Horacio Castellanos Moya – Der Traum von Rückkehr

In dem leise erzählten Roman „Der Traum von Rückkehr“ quält Horacio Castellanos Moya seinen Protagonisten mit Erinnerungen an die Toten des salvadorianischen Bürgerkriegs.

Horacio Castellanos Moya Filter

1991 ist das Ende des Bürgerkriegs in El Salvador zwar in greifbare Nähe gerückt, beendet ist er aber noch nicht. Erasmo Aragón will zurück, das sichere Exil hinter sich lassen, seine zerrüttete Beziehung hinter sich lassen, Mexiko hinter sich lassen. In seiner ehemaligen Heimat hat er die Möglichkeit, beim Aufbau eines neuen Magazins mitzuarbeiten. Doch ist es sicher, nach El Salvador zurückzukehren? In einer Schlüsselszene erinnert er sich an die Worte seines Cousins, den er einst fragte, warum er nach El Salvador zurückwolle. „Aus Blödheit“, antwortet er dem Protagonisten. Zwei Monate später ist er tot, ein weiterer sinnloser Toter unter Tausenden, die das Militär El Salvadors zu verantworten hatte. Erasmo weiß, dass er genauso unvernünftig handelt wie sein Cousin, kann er doch auf zahlreiche Publikationen zurückblicken, die sich explizit gegen die Militärdiktatur richten. Warum also heimkehren? Die Antwort auf diese Frage muss offen bleiben, da es keine rationale Erklärung gibt.

Der Alkoholiker aus Leidenschaft Erasmo besucht unterdessen einen Arzt, da er an Schmerzen in der Leber leidet. Der ältere Mann behandelt ihn durch Hypnose. Erasmo ist zunächst skeptisch, lässt sich aber auf diese Therapieform ein und siehe da: Es funktioniert. Der Protagonist weiß nicht, was er unter Hypnose von sich selbst preisgibt und auch der Leser erfährt es nicht. Die Therapie hilft ihm allerdings dabei, verdrängte Erlebnisse wieder ans Tageslicht zu bringen. Erasmo wird immer stärker von der Erinnerung an die Toten gepeinigt, beginnt im Verlauf des Romans aber, an seinem eigenen Gedächtnis zu zweifeln. Was ist wirklich geschehen? Erasmo erkennt schnell, dass er sich selbst nicht trauen kann. Der Roman ist aus seiner Sicht geschildert, einen übergeordneten Erzähler gibt es nicht. Deswegen bleibt offen, hinter welchen Erinnerungen des Protagonisten sich die Wahrheit verbirgt und welche durch das unzählige Wiederholen fremder Gedanken vermeintlich zur eigenen Vergangenheit wurden.

Das größte Geheimnis in „Der Traum von Rückkehr“ birgt die Familie des Protagonisten. Die Verbrechen von Eltern und Großeltern werden innerhalb des Romans aber nur angedeutet. Ein geschickter Schachzug? Hier offenbart sich die wahre Schwachstelle des Romans: Erasmo wird nicht mit der Vergangenheit seiner Familie konfrontiert. Das ist schade, besäße dieser Handlungsstrang viel Potential. Erasmo erinnert sich an immer mehr Tote, die er bis dato verdrängt hatte, und muss lernen, mit seiner Geschichte und der Geschichte seines Landes, untrennbar miteinander verknüpft, umzugehen. Sein Umgang mit den Tätern – insbesondere innerhalb der Familie – wäre ungleich interessanter gewesen. Castellanos Moyas Charaktere tauchen allerdings in mehreren seiner Werke auf, auch die Familie Aragón hatte er in früheren Romanen bereits eingeführt – eine Möglichkeit für den interessierten Leser, mehr über Erasmos Vergangenheit zu erfahren. In dem kurzen Roman „Der Traum von Rückkehr“ bleiben die spannendsten Fragen leider nur angedeutet.

Der Ich-Erzähler weist viele Parallelen zu dem Autor Castellanos Moya auf. Genau wie sein Protagonist wurde Castellanos Moya in Honduras geboren und wuchs in El Salvador auf. Zu Beginn des Bürgerkriegs kämpfte er aktiv auf Seiten der Guerilla, bis es ihn ins mexikanische Exil verschlug, wo er als Journalist arbeitete. Nach der Publikation seines kritischen Werkes „El Asco“ (1997) erhielt der Schriftsteller Morddrohungen. Zwischen 2004 und 2006 lebte er im Rahmen des Programms „Städte der Zuflucht“ in Frankfurt am Main. Seine Romane kreisen immer um dieselben Themen: Flucht, Exil, Heimat, Krieg und vor allem Kritik an der salvadorianischen Vergangenheit. Sein letzter auf Deutsch übersetzter Roman, „Der schwarze Palast“ (S. Fischer, 2010), beschreibt die Geschichte der Familie Aragón während der Diktatur in El Salvador.

Dies ist eine bearbeitete Fassung der bereits auf Glanz & Elend veröffentlichten Rezension.

Horacio Castellanos Moya – Der Traum von Rückkehr
Aus dem Spanischen von Stefanie Gerhold
S. Fischer Verlag, Frankfurt
August 2015, 176 Seiten

Auch besprochen bei

Lesen mit Links
glasperlenspiel13 (Lesung)

#supportyourlocalbookstores

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s