lesen.hören 11: Jonas Lüscher, Selja Ahava, Anne Weber

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„Einmal reingreifen, bitte. Die Karte entscheidet über den Verlauf Ihres Abends!“, werden die Gäste des sogenannten Zufallsabends am Eingang der Alten Feuerwache in Mannheim gebeten. Brav greifen alle in die Tüte und ziehen verschiedenfarbige Pappkarten heraus. Die Idee: Nicht nur spielt in den drei Romanen, um die es an diesem Abend geht, das Thema Zufall eine Rolle, der Zufall selbst nimmt auch Gestalt an: Die Farbe der Karte bestimmt, welche Lesung besucht wird. Und so finden sich die Zuschauer ein wenig zögerlich, doch unbeirrt in ihren Gruppen ein und folgen „ihren“ Autoren, die übrigens recht international aufgestellt sind: Selja Ahava ist aus Finnland angereist, Jonas Lüscher aus der Schweiz und Anne Weber ist zwar gebürtige Offenbacherin, lebt aber seit über dreißig Jahren in Paris und hat mehrere Bücher auf Französisch verfasst.

Selja Ahava und ihr Übersetzer und Moderator des heutigen Abends, Stefan Moster, der ebenfalls Autor ist, veröffentlichen beide ihre Romane im charmanten mareverlag. In Ahavas Roman „Dinge, die vom Himmel fallen“, der mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet wurde, gibt es gleich mehrere Zufälle: Eine Frau gewinnt nicht nur ein- sondern zweimal im Lotto und stürzt dadurch ins Unglück. Als sie von einem Mann erfährt, der vierfach vom Blitz getroffen wurde und immer überlebte, sucht sie Halt darin, ihm Briefe zu schreiben. „Ich habe Unglaublichkeiten und Zufälle gesammelt“, sagt Ahava im Gespräch mit Moster. Und verrät, dass ihre Romane in ihrer Heimat nicht immer ernst genommen werden: „In Finnland herrscht die Meinung, dass Literatur, die scheinbar leicht und witzig daherkommt, nicht tiefsinnig sein kann.“

Ein Stockwerk weiter oben wird bei Anne Weber gerade abgestimmt, welches Kapitel sie aus ihrem neuen Roman „Kirio“ lesen soll. „Ein moderner Schelmenroman voller Sprachphantasie und Komik“ urteilte die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse über ihr neuestes Werk, mit dem Anne Weber in diesem Jahr nominiert ist. Kirio ist der Name ihres Protagonisten. Es ist offen, um was für ein Wesen genau es sich bei ihm handelt. Die Besucher des Festivals kommen der Lösung des Rätsels ein wenig näher: Inzwischen hat man sich auf das zweite Kapitel, Kirios Geburt, geeinigt. „Dann nehmen wir ganz zufällig das Kapitel 2“, sagt Anne Weber augenzwinkernd und beginnt zu lesen.

Und nochmal geht’s die Treppen hinauf. Dort ist Jonas Lüscher mit seiner Zufallsgruppe und auch bei ihm wird gelesen. „Kraft“ heißt Lüschers neuer Roman, in dem es einen Professor aus Tübingen an die Stanford University verschlägt, die „Keimzelle des Silicon Valley“, wie der Autor es ausdrückt. Ihn, der selbst neun Monate in Stanford war, habe vor allem die Diskrepanz zwischen dem ungebrochenen, überraschend naiven Optimismus im Silicon Valley und dem europäischen geisteswissenschaftlichen Skeptizismus interessiert, so Lüscher. Seine Figur aber ist kein linker Geisteswissenschaftler sondern jemand, der diese Ideologie theoretisch durchdacht hat und gutheißt, denn: „Sonst wäre es zu einfach gewesen!“

lesen.hören 11 in der Alten Feuerwache
26. Februar 2017
Was vom Himmel fällt. Zufalls-Abend mit Selja Ahava, Jonas Lüscher und Anne Weber
Mit Stefan Moster

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