debüt, das mich überzeugen konnte, außerdem das hochgelobte „Traurige Freiheit“ von Friederike Gösweiner (Droschl), Anna Galkina mit „Das kalte Licht der fernen Sterne“ (FVA), „Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte“ von Marie Malcovati (Nautilus), „Großer Bruder Zorn“ von Johannes Ehrmann (Eichborn) und viele weitere Titel großer und (besonders schön) kleiner Verlage wie Residenz Verlag, weissbooks, freiraum-verlag und VGS St. Gallen.

Aus dieser Longlist der eingereichten Romane stellt das Team von Das Debüt die Shortlist zusammen. Dann sind die Literaturblogger gefragt: Alle teilnehmenden Blogger wählen bis Mitte Dezember ihren Siegertitel (und das wird knifflig, jeder hat nämlich nur eine Stimme). Der Gewinner, der sich neben einem Preisgeld von 500 Euro über Ruhm und Ehre freuen kann, wird am 15. Dezember bekanntgegeben, kommendes Jahr ist eine Lesung samt Preisverleihung in Essen geplant.

Seit heute bin ich ganz offiziell Mitglied der Jury, die sich wirklich sehen lassen kann. Bisher sind folgende Blogs vertreten:

Sophie Weigand von Literaturen
Claudia Hildebrand von Das graue Sofa
Friederike Kenneweg von frintze
Uwe Kalkowski von Kaffeehaussitzer
Tanja Folaji von Elektro vs. Print
Marc Richter von Lesen macht glücklich
Juliane Noßack von Poesierausch
Carina Greiffenberg von Kultur-Base
Ramona Nicklaus von Kielfeder
Fabian Neidhardt von mokita
Lena Rexmann von Lenas Welt der Bücher
Wolfgang Cziesla für Revierpassagen und Der Hotlistblog
Sandro Abbate von novelero
Stephanie Sack von Nur Lesen ist schöner – Eine Ode an das Lesen

Strand Book Store, New York

Willkommen in einer der beliebtesten Buchhandlungen der Welt!

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Der Strand Book Store wurde 1927 von Benjamin Bass unter dem Namen „Book Row“ in der Nähe der Fourth Avenue in Manhattan eröffnet. Dreißig Jahre später erfolgte unter der Regie von Benjamin Bass‘ Sohn Frank der Umzug an die Ecke East 12th Street und Broadway im East Village, wo der unabhängige Buchladen noch heute residiert.

Dem hauseigenen Slogan „18 Miles Of Books“ wird Strand gewiss gerecht (zugegeben, ich habe es mir erspart, nachzumessen). Immerhin ist der Buchladen mit einer Fläche von über 5.000 Quadratmetern nicht nur der größte New York Citys, sondern auch einer der größten weltweit. Zwischen 2,5 Millionen Büchern, dazu Schallplatten, T-Shirts und anderen Merchandise-Produkten, kann man stundenlang die Zeit verbummeln. Vor der Buchhandlung stapeln sich die Used Books, die größtenteils nur einen oder zwei US-Dollar kosten.

Erst kürzlich erst veröffentlichte die New York Times ein ausführliches Portrait, in dem das Strand als der „unumstrittene König der unabhängigen Buchhandlungen“ bezeichnet wird. Mit dabei: Ein kniffliger Test, den angeblich jeder Bewerber, von denen es laut dem Artikel sechzig die Woche gibt, für einen Job im Strand Book Store machen muss: „Want to Work in 18 Miles of Books? First, the Quiz“ – seid ihr belesen genug?

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Jörg Magenau – Princeton 66

1966 reist eine in die Tage gekommene Gruppe 47 nach Princeton, um dort über Literatur zu diskutieren. Was dann passiert, ist allgemein bekannt: Eitelkeiten unter den Teilnehmern, ein wütender Peter Handke und der Anfang vom Ende der einstigen literarischen Elite Deutschlands. Aus diesen Rahmendaten entwirft Jörg Magenau mit „Princeton 66“ ein unterhaltsames Sachbuch, fundiert recherchiert und in lockerem Ton erzählt.

