Lluís Llach – Die Frauen von La Principal

Drei Generationen starker Frauen: In einer von Männern dominierten Welt regieren die Frauen der Principal ihr Weingut mit strenger Hand. Auch ein Mord auf dem Grundstück bringt sie nicht aus der Ruhe.test

Lluís Llach (sprich: „Yak“) gehört zu den bedeutendsten Musikern Kataloniens und macht sich seit Jahrzehnten für die katalanische Kultur stark. 2013 veröffentlichte Llach seinen ersten Roman, „Memoria d’uns ulls pintats“ (etwa: „Erinnerungen geschminkter Augen“), der die Geschichte von vier Freunden in den 1920er- und 1930er-Jahren im damaligen Arbeiterviertel Barceloneta verfolgt. Sein zweiter Roman, „Die Frauen von La Principal“, ist der erste, der auf Deutsch erscheint, tadellos übersetzt von Petra Zickmann.

Auch für „La Principal“ rollt Llach die Vergangenheit auf. Beginnend im ausgehenden 19. Jahrhundert erzählt er die Geschichte einer Familiendynastie, die von drei Frauen streng regiert wird: von Maria Roderich, deren Tochter Maria Magí und wiederum deren Tochter Maria Costa. Der Großteil des Plots spielt im Jahre 1940, während viele Rückblenden die Geschichte des Weinguts Principal schildern. Im parallelen Handlungsstrang versucht der ambitionierte Inspektor Lluís Recader einen vier Jahre zurückliegenden Mord aufzuklären, der am Vorabend des Spanischen Bürgerkriegs (1936-1939) begangen wurde. Damals hatte man den Vorarbeiter der Principal bestialisch zerstückelt auf dem Gut gefunden. Lluís Recader – dessen Vorname bestimmt kein Zufall ist – steht zwar auf der Seite des franquistischen Regimes und ließ in seiner kurzen Karriere zahllose Republikaner verhaften, foltern und im Zweifel auch exekutieren, präsentiert sich dennoch nicht als unsympathische Figur. Lluís Llachs Romanwelt ist nicht in Gut und Böse aufgeteilt.

„Maria, ich habe entschieden, dass du, liebe Tochter, hier bleiben wirst. Ich weiß, du bist jung und hast wahrscheinlich von einem anderen Leben geträumt, fern von Pous und diesem Haus, aber du bleibst hier.“ Mit diesen Worten besiegelt der Vater von Maria Roderich das Schicksal seiner noch jungen Tochter. Für sie ist sein Urteilsspruch eine herbe Enttäuschung: Während ihre vier Brüder nach Barcelona gehen dürfen, muss sie ab sofort die Geschicke des Weinguts lenken. „Er hat mich bei lebendigem Leib begraben“, empfindet Maria. Als der Vater kurz darauf stirbt und die Brüder ihr das Erbe streitig machen, erfolgt der Bruch in der Familie. Maria ist von nun an auf sich allein gestellt. Sie ist stark, unabhängig und denkt progressiv, wie die Erziehung ihrer Tochter Maria Magí beweist: „Neben den üblichen Fertigkeiten einer höheren Tochter […] erhielt sie auch Unterricht in anderen Fächern, die für ein Mädchen wie sie damals nutzlos galten.“ Die strengen Hierarchien auf der Principal bleiben aber sowohl unter Maria Roderich als auch unter Maria Magí bestehen. Erst die dritte Generation, verkörpert durch Maria Costa, kann sich von dem Weingut lösen. Die heimliche Heldin des Romans ist aber keine der Marias, sondern Úrsula, die alternde Amme, die im Jahre 1940 Lluís Recader die Geschichte der Principal erzählt. Mit ihrer mütterlichen und zugleich neugierigen wie leicht naiven Art ist sie die Sympathieträgerin.

Politische Strömungen, seien es die Republik, der Bürgerkrieg oder die jahrzehntelange Diktatur, schwingen im Roman mit, bleiben aber im Hintergrund, wie zum Beispiel bei der Beschreibung des Dorfbürgermeisters: „Das hieß, dass er als besonders regimetreu gelten musste und man sich auf seinen blinden Gehorsam verlassen konnte.“ Die Principal und das angrenzende Dorf liegen so abgeschieden, dass die Unruhen, die im ganzen Land herrschen, den Schauplatz des Romans wenig bestimmen.

„Die Frauen von La Principal“ ist ein Roman, der wenig spezifisch katalanische Themen behandelt. Zwar werden die ein oder anderen katalanischen Begriffe später durch spanische ersetzt, aber das sind Ausnahmen, die wie die Politik und der Faschismus sehr nebensächlich behandelt werden – was erstaunt, bedenkt man die Rolle des Autors in der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. Die Politik spielt eine gewisse Rolle, aber der wahre Feind ist die Kirche. Im Roman findet eine häufig geäußerte, aber subtile Kritik an der Kirche, an der Einflussnahme von Kirchenvertretern und der Biegsamkeit moralischer Werte statt. Sonderlich gefestigt in ihrem Glauben sind selbst die Pfarrer bei Llach nicht: „…spürte [Pfarrer Salvador] zugleich, wie galliger Groll seinen Glauben in einem unaufhaltsamen Prozess zersetzte.“ Aber nicht nur die Kritik an der Kirche gehört zu den stärkeren Parts, auch die Schlagabtausche zwischen Maria Magí und Lluís Recader, die wegen der Aufklärung des Mords aufeinander treffen, sind höchst unterhaltsam.

Einen merkwürdigen Bruch gibt es dafür in den Szenen zwischen Maria Costa und ihrem greisen Vater. Die Dialoge sind schwach und unglaubwürdig, so zum Beispiel: „Papa, wenn du deine bald sechzigjährige Tochter mit einem Ackergaul vergleichst statt wenigstens mit einer agilen Stute…“ oder auch „Da habe ich euch immer für Fossilien mit vorsintflutzeitlichen Sitten gehalten…“. Sie fragt ihren bisexuellen Vater danach, in welchen Beziehungen er den aktiven und in welchen er den passiven Part übernahm und nennt ihn sogar „Du Sack“. Redet man wirklich so mit den eigenen Eltern, gleich, wie liberal und progressiv man erzogen wurde?

Von den (zum Glück übersichtlich gestreuten) Stellen zwischen Maria Costa und ihrem Vater abgesehen, die wahrlich ungelenk und unglaubwürdig klingen, ist „Die Frauen von La Principal“ ein größtenteils lesenswerter Roman, der sich gewiss in den Kanon katalanischer Literatur einreihen wird.

Lluís Llach – Die Frauen von La Principal
Aus dem Katalanischen übersetzt von Petra Zickmann
Insel Verlag, Berlin
März 2016, 318 Seiten

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