Jan Brandt – Stadt ohne Engel

Ein Stipendium führt Jan Brandt nach Los Angeles. Doch die Künstlerresidenz Villa Aurora entpuppt sich für ihn als Elfenbeinturm und er beschließt, sich in die Stadt zu werfen, ihre Bewohner kennenzulernen. Verschriftlicht hat er diese Erfahrungen in „Stadt ohne Engel“, faszinierende Essays über Los Angeles, mit denen es Brandt gelingt, seinen Lesern die vielen Facetten der Stadt näherzubringen.

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„Ich denke an Amerika und nicke, ich nicke wie verrückt, weil ich merke, dass ich mich darauf einlassen muss, auf das Land und die Leute, um endlich anzukommen, dass ich mein Ding durchziehen muss, während alle um mich herum ihr Ding durchziehen, und dass das kein Widerspruch ist, sondern dass das eine das andere bedingt…“

Eigentlich möchte Jan Brandt mit seinem großen Amerikaroman weiterkommen. Doch oben in der Villa Aurora, in der er als Stipendiat untergekommen ist, hat er zwar einen schönen Blick auf Los Angeles, kann aber nicht in die Stadt eintauchen. Also zieht Jan Brandt los. Er spricht Zufallsbekanntschaften an, trifft sich immer wieder mit ihnen und versucht, ihr Leben in L.A. und die Beweggründe der vielen Zugezogenen, sich für diese Stadt zu entscheiden, nachzuvollziehen. Seine Recherchen sind intensiv. Als Brandt mitbekommt, wie ein Skateboarder, kaum volljährig, abgestochen wird, macht sich der Schriftsteller auf die Suche nach seinen Verwandten und Freunden. Akribisch versucht er, das Leben des Toten zu rekonstruieren: „Ich muss das fragen, es ist wie ein Zwang, als könnte ich Carlos von den Toten zurückholen, wenn ich nur genau und nah genug an den noch Lebenden herankomme.“

Brandts Anspruch, die Menschen der Stadt kennenzulernen, wirkt nicht selten wie eine Obsession; die Schicksale einzelner beschäftigen ihn sehr. Dabei hadert er mit seiner eigenen Rolle – „die Schuld des Schriftstellers, meine Schuld, mit einer Minderjährigen durch die Gegend zu fahren, nur um dieses Erlebnis für eine Geschichte auszuschlachten.“ Doch durch seine Hartnäckigkeit, seine „Schuld“, kommt er den Bewohnern, die das Panorama der Stadt bilden, näher, und mit ihm der Leser, den Jan Brandt an die Hand nimmt. Es entsteht das Gefühl der absoluten Gegenwärtigkeit, als würde man zusammen mit dem Schriftsteller wirklich in Berührung mit Los Angeles kommen. Er ist und bleibt aber ein Außenseiter mit Innensicht, er beobachtet die Menschen nicht nur, sondern verabredet sich immer wieder mit ihnen – immer aus der Perspektive eines temporären Besuchers.

Das Bild Los Angeles‘ in „Stadt ohne Engel“ ist fern jeglicher Romantik. „Los Angeles, insbesondere Hollywood, ist ein Ort, der einen von der Welt entfernt, ganz gleich, was man macht – auch als Schriftsteller“, stellt der Autor fest. Von der Welt entfernt sind vor allem die Menschen, die Brandt trifft. Sie bedienen das typische Los-Angeles-Klischee, leben den Mythos des Amerikanischen Traums: Von der Kellnerin zum Gründer neuer Besinnungskirchen sind alle Schauspieler, mehr oder minder erfolgreich. Dazu passend sind die Filmographien, die Jan Brandt in Klammern hinter den Namen seiner neuen Bekanntschaften einfügt. Neben den Menschen, die er zufällig kennenlernt, sucht er einige bewusst auf, wie zum Beispiel einen ausgewanderten Deutschen, der eine Currywurstbude und zugleich ein Feinkost-Catering betreibt. Ein Gangsterrapper führt ihn durch Los Angeles‘ gefährlichstes Viertel, ein anderes Kapitel widmet sich dem DDR-Museum der Stadt. Doch vor allem der Komponist Sergej, ebenfalls Stipendiat, und Nina, Praktikantin der Villa Aurora, sind seine kontinuierlichen Gesprächspartner. Gerade Nina reißt ihn aus seiner comfort zone. Immer wieder löchert sie ihn mit Fragen, teilweise abstruser Natur –„Was ist dein Lieblingsfreizeitparkunglück?“ –, die sich auf die Interviews, die Jan Brandt mit anderen führt, auswirken. Den Angehörigen des ermordeten Skateboarders stellt er „Kriminalistenfragen, Journalistenfragen, Schriftstellerfragen, Ninafragen, Janfragen.“

Die eindrücklichen Reportagen werden untermalt mit Polizeimeldungen, als Gedichte aufgearbeitet, in denen fast ausschließlich von Gewalt und Tod die Rede ist. Zudem gibt es Fotos, die Jan Brandt selbst geschossen hat. Es sind Momentaufnahmen und keine typischen Los-Angeles-Motive. Sie sind ein wenig wie die Essays in „Stadt ohne Engel“: Sie zeigen Ausschnitte und ergeben dadurch ein Mosaik, haben aber nie den Anspruch, die Stadt in ihrer Gänze abzubilden, und bleiben damit auf ihre Weise ruhig und poetisch. Allein eine Karte fehlt in dem Buch, mit der die Wege Brandts und die durch die starke Zersiedelung einzigartige Stadttopografie noch besser nachvollziehbar gewesen wären.

„Stadt ohne Engel“ ist ein großartig recherchiertes und geschriebenes Werk, eine intensive Lektüre, die einen tiefen Einblick in die Metropole Los Angeles vermittelt – und damit ein bisschen, vielleicht ein bisschen sehr, auch in die Seele der USA: „Ich beobachte nur und schreibe meine Beobachtungen auf. Ich will herausfinden, wie alles zusammenhängt: Hollywood und Google, Silicon und Venice Beach, die Freaks, die Nerds und die Hippies, Technikhörigkeit und Spiritualität, die Macht und Ohnmacht der Imagination, Digitalisierung aller Lebensbereiche, steigende Mieten und sinkende Absicherung, Erfolgsdruck, Depression und die Sehnsucht nach einem alternativen Dasein.“

Jan Brandt – Stadt ohne Engel
DuMont, Köln
September 2016, 380 Seiten

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