Wetterleuchten: Leonardo Padura (Unionsverlag)

Volles Haus bei Leonardo Padura: Während bei der ersten Ausgabe der Reihe Wetterleuchten die vormittäglichen und die spätabendlichen Lesungen eher spärlich besucht sind, platzt der Saal bei den Veranstaltungen nachmittags und abends aus allen Nähten. Leonardo Padura, dessen Erzählband „Neun Nächte mit Violeta“ erst vor wenigen Tagen im Unionsverlag erschien, bekommt gleich dreifache Unterstützung auf der Bühne: Julia Schröder moderiert, Sebastian Medina übersetzt und Konstantin Petry liest deutsche Textstellen. Padura redet ruhig und betont, es klingt ein wenig, als habe er seine Antworten auswendig gelernt oder als würde er sich selbst zitieren. Nach jedem Halbsatz gibt er Medina genug Zeit, um zu übersetzen. Und fängt mit einem Witz an: „Wir Kubaner haben zwei Arten, zu reden: kurz oder ausführlich. Die letzten Reden Fidel Castros dauerten acht Stunden, aber ich weiß, dass ich nur fünfundvierzig Minuten habe!“

Zunächst fragt Schröder nach Paduras Werdegang auf Kuba. Einst, so erzählt Padura, habe er für eine Kulturzeitschrift geschrieben, wurde aufgrund ideologischer Differenzen aber in die Redaktion eines Jugendmagazins versetzt, das der Partei gehört. Auch dort sei er seinem Stil treu geblieben. Nach drei Monaten kam der Chefredakteur auf ihn zu: „Wir wollen diese Zeitschrift ändern, sie ist absolut scheiße.“ So bekam Leonardo Padura freie Hand und die Möglichkeit zu schreiben, worüber er wolle – „aus der Strafe wurde etwas Gutes.“

In dem Band „Neun Nächte mit Violeta“ sind die gleichen Motive wie in seinen Romanen zu finden. Immer schreibt Padura über Kuba und die kubanische Gesellschaft, sei sie verhandelt durch Musik, Sport oder politischen Themen. Seine Romane und Erzählungen gehörten zu einem „gleichen System“, so Padura, genauso wie seine Schriften als Drehbuchautor oder Journalist. Alles sei seine „crónica de la vida cubana“, die allerdings nicht strikt einer kubanischen, sondern vielmehr einer universell gültigen Lesart entsprechen soll. Die Besessenheit, die Erinnerungen an Kuba zu verschriftlichen, zeigt sich in den Figuren: Paduras Protagonisten entspringen seiner Generation, „anhand denen ich erzählen kann, was es bedeutet hat, in diesen Jahren zu leben.“

Auf literarische Vorbilder angesprochen, antwortet Leonardo Padura, er habe von der ganzen Welt gelernt. „Wir Künstler sind Kannibalen der Künstler, die es vor uns gab.“ Ohne die literarische Tradition wäre er nicht zu dem Autor geworden, der er ist. Viele Schriftsteller hätten Angst, ihre Einflüsse offenzulegen, er aber nicht. Relevant für einen Schriftsteller, der gelernt und sich weiterentwickelt hat, sei aber, die „voz propia“, die eigene Stimme zu finden. Auf Schröders Frage danach, wie sich Kuba in den nächsten Jahren entwickeln würde, sagt er nur knapp: „[Meine Figur] Mario Conde weiß das nicht, ich weiß es nicht und nicht einmal Gott weiß das.“ Und dann schließt er mit den Worten: „Wenn ich das nächste Mal eingeladen werde, geben Sie mir doch bitte mehr als fünfundvierzig Minuten!“

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2 Gedanken zu “Wetterleuchten: Leonardo Padura (Unionsverlag)

  1. Ein großartiger Autor und sehr sympathischer Mensch! Ich hatte vor einiger Zeit ebenfalls das Glück, Padura live zu erleben und werde diese Begegnung nie vergessen.
    Danke für den schönen Beitrag.

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