Wetterleuchten: Marie Malcovati (Edition Nautilus)

Wetterleuchten, die erste: Am heutigen Samstag feiert das Literaturhaus Stuttgart zum ersten Mal den „Sommermarkt der unabhängigen Verlage“. Diese Veranstaltung soll es zukünftig jedes Jahr geben: In seiner Eröffnungsrede verspricht der Unternehmensberater Péter Horváth, die Unterstützung durch seine 2001 gegründeten Stiftung künftig zu verdoppeln. Wetterleuchten 2017 steht somit nichts mehr im Wege!

Doch bevor wir ans nächste Jahr denken, bleiben wir im Hier und Jetzt. Vierzig unabhängige Verlage wie Matthes & Seitz, weissbooks, Kein & Aber, binooki, Dörlemann und mairisch haben im Literaturhaus ihre Stände aufgebaut, im Veranstaltungssaal gibt es von elf bis dreiundzwanzig Uhr Lesungen und Gespräche mit Autoren. Den Auftakt bildet Marie Malcovati, die im März ihren Debütroman „Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte“ im Hamburger Verlag Edition Nautilus veröffentlichte. Der Roman handelt von drei Menschen, die zufällig am Basler Hauptbahnhof aufeinandertreffen und sich gegenseitig beobachten. Lucy harrt seit Stunden auf einer Bank und starrt auf ein hässliches Gemälde der Alpen. Neben sie setzt sich Simon, Sohn einer reichen Familie, der versucht, durch Nebenjobs unabhängig zu sein. Die beiden im Blick hat wiederrum der Polizist Marotti, der damit beauftragt wurde, über Monitore die Bahnhofshalle zu überwachen.

Die Wahl-Freiburgerin Malcovati spricht mit Robert Willrich von der Veranstaltungsreihe zwischen/miete über ihr Debüt. Besonders reizvoll fände sie, so Marie Malcovati, wenn Figuren auf den ersten Blick nicht zusammenpassten. „Das funktioniert am besten in einem geschlossenen Raum“, sagt sie. Deswegen beschränkt sich die Interaktion auf den Basler Hauptbahnhof. Willrichs Interpretation, dass gerade Simon durch seine Versuche, sich von seinem Elternhaus abzugrenzen, am stärksten fremdbestimmt sei, widerspricht die Autorin. „Vielleicht ist er genau deswegen eigenständiger und weniger abhängig“, meint Malcovati. Es käme auf die Frage an, wie man Erfolg definiere.

„Nach allem, was ich beinahe für dich getan hätte“ verhandelt auch aktuelle Themen: Überwachung, Terrorismus und zumindest am Rande wird Lampedusa erwähnt. „Als ich den Roman geschrieben habe, war das in den deutschen Medien noch gar nicht gegenwärtig, es wurde als italienisches Problem gesehen“, sagt Marie Malcovati über Lampedusa. Sie habe nicht den Anspruch, hochaktuelle Stoffe zu bearbeiten, dafür gäbe es Zeitungen. „Mir war viel mehr wichtig, dass das Setting auch auf andere Zeiten übertragbar ist, bestimmte Mechanismen sind wie vor hundert Jahren.“

Simon und Lucy gelingt es, im Verlaufe des Romans sich aus ihrer Passivität zu befreien, Marotti aber nicht. „Marotti verpasst alles. Zumindest eine kleine Veränderung macht er aber durch: Er erlangt die Erkenntnis, dass er immer zu spät kommt.“

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