Jörg Magenau Filter

„Grass… streckte, durchströmt vom angenehmen Bewusstsein, Günter Grass zu sein, die Beine aus.“

Fünfzig Jahre sind seit jener Tagung der Gruppe 47 in Princeton vergangen, die eigentlich dazu dienen sollte, sich ihrer selbst und ihrer Bedeutung zu bestätigen, die schlussendlich aber offenbarte, was viele schon seit langem dachten: Die Gruppe 47 war zu einem anachronistischen Projekt verkommen, einst gegründet als linke, avantgardistische Bewegung, inzwischen in eine gemütliche, der SPD-wohlwollend gesinnte, alternde Gruppe mit etablierten Schriftstellern mutiert. Nicht alle, natürlich, passten in dieses Schema – unter den achtzig nach Princeton mitgereisten Autoren und Kritikern und jenen, die aus diversen Gründen nicht in die USA mitkonnten oder -wollten, aber auch zur Gruppe 47 zählten, waren nicht alle alt, nicht alle sozialdemokratisch, nicht alle eingeschlafen. Und doch: Von außen konnte die Gruppe 47 durchaus als homogenes Konstrukt wahrgenommen werden.

Jörg Magenau hat sich der vorletzten Tagung der Gruppe 47 angenommen. Er bleibt dabei nicht strikt bei den drei ominösen Princeton-Tagen, sondern setzt sie in einen weltpolitischen und literaturhistorischen Kontext. Vor allem spielen die aktuelle Situation in den USA und in Deutschland eine wichtige Rolle, und so bleiben Vietnamkrieg wie Ausschwitzprozesse nicht unerwähnt. Dank Magenaus ironischen Kommentaren ist „Princeton 66“ aber kein trockenes Stück Geschichte, sondern ein unterhaltsames Buch, das zwar im Plauderton, zugleich aber gut recherchiert über diese merkwürdige Veranstaltung berichtet.

Ohne die Bedeutung der Gruppe und die einzelner Schriftsteller zu schmälern, lässt es sich Jörg Magenau nicht nehmen, spitze Bemerkungen über die wichtigsten Akteure einzustreuen, über Hans Werner Richter, Begründer der Gruppe 47 und Henker ihres Who’s Who, allen voran: „Richtet richtete“. Aber auch „den immer breiter werdenden Erich Fried“ und Hellmuth Karasek, „der sich Mühe gab, immer ein wenig klüger zu wirken, als er war“, verschont er nicht. Den ironischen Kommentaren zum Trotz gelingt Magenau die Gratwanderung, den Schriftstellern den Respekt zu zollen, der ihnen gebührt. Doch selbst die Mitglieder hadern inzwischen mit der Existenzberechtigung der Gruppe 47: „So lief das seit Jahren, es lief ja, aber wozu? Was da noch etwas anderes als routinierte Betriebsamkeit? Lebte das noch?“ Drei Tage in Princeton genügen, um die Antwort zu liefern: Nein, das lebte nicht mehr.

Magenaus Plauderton vermittelt das Gefühl, er und der Leser wären vor Ort mit dabei. Die Eitelkeiten der Autoren und Kritiker und ihre Frötzeleien untereinander sind genauso plastisch beschrieben wie das offenkundig provinzielle Verhalten, das sie an den Tag legen: Trotz der illustren Vergangenheit Princetons, trotz der Intellektuellen, die am Campus lehren, trotz einer zeitgleichen Veranstaltung mit US-amerikanischen Schriftstellern ziehen es die Teilnehmer der Gruppe 47 vor, in ihrer Blase zu bleiben. Doch auch die selbstgewählte Isolation wirkt unnatürlich, wie ein „künstlicher Kokon, in dem das Unzusammengehörende noch einmal zusammengebunden wurde für drei flüchtige Tage.“

Warum Princeton?, fragen sie sich insgeheim. „Warum, zum Teufel, saßen sie hier in Princeton, bloß um sich anzuhören, was doch in einer Gastwirtschaft in der Eifel viel entspannter möglich gewesen wäre?“ Keiner kann eine gute Antwort auf diese Frage geben. Die Lethargie in Princeton wird am letzten Tag unterbrochen, als Peter Handke schließlich der Kragen platzt. „Läppisch“ sei das alles. Aus der Zeit gefallen ist es zumindest.

Princeton 1966 markiert das Ende einer Ära, wie Jörg Magenau in „Princeton 66“ nicht überraschend feststellt. „Fünfzig Jahre nach Princeton würden die meisten von ihnen tot sein. Viele wären vergessen oder bloß noch Namen auf vergilbtem Papier.“ Und so ist es gekommen.

Jörg Magenau – Princeton 66. Die abenteuerliche Reise der Gruppe 47
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart
Februar 2016, 220 Seiten

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