Sascha Reh – Gegen die Zeit

Sascha Rehs Protagonist zieht in „Gegen die Zeit“ nach Chile, um Allendes Regierung zu unterstützen. Nach dem Militärputsch liegt es an ihm, wertvolle Informationen vor dem Gegner zu schützen.

Sascha Reh Filter

Hans Everding, inzwischen meist „Juan“ gerufen, ist ein intelligenter junger Mann, den es Anfang der 1970er Jahre nach Chile verschlägt. Es dauert nicht lange, bis man an höchster Stelle auf ihn aufmerksam wird: Der junge Industriedesigner wird dazu berufen, gemeinsam mit einem Team aus Technikern und Informatikern ein vollkommen neuartiges, computerbasiertes Datennetz namens „Cybernet“ aufzubauen. „Cybernet“ soll dabei helfen, die Produktivität in dem durch Inflationen und Lieferschwierigkeiten gebeutelten Land nachhaltig zu verbessern. Was im Jahre 1972 in der Theorie schon unglaublich klingt, ist in der Praxis kaum umsetzbar. Es fehlt an leistungsstarken Geräten, Ersatzteilen und vor allem am Kooperationswillen der Arbeiter in den Fabriken, die das Netz mit Informationen füttern sollen. Allen Widrigkeiten zum Trotz kommen Hans und seine Kollegen ihrem Ziel immer näher. Doch nach Pinochets Militärputsch am 11. September 1973 stehen sie plötzlich auf der Gegenseite. Ihre Gegner versuchen mit allen Mitteln, an die Daten zu kommen, die die Unterstützer Allendes detailliert auflisten.

Es ist keine reine Fiktion, die Sascha Reh in seinem Roman „Gegen die Zeit“ verarbeitet. Es gab ihn wirklich, den visionären Versuch, lange vor der Digitalisierung wichtige Daten zu sammeln und landesweit zu nutzen. Dank seiner intensiven Recherche gelingt es dem Schriftsteller, die technischen Details glaubwürdig darzulegen. Auch die Schilderung der Straßenszenen in Chile wie Demonstrationen oder klandestine Enteignungen der Reichen, sind lebhaft und realistisch beschrieben, wie auch später die Gefahr, die vom Militär durch seine willkürlichen und gewalttätigen Handlungen ausgeht.

Hans wird lange verhört, da man ihn als einen der führenden Köpfe des „Cybernet“-Teams glaubt. Sein Gegenspieler ist ein Mann namens Brauer, der deutsche Vorfahren hat und sich deswegen in Hans‘ Muttersprache mit ihm unterhalten kann. Die Erleichterung, wieder Deutsch zu sprechen, ist dem Protagonisten anzumerken. Er kann sich kaum dagegen wehren, dadurch eine gewisse Sympathie zu Brauer aufzubauen. Zugleich weiß Hans, dass er penibel auf seine Wortwahl achten muss. Die Szenen zwischen den beiden Opponenten sind die stärksten des Romans. Brauer, bemüht darum, das Vertrauen von Hans zu gewinnen, ist selbst nicht immer Herr seiner Worte. Die Gespräche erweisen sich als Katz-und-Maus-Spiel, das Sascha Reh geschickt inszeniert.

Während der Autor den Antagonisten Brauer facettenreich darstellt, bleibt sein Protagonist Hans erstaunlich blass. Er besitzt wenig nenneswerte Eigenschaften und auch die Erinnerungen an seine unschöne Kindheit helfen dem Leser nicht dabei, Empathie für ihn zu empfinden. Die Familiengeschichte bleibt für die Charakterentwicklung Hans‘ irrelevant und ist dadurch für die Handlung unnötig. Hans selbst wirkt oft deplatziert. Er wird von der Wucht der Geschichte mitgerissen, ohne sie gänzlich zu begreifen und ohne sich klar positionieren zu können. Natürlich ist er gegen Pinochet – aber viele seiner politischen Meinungen sind stark von seiner Zuneigung zur Grafikdesignerin Ana, der einzigem Frau im „Cybernet“-Team, und seiner Abneigung zum linksradikalen Emilio, Anas Freund, gelenkt. Das mag zwar vollkommen plausibel sein, macht Hans damit aber zur uninteressantesten Figur seiner eigenen Erlebnisse. Schon die ersten Seiten machen das Dilemma zwischen der klaustrophobischen Geographie des Landes und Hans‘ Passivität deutlich: „Chile ist am Ende der Welt eingekeilt zwischen den Anden im Osten und dem Pazifik im Westen. Nördlich von Santiago beginnt […] die brüllende Leere der Atacama-Wüste. Bleibt der Süden. Dort gibt es allerdings keine Länder mehr […] und schließlich das ewige Eis. Der Flughafen war geschlossen. Selbst wenn es die Möglichkeit gegeben hätte: Ich war paralysiert.“ Hans ist weder Held noch Antiheld. Er ist einfach da.

Und dennoch überzeugt „Gegen die Zeit“. Die Nebenfiguren sind komplex, das Tempo der Erzählung kann zumeist aufrechterhalten werden, lediglich im letzten Teil flaut es etwas ab. Zwei Zeitebenen erzählen abwechselnd von den Tagen nach Pinochets Machtergreifung und von den Jahren in Hans‘ Leben zuvor. Dieser Kunstgriff ist zwar nicht innovativ, gelingt dem Autor aber tadellos, vor allem in den Szenen, in denen er die Fragen Brauers an Hans in der Gegenwart des Romans und die Erläuterungen des „Cybernet“-Leiters Stanley Baud einige Monate zuvor miteinander verbindet. Sascha Rehs reportagenartiger und schnörkelloser Stil (von einigen gestelzten Ausdrücken wie „diffundiert“, „illuminiert“ oder „evoziert“ abgesehen, die nicht in den Tonfall des Romans passen wollen) erzählt die Geschichte rasant. „Gegen die Zeit“ ist ein gut recherchierter, spannend erzählter Polit-Thriller mit Authentizitätscharakter über ein heute längst vergessenes Wagnis, das beinahe schief ging und zugleich viele Parallelen zu unserer Ära aufweist.

Dies ist eine bearbeitete Fassung der bereits auf Glanz & Elend veröffentlichten Rezension.

Sascha Reh – Gegen die Zeit
Schöffling & Co., Frankfurt
August 2015, 351 Seiten

Auch besprochen bei

We read Indie

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