lesen.hören 11: Raoul Schrott über die Entstehung der Welt

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„Ich weiß schon, dass ich kein Plankton bin.“ – Raoul Schrott

Es ist das erste lesen.hören-Festival, das gänzlich ohne Roger Willemsen stattfindet. Sören Gerhold, der Geschäftsführer der Alten Feuerwache in Mannheim, und Insa Wilke, die die Programmleitung innehat, erinnern beide an Willemsen, der vergangenes Jahr verstarb, wenige Tage vor dem Startschuss zur zehnten Auflage von lesen.hören. „Seine Handschrift wird in den nächsten Jahrzehnten im Programm zu sehen sein“, verspricht Wilke. „Mit der Auftaktlesung wäre er sehr einverstanden, denn er hatte eine Schwäche für Größenwahn – genau wie der Autor.“ Dieser Autor ist Raoul Schrott, der über sein Epos „Erste Erde“ sprechen wird. „Nach der Lektüre des Buchs ist man klüger… und verwirrter“, resümiert Insa Wilke. Als größenwahnsinnig kann man „Erste Erde“ guten Gewissens bezeichnen, immerhin umfasst das großformatige Buch rund 850 Seiten. „Ich erzähle darin vierzehn Milliarden Jahre Geschichte“, sagt Schrott trocken. „Dünner ging’s nicht.“

„Erste Erde“ ist eine Chronik unserer Welt, vom Urknall bis zur Erfindung der Schrift. Schrott hört an der Stelle auf, an der das Geschichtenerzählen beginnt. Doch wie kommt man auf die Idee, die gesamte Historie unseres Planeten niederzuschreiben? „Ich bin 53 Jahre alt, ich zähle meine Jahre jetzt rückwärts. Bevor ich die Löffel abgebe, wollte ich wissen, was das alles hier ist“, erklärt der Schriftsteller. Und um das zu verstehen, wälzte er nicht nur Bücher, sondern bereiste die ganze Welt, um Meteoriten in der Hand zu halten und die ältesten Fossilien zu sehen, er besuchte die Ausgrabungsstätte von Lucy, reiste zum Lebensraum der Lungenfische und folgte den ältesten Fußspuren. „Ich bin an die Stationen der Geschichte gefahren, um der Dinge habhaft zu werden. Zugegeben: Beim Urknall war das ein bisschen zu schwierig.“

Raoul Schrott redet mit einer ruhigen, angenehmen Stimme, die einen leichten Tiroler Einschlag hat. Er spricht frei, ganz ohne Notizen, und ein wenig ist es, als würde er einem guten Freund abwechselnd die Evolution und Anekdoten seiner eigenen Reisen erzählen. „Mein damaliger Verleger Michael Krüger sagte mir: Raoul, wenn du schon so ein dickes Buch schreibst, dann schreib wenigstens Prosa!“ Schrott entschied sich schließlich doch für die Form des Epos. „Ein Epos ist enzyklopädisch und zugleich eine Mischung aus Poesie und Prosa.“ Diese Mischung benötigte der Schriftsteller, um die Welt fassbar zu machen. Deswegen wählte er in „Erste Erde“ auch viele Figuren mit unterschiedlichen Backgrounds und Ansichten, die die Epochen der Welt erörtern. „Die Geschichte unseres Planeten ist sehr abstrakt. Ich habe also nach Metaphern und Bildern gesucht, um sie zu schildern.“

Zu den intensivsten Eindrücken gehört für Raoul Schrott der Trip in den Norden Kanadas, wo sich die ältesten Gesteine der Erde befinden, nördlicher noch als Yellowknife, dem „Ende der Zivilisation“. Gemeinsam mit zwei Gefährten machte er sich auf den Weg, um genau diese Gesteine zu berühren. Unterwegs verloren sie ihr Gepäck, begegneten Schwarzbären und mussten schließlich durch einen Suchtrupp gerettet werden, der kurioserweise von einer Deutschen losgeschickt wurde: Die Freundin von Lothar Ebke, einem ehemaligen Terroristen der Revolutionären Zellen, betreibt in Yellowknife ein Bed and Breakfast und machte sich Sorgen um das verschollene Team. Neben Neuseeland, Mexiko und Kanada verschlug es Schrott übrigens auch in die (relative) Nähe Mannheims. In Ensisheim im Elsass verzeichnete man den ältesten dokumentierten Meteoriteneinschlag Europas: 1492 traf dort ein Meteorit auf die Erde, den Albrecht Dürer übrigens in seinem Kupferstich „Melencolia I“ verewigte.

Schrott erzählt mit viel Humor, wird zwischendurch aber wieder ernst. „Das klingt jetzt nach Paulo Coelho, aber mich hat die Arbeit an diesem Buch verändert.“ Und dann schmunzelt er über sich selbst: „Ich hätte nie gedacht, dass ich in der Öffentlichkeit mal so einen schmalzigen Satz sagen würde.“ Die Recherche brachte ihn dazu, die Welt geographisch wie politisch neu zu verstehen. Die Alpen beispielsweise, so erklärt der Autor, haben sich nur dadurch gebildet, dass sich die afrikanische über die europäische Platte schiebt. „Wenn man’s genau nimmt, ist die Nordgrenze Tirols also die Nordgrenze Afrikas!“

Nach einer Pause trifft Schrott in einer Podiumsdiskussion auf die Naturwissenschaftlerin Petra Schwille und den Theologen Nikolaus Schneider. In dieser eher ruhigen Debatte zeigen sich zwischen Wissenschaft und Religion mehr Überschneidungen als Differenzen: Sowohl Schwille als auch Schneider bewegte die Frage, was genau die Welt sei. Sie wählten nur zwei andere Wege, um sie sich begreifbar zu machen. „Die biblischen Bücher sind Narrativen: Wie gelingt das Leben, wie misslingt das Leben“, sagt Schneider und fügt spitzbübisch hinzu: „Sie sind also die Vorform Ihres Werkes!“

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lesen.hören 11 in der Alten Feuerwache Mannheim
16. Februar 2017
Überall ist Anfang. Raoul Schrott erzählt die Entstehung der Welt
Mit Insa Wilke, Petra Schwille und Nikolaus Schneider

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