lesen.hören 11: Katja Lange-Müller und Benjamin Lebert

Auf den ersten Blick wirken sie ein wenig wie ein Gegensatzpaar: Benjamin Lebert blickt zumeist nach unten und redet mit ruhiger, ernster Stimme, während die extrovertierte Katja Lange-Müller viele Witze macht und Anekdoten aus ihrem Leben erzählt. Doch beide scheinen sich länger zu kennen, duzen und umarmen sich am Ende der Lesung. Sie sprechen über das Thema Hilfe, um das es sowohl in Leberts als auch in Lange-Müllers aktuellem Roman geht. Und siehe da: Gerade durch die unterschiedlichen Persönlichkeiten der Autoren wird dieser Abend, durch den hr2-Moderator Alf Mentzer führt, zu einer runden Veranstaltung.

Katja Lange-Müller und Benjamin Lebert schreiben nicht nur über das Helfen, sie waren auch selbst aktiv. Lange-Müller, die in der DDR aufwuchs und wegen „unsozialistischen Verhaltens“ von der Schule flog, bekam als junge Frau das Angebot, in einer Psychiatrie zu arbeiten. Als man ihr dort sagte, sie habe „den Hang zur Tendenz zur rückläufigen Kaderentwicklung“, war sie davon überzeugt, die Stelle anzunehmen. „Nicht einmal Kafka hätte das so schön formuliert, also sagte ich mir: Okay, das machst du!“ Und blieb neun Jahre lang. Ihr Roman „Drehtür“, der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2016 stand, entsprang der Überlegung, was passiert wäre, hätte sie weiterhin als Pflegekraft gearbeitet. Ihren ersten literarischen Text schrieb die Autorin übrigens, nachdem sie zehn Nachtwachen hintereinander hatte. „Es war noch dunkel, als ich mich in die Kneipe setzte und anfing zu schreiben. Und als ich fertig war, war es wieder dunkel. Da habe ich bemerkt: Schreiben ist autotherapeutisch.“

Benjamin Lebert erzählt von seiner zweimonatigen Arbeit in einem Kinderheim in Kathmandu. In Nepal werden Kinder oft als Arbeitssklaven oder Zwangsprostituierte verkauft. In dem Kinderheim, in dem sich Lebert engagierte, leben Kinder, die aus ihrer Versklavung befreit wurden. „Eigentlich wollte ich gar nicht darüber schreiben“, sagt Lebert. „Aber mich hat das nicht mehr losgelassen, das Thema hatte eine enorme Dringlichkeit.“ Seine Augen haben sich „mit diesem Dunkel gefüllt“, allerdings: „Freude lebt auch an den schlimmsten Orten.“ Lebert wird sich der Wucht seiner Aussagen bewusst und lockert die Stimmung mit einem Witz: „Ihr seht, es wird ein sehr esoterischer Abend.“

Während Katja Lange-Müller aus der Perspektive einer Krankenschwester schreibt, wählt Benjamin Lebert in „Die Dunkelheit zwischen den Sternen“ die der Kinder – und eines Hundes, der das verheerende Erdbeben, das Nepal im April 2015 erschütterte, bereits Tage vorher spürt. Neun Tage vor diesem Erdbeben war Lebert wieder in Deutschland. Per E-Mail erfuhr er, dass das gesamte Haus zerstört wurde, die Kinder aber überlebten. „Danach musste ich erst recht ein Buch über Nepal schreiben.“

Asta, die Protagonistin in „Drehtür“, ist nach zwei Jahrzehnten Arbeit für eine Hilfsorganisation in Nicaragua wieder in München, steht an einer Drehtür am Flughafen und raucht. „Ich kenn die Drehtür persönlich, da geh ich auch immer hin zum Rauchen“ kommentiert Lange-Müller. Asta meint, in den vorbeigehenden Menschen bekannte Gesichter zu erkennen. „Klar, nur rauchen ist auch langweilig und nicht gerade abendfüllend.“ Diese Gesichter werden zu Stichwortgebern, anhand denen sich die Handlung von „Drehtür“ entfaltet. „Asta hat ein wenig ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Es gibt verschiedene Helfertypen und sie gehört zu der Sorte, die ich am Häufigsten getroffen habe.“ Und dann verrät die Autorin, dass das Motto, das sie ursprünglich für den Roman gewählt hat, ein anderes war: Lass dir aus dem Wasser helfen, sonst wirst du noch ertrinken, sagte der freundliche Affe und setzte den Fisch in einen Baum.

Von Nicaragua und Nepal führt Alf Mentzer schließlich nach Deutschland: Was würden die beiden Autoren denn von der kurzzeitigen deutschen Willkommenskultur im Sommer 2015 halten? Katja Lange-Müller plädiert dafür, sich mit den Gegenden, aus denen die Flüchtlinge kommen, stärker auseinanderzusetzen. „Man sollte schon ein bisschen mehr wissen als das, was in der Tagesschau zu sehen ist. Liebe allein reicht nicht, falsche Hilfe frustriert beide Seiten.“ Benjamin Lebert sieht das anders: „Es ist ein enormer Wert für eine Gesellschaft, endlich, wie in diesem Fall, wertzuschätzen, was sie hat. Mit einer Regung des Herzens ist für mich schon unglaublich viel gewonnen.“

lesen.hören 11 in der Alten Feuerwache Mannheim
17. Februar 2017
Was wir tun können. Benjamin Lebert und Katja Lange-Müller übers Helfen
Moderation: Alf Mentzer

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