Sara Baume – Die kleinsten, stillsten Dinge

Der alte Mann und das Meer – und der Hund. Die Irin Sara Baume erzählt in ihrem poetischen Debütroman „Die kleinsten, stillsten Dinge“ von einer ungewöhnlichen Freundschaft zwischen zwei Ausgestoßenen.

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„Habe ich dir schon gesagt, dass ich nicht zu den Menschen gehöre, die imstande sind zu handeln? Ich lege mich hin und lasse das Leben über mich hinweggehen.“

„Bücher unterschiedlichster Herkunft, die man mit lachenden Augen lesen wird oder mit weinenden – einschläfernd wirken wird keins von ihnen. Jedes Buch von Rowohlt Hundert Augen ist das, was man im englischen Sprachraum a read nennt. Bücher, die Geschichten erzählen. Die zu Herzen gehen oder das Zwerchfell reizen, die den Blick schärfen oder alles zugleich.“ Mit diesen salbungsvollen Worten beschreibt der Rowohlt Verlag sein neustes Programm Rowohlt Hundert Augen, das diesen Herbst die ersten vier Romane präsentiert – darunter den Debütroman von Sara Baume.

Auch wenn das Wortspiel des Originaltitels um die vier Jahreszeiten „Spill, Simmer, Falter, Wither“ im Deutschen verlorengeht, so beschreibt „Die kleinsten, stillsten Dinge“ Sara Baumes Werk doch sehr treffend. Ihr Protagonist Ray ist „zu alt, um noch mal von vorne anzufangen, und zu jung, um aufzugeben“. Seit dem Tod seines Vaters, der einzigen Bezugsperson, die er in seinem Leben je hatte, besteht sein Alltag, den er in seiner schäbigen Hütte an der irischen Küste verbringt, nur aus einsamer Routine. Die Einsamkeit Rays ist durch seinen fehlenden Kontakt mit anderen Personen zwar offensichtlich, zeigt sich aber in ihrer Tiefe erst in den kleinen, stillen Details, die Baume nebenbei einfließen lässt: „Sieh dir das Bild da an. Ich habe keine Ahnung, wer die lächelnden Fremden darauf sind. Ich kaufe die Rahmen und lasse die Bilder der Menschen drin.“ Du, das ist Einauge, der Hund, den Ray zu Beginn des Romans aus dem Tierheim rettet. An Einauge richtet sich Rays stiller Monolog, Einauge wird zum einzigen Bezugspunkt im Leben des Einsiedlers: „Und du bist natürlich kein Mensch, das vergesse ich immer.“

Ray und Einauge werden zu einem Zweiergespann gegen die Welt. Da sich Einauge, anders als Ray, seinen Artgenossen gegenüber aber aggressiv verhält, fliehen die beiden im Auto. Ziellos fahren sie, die noch nie etwas von der Welt gesehen haben, durch Irland, meiden Dörfer, bevorzugen Schleichwege und sehen dadurch alles und doch nichts. Ray hat ein Auge für die kleinen, stillen Dinge. Seine Beobachtungen zur heimischen Flora und Fauna tragen zum melancholischen Grundton des Romans bei. In der Einsamkeit seines Lebens lernte Ray, jedes Kraut vom anderen zu unterscheiden. Jetzt hat er endlich jemanden, mit dem er reden kann, der ihn vielleicht versteht, vielleicht aber auch nicht. Der wiederholte Gebrauch des Personalpronomens „Du“ durchbricht die Distanz zwischen Erzähler und Leser; letzterer wird unweigerlich angesprochen, ganz gleich, dass innerhalb der Handlung Einauge gemeint ist. Die Häufigkeit, mit der „Du“ verwendet wird, weist auch auf das Schwinden von Rays „Ich“, also seiner Person, hin: „Ich träume schon wieder, ich wäre du.“

Einauge rettet Ray zunächst aus seiner Lethargie, seiner Einsamkeit, der Tristesse, aber Einauge ist es schließlich, der gerettet werden muss und dem Ray sein Leben und nicht zuletzt sein Geld opfert, um nicht zu riskieren, dass ihm der Hund weggenommen wird. Ray wird zugleich befreit und zerstört von dem Hund, den er eigentlich nur aufnahm, um den Ratten auf seinem Dachboden Herr zu werden.

Mit „Die kleinsten, stillsten Dinge“ hat Sara Baume einen leisen Roman vorgelegt, in dem nichts passiert und doch so viel. Oder, um es mit Rowohlt Hundert Augen zu sagen: A read, der den Blick schärft, einen Roman, den man eher mit weinendem als lachendem Auge liest.

Sara Baume – Die kleinsten, stillsten Dinge
Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren
Rowohlt, Reinbek
August 2016, 284 Seiten

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