Wetterleuchten: Marina Caba Rall (Verlag Klaus Wagenbach)

Ein junger Mann steht vor Esperanzas Haustür in Berlin: Es ist ihr eigener Sohn Juan, der erst vor kurzem erfahren hat, dass seine Mutter noch lebt. So beginnt der Debütroman „Esperanza“ von Marina Caba Rall, der dieses Jahr im Verlag Klaus Wagenbach erschienen ist. Im Gespräch mit Petra Bewer erzählt die Autorin, wie es dazu kam, dass sie, die bereits als Übersetzerin, Regisseurin und Dozentin gearbeitet hat, jetzt ihren ersten Roman verfasst hat. „Eigentlich war der Text ein Drehbuch“, verrät Caba Rall. Durch die Finanzkrise brach plötzlich die wichtige Subvention des Films aus Spanien weg. „Ich wollte das aber nicht einfach begraben, es war ein Herzensprojekt.“ Das Schreiben eines Romans ermöglichte ihr, anders als im Drehbuch die Innenwelt der Figuren besser zu beleuchten. Und Juan, der im ursprünglichen Text nur eine Nebenrolle spielte, wurde während des Schreibprozesses immer wichtiger.

„Die Grundidee war: Was passiert mit den Kindern, wenn die Eltern was verschweigen?“ Die Aufarbeitung der Franco-Diktatur geht in Spanien noch viel schleppender voran als die Vergangenheitsbewältigung der Deutschen. Auch Esperanza hat sich mit dem, was sie unter Franco sah und erlebte, nie auseinandergesetzt. Jetzt endlich reist sie auf Spurensuche zurück nach Spanien. Marina Caba Rall weiß, wovon sie schreibt: Die ersten zehn Jahre ihres Lebens wuchs sie in Madrid unter der Diktatur auf, bevor ihre Eltern im Jahre 1974 nach Tübingen umsiedelten. Was Heimat für sie bedeute, fragt Petra Brewer. „Heimat ist ein Mosaik aus verschiedenen Sachen, aus kleinen, konkreten Dingen, aber kein allumfassender Begriff“, antwortet Caba Rall, die sowohl in Spanien als auch Deutschland Zuhause ist. Auch ihre Figuren sind auf der Suche nach dem Gefühl Heimat. Karla, die Tochter Esperanzas, die ihre Mutter auf dieser Reise begleitet, fühlt sich als Berlinerin. In Spanien aber merkt sie, dass ihre Wurzeln auch dort liegen.

Die Autorin berichtet, dass erst im Jahr 2007 (Franco verstarb am 20. November 1975) ein Gesetz erlassen wurde, laut dem sich Spanien mit der Vergangenheit zu beschäftigen habe und unter anderem die vielen anonymen Massengräber exhumiert werden sollen. Die konservative Regierung Partido Popular um Mariano Rajoy, der seit Ende 2011 der amtierende Ministerpräsident in Spanien ist, würde sich, so Caba Rall, zwar „offiziell“ an das Gesetz halten, es aber zugleich umgehen, indem sie „kein Budget“ für die staatliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit habe.

Auch das Publikum kann am Ende der Veranstaltung Fragen stellen. Besonders interessiert: Wie bewerkstelligte es die Autorin, den Roman auf Deutsch zu schreiben? Marina Caba Rall bestätigt, dass der Prozess, die Dialoge authentisch klingen zu lassen, kompliziert war; das ursprüngliche Drehbuch war auf Spanisch verfasst. Aber, so die Autorin, sie wurde schon mehrfach von Spaniern darauf angesprochen, dass ihre Dialoge „typisch Spanisch“ wirkten, obwohl sie auf Deutsch geschrieben sind. Auch Marina Caba Rall fragt: Wie kann man Gefühle in einer anderen Sprache wiedergeben?

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