Tilman Rammstedt – Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters

Der Briefroman ist tot – lang lebe der E-Mail-Roman! Tilman Rammstedt verknüpft in seinem pointierten Werk „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“ mehrere Realitätsebenen.

Tilman Rammstedt Filter

Der Händedruck meines ehemaligen Bankberaters war meistens etwas zu fest und immer etwas zu lang. An manchen Tagen ließ er meine Hand den ganzen Termin über nicht los, und auf dem Heimweg fühlte sie sich sehr leer an.

Wenn im Leben alles schief läuft, ist es ratsam, sich Bruce Willis an seine Seite zu holen. Das findet auch Tilman Rammstedt, fiktive Figur aus dem Roman „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“ des echten Tilman Rammstedts, dem Autor. Von der ersten Seite an spielt Rammstedt (der Autor) mit der Realität und kreiert eine Paradoxie nach der anderen. Innerhalb der Sphäre des kurzen Buches agiert der ehemalige Bankberater sowohl als real existierender Freund (wobei auch das angezweifelt werden könnte) von Tilman Rammstedt (der Figur), als auch als ausgedachte Figur in dem Roman, den Rammstedt (die Figur) gerade zu schreiben versucht. Und da Rammstedt (die Figur) mit seiner Handlung nicht weiterkommt, soll Bruce Willis ihm aus der Patsche helfen. Der ehemalige Bankberater (die Figur der Figur) hat soeben eine Bank überfallen und weiß nicht weiter. Und so schreibt Rammstedt unermüdlich E-Mails an Bruce Willis, in der Hoffnung, dieser möge in die Rolle des ehemaligen Bankberaters schlüpfen und somit die Handlung seines Romans (im Roman) anzukurbeln. Klingt kompliziert, ist es aber nicht.

Die penetranten E-Mails von Rammstedt werden nicht erhört, Bruce Willis weigert sich, ihm zu antworten. Kein Problem, sagt sich Rammstedt, und dichtet Bruce Willis in die Geschichte rund um den Banküberfall, mal als Bruce Willis und mal in der Rolle des ehemaligen Bankberaters. Und weil’s so schön war, schreibt sich die Figur Rammstedt in seinen eigenen Roman gleich selbst mit hinein, womit das metafiktionale Verwirrspiel, der Bruch mit der Realität, komplett wäre. Unaufhörlich trudeln E-Mails bei Bruce Willis ein, in denen Rammstedt den Verlauf ihres Banküberfalls und der Flucht erzählt und sich zugleich über die Passivität seines Partners in crime aufregt. Leider nutzt sich dieses Stilmittel spätestens ab dem ersten Drittel des Romans (des echten!) ab. Der Leser wird nicht überrascht; er weiß, dass Bruce Willis nicht reagieren und dass Rammstedt (die Figur) an der abstrusen Geschichte spinnen und sich weiter in den Wahnsinn schreiben wird.

Dass trotz dieses Leerlaufs „Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters“ ein genial-witziger Roman ist, ist den kurzen Anekdoten rund um den ehemaligen Bankberater, die sich mit den E-Mails an Bruce Willis abwechseln, zu verdanken. Diese Passagen sind humorig und melancholisch zugleich. Die Erkenntnisse des ehemaligen Bankberaters schrammen immer haarscharf an echten Lebensweisheiten vorbei und offenbaren dabei auf subtile Weise die Einsamkeiten und Sehnsüchte des sogenannten „kleinen Mannes“ in unserer Welt. „Man kann kein Tagesgeldkonto verstehen, ohne zu verstehen, was ein Baum ist“, sagt der Bankberater, nur um im nächsten Moment davon enttäuscht zu sein, dass ein Baum nicht mehr ist als nur ein Baum. „Pfützen sind die Ozeane des kleinen Mannes“, weiß er ein anderes Mal zu berichten und fügt nach einiger Überlegung hinzu: „Des sehr kleinen Mannes.“

Vor allem dank dieser kurzen Sequenzen ist Tilman Rammstedts (jetzt der Autor!) postmoderner Roman ein kurzweiliges Stück Gegenwartsliteratur, das durch eine Leichtigkeit besticht, die in deutschsprachiger Literatur ihresgleichen sucht.

Ob ich mal was Interessantes hören wolle, fragte mich mein Bankberater auf unserer Fahrradtour im Juni. „Ja“, sagte ich. „Ich auch“, sagte er. Dann radelten wir weiter, mein ehemaliger Bankberater, die Hoffnung und ich.

Tilman Rammstedt – Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters
DuMont, Köln
Oktober 2012, 156 Seiten

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