Katharina Winkler – Blauschmuck

Die Protagonistin in Katharina Winklers Debüt „Blauschmuck“ leidet unter einem tyrannischen Ehemann, der sie misshandelt und wie eine Sklavin behandelt. Ein erschütterndes Schicksal – das von der Autorin bis zur Ermüdung geschildert wird.

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Blauschmuck, dieser poetisch anmutende Titel von Katharina Winklers Debütroman, entpuppt sich gleich auf den ersten Seiten als unfreiwillige Zierde der Frauen: Es sind die Hämatome in schillernden Blaufarben, die sie regelmäßig von ihren Ehemännern verpasst bekommen – „der Blauschmuck der Frauen trägt die Handschrift der Männer“. In dem Dorf in der Türkei, in dem Winklers Protagonistin Filiz aufwächst, gehört es schon fast zum guten Ton, Blauschmuck zu tragen. Er ist so sehr zum Teil der Gesellschaft geworden, dass die einzige Frau in diesem Umfeld, die keine Schläge erleiden muss, von den anderen Frauen verachtet und geschnitten wird.

Auch Filiz kennt sich mit den strengen Hierarchien aus. „Die Ehre ist meinem Vater das Wichtigste./ Wichtiger als wir Kinder. Oder Mutter./Die Ehre steht über allem, sagt Vater./Die Ehre wächst mir über den Kopf.“ Doch selbst ihr prügelnder Vater ist ein Engel im Vergleich zu dem Mann, den sie als Jugendliche heiratet: Yunus. Yunus lebt bei seiner Mutter, der „Spinne“, wie Filiz sie nennt, und Filiz ist durch die überstürzte Ehe dazu gezwungen, zu ihnen zu ziehen. Ihre neue Familie behandelt sie wie eine Sklavin, und trotz der schweren und unermüdlichen Arbeit kann sie es Ehemann und Schwiegermutter nie recht machen. Yunus straft sie mit Schlägen, mit Vergewaltigungen oder monatelangem Schweigen. Zunächst aus naiver Liebe, schließlich aus Abhängigkeit, und spätestens als die Kinder geboren sind, aus tiefer Angst, beugt sich Filiz seiner Macht und Willkür. Die Täter- und Opferrollen in „Blauschmuck“ sind klar verteilt.

Als Filiz, Yunus und ihre Kinder nach Österreich ziehen, ändert sich für Filiz nichts an ihrer Situation. Schläge, Vergewaltigung und Demütigung gehören nach wie vor zum Alltag, ein Hoffnungsschimmer ist nicht in Sicht. Suhrkamp und die Autorin betonen, dass der Roman auf einem wahren Schicksal beruht, dass es Yunus und Filiz wirklich gibt. Es ist wichtig, Geschichten wie diese zu erzählen und nicht die Augen vor der Realität vieler Frauen zu verschließen.

Und doch trägt „Blauschmuck“ den Zusatz Roman. Und als ein literarisches Werk genommen enttäuscht dieser Roman. Er ist gänzlich aus der eindimensionalen Sicht einer ungebildeten, jungen Frau geschildert, die nichts von den beiden Ländern, in denen sie lebt, mitbekommt, die praktisch abgeschnitten von der Außenwelt ist. Entsprechend erfährt der Leser auch nichts von den gesellschaftlichen und politischen Umständen in der Türkei, die Namen Atatürk und PKK fallen lediglich einmal am Rande. Und entsprechend sind die Sätze äußerst naiv, alle Wahrnehmungen in simplen Formulierungen wiedergegeben. Die Kapitel sind sehr kurz, voller Leerstellen und Auslassungen, was vermutlich Atemlosigkeit und Tempo der Handlung steigern soll – im Bestfall wecken sie Assoziationen zu einem Prosagedicht.

Sowohl stilistisch als auch von dem strikt monothematischen Inhalt gesehen handelt es sich hier nicht um ein literarisch anspruchsvolles Buch. Es zeigt den Leidensweg einer jungen Frau. Mehr will „Blauschmuck“ vielleicht auch nicht, aber diese Monothematik wird schnell monoton und dadurch selbst Filiz‘ furchtbare Geschichte irgendwann (man wagt es unter dem Aspekt, dass die Handlung wahr ist, kaum zu schreiben, aber nach wie vor: als reine Romananalyse!) langweilig.

Katharina Winkler – Blauschmuck
Suhrkamp, Berlin
Februar 2016, 198 Seiten

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3 Gedanken zu “Katharina Winkler – Blauschmuck

  1. Liebe Isabella,
    eine interessante Rezension. Ich habe den Roman tatsächlich ganz anders gelesen als du. Für mich passte diese „monotone“ Erzählstimme sehr gut zum geschilderten Inhalt. Ich hab diesen Ton als eine Art Abstumpfung gesehen, durch welche Filiz die Gewalttaten der Männer um sie herum ertragen kann. Mich hat der Roman vor allem wegen dieser sprachlichen Besonderheit in seinen Bann gezogen. Ich verstehe durchaus auch dein Argument, dass von der türkischen Außenwelt in „Blauschmuck“ nicht viel zu spüren ist. Aber ich glaube, auch das liegt an dem Blickwinkel, aus dem das Ganze erzählt wird. Filiz hangelt sich ja förmlich von Tag zu Tag und lässt immer wieder diese unendliche Gewalt über sich ergehen. Wahrscheinlich fällt es da schwer, sich um größere Kontexte der Außenwelt zu kümmern, wenn doch schon der eigene Mikrokosmos unerträglich ist.
    Vielleicht magst du ja auch meine Rezension mal lesen: http://poesierausch.com/2016/11/13/katharina-winkler-blauschmuck/
    Würde mich freuen.
    Liebe Grüße
    Juliane

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  2. Meiner Meinung nach ist es das literarisch anspruchvollste Buch, das beispielsweise auf die Shortlist des öst Bp gekommen ist https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/09/06/die-oesterreichische-debut-und-buchpreislonglist/ von dieser Shortlist habe ich noch nicht so viel gelesen und genau das ist mein Problem mit dem Buch, weil ich denke, daß eine türkische Unterschichtfrau nicht diese Sprache hat und ich daher nicht ganz sicher ist, ob man das nicht auch als eine Art Mißbrauch interpretieren könnte, aber auf der anderen Seite hat diese Hochliterarisierung das Buch erst auf die diversen Shortlists für diverse Preise, „Alpha“, https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/10/28/siebenter-alpha-literaturpreis/„öst.List“ https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/11/08/der-erste-oesterreichische-buchpreis/, etcetera und auch auf den Blogs wird es ja sehr gelobt, liebe Grüße aus Wien
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2016/11/05/blauschmuck/

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