Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran (zwischen/miete Stuttgart)

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Zwischen/miete, das ist: Junge Autoren zu WG-Lesungen einladen, Bierchen mit den Gästen trinken, über Literatur reden. Im Fall von Shida Bazyar reicht eine Wohnung allerdings nicht aus: Deswegen lädt die zwischen/miete Stuttgart in das Künstleratelier in S-Ost und gut siebzig Literaturfreunde folgen dem Ruf. Das laute Ploppen ungekühlter Wulle-Bier-Flaschen läutet diesen Abend ein. Shida Bazyar – die zu Beginn erklärt, dass ihr Vorname „Sheyda“ ausgesprochen wird – stellt sich souverän den uninspirierten, genuschelten Fragen des Moderators Ruwen Stricker, die an Diskussionsfragen in Soziologie-Proseminaren erinnern (sorry, aber war so). Zum Glück rettet die Autorin: Sie gibt dennoch kluge und ausführliche Antworten, spricht mit deutlicher Stimme und ist überaus sympathisch.

In „Nachts ist es leise in Teheran“ schildert sie nicht ihre eigene Familiengeschichte, betont Shida Bazyar. Sie habe für das erste Kapitel, das 1979 in Teheran spielt, aber viel mit ihren Eltern geredet und die Anekdoten als Basis genommen, um kreativ zu sein. „In erster Linie bin ich aber Schriftstellerin und will mir die Figuren und Handlungen selbst ausdenken.“ Ob denn die Islamische Revolution mit der 1968er-Bewegung in Deutschland zu vergleichen sei, fragt der Moderator. Bazyar verneint. Während in Deutschland einzelne Personen bekämpft wurden, gab es im Iran einen kompletten Regierungswechsel, der Protest war also strukturell, und vor allem: viel existentieller. Aber „es ist schwierig, solche Bewegungen gegenüberzustellen, weil dann eine Bewertung erfolgt.“

Behsad, Hauptfigur des ersten Kapitels, ist für seine Erfinderin eine „simpel gestrickte Machofigur“. Behsads Frau Nahid, aus deren Sicht der Teil, der 1989 in Deutschland spielt, geschildert ist, bricht jedoch dieses Bild. Inzwischen sind beide Protagonisten Mitte 30 und zweifache Eltern, also erwachsen geworden. Nahid hält ihre eigene Illusion aufrecht, dass das Exil in Deutschland nur temporär ist, merkt aber, dass sie mit der Zeit in diesem Land ankommen. Deswegen, so Shida Bazyar, bekommen Behsad und Nahid noch ein drittes Kind: Es ist das Symbol dafür, dass sie in Deutschland sesshaft werden.

Bazyar und Stricker sprechen über die politische Situation im Iran. Die Autorin erzählt vom Evin-Gefängnis am Rande Teherans, das auch in ihrem Roman eine Rolle spielt. Evin ist hauptsächlich ein Gefängnis für politisch Inhaftierte, in dem munter gefoltert wird. „Egal, welches Regime an der Macht ist: Das Evin-Gefängnis ist immer überfüllt“, so Bazyar. Und fügt hinzu: „Der Iran hat durchschnittlich die höchste Hinrichtungsquote weltweit. Sie ist heute unter Rohani sogar noch höher als zu Ahmadinedschads Zeiten.“

Das Kapitel, das die in Deutschland sozialisierte Laleh zum Zentrum hat, die Teheran bereist, basiert teilweise auf ihren eigenen Erfahrungen, erzählt Shida Bazyar. Immer wieder werden die beiden Schwestern Laleh und Tara von ihrer Verwandtschaft gefragt, ob es ihnen denn im Iran oder in Deutschland besser gefiele. „Laleh und Tara sind die einzigen, die diese Frage nicht interessiert“, sagt Bazyar trocken. Auch ihr werde diese Frage häufig gestellt, in Deutschland wie im Iran, „als wären das zwei Pole, zwischen denen man sich entscheiden muss. Dabei gibt es Generationen von Menschen, die beides sind.“

Auch das Publikum hat zahlreiche Fragen an die Autorin. Ob sie denn beim Schreiben ein Ziel verfolgt habe, möchte jemand wissen. Sie verneint. „Ich hatte kein konkretes Ziel, ich habe nicht programmatisch geschrieben, sondern viel mehr das Gefühl gehabt: Es gibt eine Sache, die mich brennend interessiert, und das ist die Revolution von 1979. Wenn die Menschen durch den Roman einen differenzierteren Blick auf den Iran und Geflüchtete im Allgemeinen bekommen, dann freut mich das aber natürlich.“ Und was wäre aus der Familie geworden, hätte sie sich dazu entschieden, in Teheran zu bleiben? „Wenn sie überlebt hätten, wären sie zwangsläufig unpolitischer geworden und hätten gelernt, sich mit den Umständen abzufinden.“

Dann verrät sie mehr über ihre Vorgehensweise: Bereits 2009 begann Shida Bazyar mit der Arbeit an „Nachts ist es leise in Teheran“. Diszipliniert schrieb sie jeden Tag drei Seiten, „um zu den Figuren zu finden und in Schreibfluss zu kommen.“ Und natürlich bereiste sie zwecks Recherche den Iran. Sie verrät: „Ich habe mir meine Notizen per E-Mail geschickt und dann gelöscht. Das ist vielleicht paranoid, aber ich habe trotzdem lieber diese Sicherheitsmaßnahme getroffen.“ Die Ereignisse des Jahres 2009, in dem Mo in Deutschland an Studentenprotesten teilnimmt und zugleich im Internet die Grüne Bewegung im Iran mitverfolgt, notierte sie in einer Tabelle: Was passiert im Iran – was passiert zeitgleich in Deutschland. Am Ende träfen all ihre Figuren, so Shida Bazyar, aber keine Aussagen, die ultimativen Wahrheiten entsprechen. Das ist für sie ein Thema des Buches: Wahrheiten, die sich widersprechen beziehungsweise viele Wahrheiten, die nebeneinander funktionieren können.

zwischen/miete im Künstleratelier Stuttgart
30. September 2016
Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran (KiWi)
Moderation: Ruwen Stricker

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