Wetterleuchten: Sebastian Guggolz (Guggolz Verlag)

„Damit kann man kein Geld verdienen, das kann man nur machen, wenn man wirklich will.“ Mit diesem Satz fasst Sebastian Guggolz trocken seine Arbeit zusammen. Vor zwei Jahren gründete er den Guggolz Verlag, spezialisiert auf kleine Sprachen und „tote Autoren“.

Bevor sich Péter Horváth mit dem Verleger über sein wahnwitziges Projekt unterhält, sprechen sie zunächst über einen konkretes Werk aus dem Programm des Guggolz Verlags: „Die Großwäscherei“ von Andor Endre Gelléri ist ein Roman, der bereits 1931 veröffentlicht wurde, als der Autor 24 Jahre alt war. Gelléri starb tragischerweise im Jahr 1945, nachdem er schon aus dem KZ Mauthausen befreit wurde, an Typhus. „Die Großwäscherei“ spielt – der Name lässt es erahnen – in den 1920ern in einer Budapester Großwäscherei. Esther Schwartz von der Akademie für Darstellende Künste trägt eine Stelle aus der Übersetzung vor, während Horváth es sich nicht nehmen lässt, den Anfang auf Ungarisch vorzulesen. Ihn erinnere der Roman, so Horváth, an Klassiker wie „Berlin, Alexanderplatz“ oder „Manhattan Transfer“. „Was ich besonders interessant daran finde“, sagt Guggolz, „sind zwei Sachen: Zum einen lässt sich das Arbeitsverhältnis, die Hierarchie, eins-zu-eins auf heute übertragen, gleichzeitig ist es aber auch ein Lexikon für untergegangene Bücher.“ Gelléris „Großwäscherei“ wurde, wie viele Bücher aus Guggolz‘ Programm, bereits ins Deutsche übersetzt, ist aber kaum noch zu finden. Durch Tipps und antiquarische Fundstücke käme er vor allem auf seine „toten Autoren“, verrät Guggolz. Gelléri hatte ihn eine befreundete Autorin empfohlen, die in Ungarn lebt.

Dass es Guggolz die kleinen Sprachen angetan haben, stellt sich nicht selten als Herausforderung heraus. Ein Roman aus seinem Verlagsprogramm, „Vater und Sohn unterwegs“ von Heðin Brú, ist auf Färöisch verfasst, eine Sprache, die nur rund 40.000 Menschen beherrschen. Sebastan Guggolz‘ Recherchen zufolge handelt es sich bei „Vater und Sohn unterwegs“ um den erst dritten Roman, der je auf Färöisch verfasst wurde. „Entsprechend schwierig war es, einen Übersetzer zu finden.“ Wie Gelléri wurde auch „Vater und Sohn unterwegs“ bereits ins Deutsche übertragen, allerdings ausgehend von einer dänischen Übersetzung. „Ich war davon überzeugt, den Roman aus dem Färöischen direkt übersetzen zu lassen.“ Und er wurde fündig: Ein Bayer, „im positiven Sinne verrückt“, eigentlich Übersetzer aus dem Isländischen, der aber auch einen Färöisch-Sprachführer herausgegeben hatte, fand sich schließlich für diese Aufgabe. Zukünftig wird sich Guggolz übrigens weiterhin auf vergessene Literatur aus Nord- und Osteuropa konzentrieren. Estnisch, Litauisch und Mazedonisch stehen als nächstes auf dem Programm.

Betriebswirt Péter Horváth interessiert zudem, wie er sich mit seinem Verlag finanzieren könne. „Ich habe mich von Anfang an bewusst auf die Nische konzentriert“, sagt Guggolz, der hofft, aus dieser Nische eines Tages eine Marke etablieren zu können. Er finanziere sich hauptsächlich durch Nebenjobs, habe dadurch aber eine sehr viel größere Freiheit, das Programm zu realisieren, das ihm vorschwebt. Eine ungewöhnliche Methode, einmalig an viel Geld zu kommen, hat er außerdem entdeckt: Vergangenes Jahr war Sebastian Guggolz Kandidat der Sendung „Der Quiz-Champion“ mit Johannes B. Kerner. Er konnte alle Fragen beantworten – und gewann 250.000 Euro.

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4 Gedanken zu “Wetterleuchten: Sebastian Guggolz (Guggolz Verlag)

  1. Danke für das Porträt. Ich persönlich halte es so: jede der halbjährig zwei Neuerscheinungen aus dem Guggolz Verlag order ich blind. Und jede empfehle ich genauso blind und mit Nachdruck allen, die offen sind für das Ungewöhnliche, Überraschende und das zu Unrecht Vergessene. Ich wurde (bislang) noch nie enttäuscht. lg_jochen

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  2. Deine Einblicke in die Stuttgrter Literaturtage sind ganz großartig. Solch eine Veranstaltung würde ich auch gern einmal besuchen. Und Deine Berichte über Marie Malcovatis Roman und den Verlag Guggolz habe ich mit großem Interesse gelesen. Péter Horváth wiederum „kenne“ ich als „Controlling-Guru“ mit ziemlich vielen sehr guten Büchern und er ist mir natürlich noch viel sympathischer geworden, weil er solch eine Veranstaltung großzügig fördert (das Sponsoring-Ziel ist bei mir also auf fruchtbaren Boden gefallen :-)).
    Viele Grüße, Claudia

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  3. Danke euch beiden für die Kommentare. Das Gespräch mit Sebastian Guggolz war definitiv das spannendste des gestrigen Tages, aber insgesamt war das Wetterleuchten eine schöne Veranstaltung; weitere Berichte folgen! 🙂

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