lesen.hören 11: Feridun Zaimoğlu auf Luthers Pfaden

Die letzte Veranstaltung der elften Auflage von lesen.hören findet in einer ganz besonderen Kulisse statt: In der Christuskirche von Mannheim, natürlich eine evangelische Kirche – schließlich stellt Feridun Zaimoğlu hier seinen Luther-Roman „Evangelio“ vor. Nachdem mehrere von Martin Luther komponierte Stücke auf der Orgel erklungen sind, sagt wie gewohnt Insa Wilke einige einleitende Worte. Sie verrät: Während der zweieinhalb Wochen, die das Festival ging, war hinter den Kulissen einiges los: Ein Kollege kam mit Pfeifferschen Drüsenfieber ins Krankenhaus, ein anderer wurde Vater. Dann bittet sie den „feinen Kerl“ (O-Ton Wilke) Zaimoğlu und keinen anderen als Denis Scheck, der die heutige Lesung moderiert, auf die „Bühne“.

Denis Scheck lässt es sich nicht nehmen, die Besucher mit „Liebe Literaturgläubige“ zu begrüßen und geht dann sofort in die Vollen: Und steuer des Papsts und Türcken mord heißt es in einem von Luther geschriebenen Werk. Wie käme denn ein Türke dazu, sich ausgerechnet mit Luther zu beschäftigen? Feridun Zaimoğlu erklärt: Er habe schon im Alter von zehn, elf Jahren das erste Mal die Lutherbibel gelesen, auch wenn er sie damals nicht wirklich verstand. Und er versichert – „Mein Lektor ist mein Zeuge!“ –, dass er bei der Konzeption des Romans nicht an das Lutherjahr gedacht habe. „…Es liegt auch nicht daran, dass ich in Kiel in der Lutherstraße wohne…“, scherzt er weiter. Ihn habe interessiert, wie jemand dazu komme, mit seinem Glauben zu brechen. Auch der Teufel hat es dem Schriftsteller angetan: „Er war Teil der damaligen Welt. Ich habe mich gefragt: Wie kann man den Teufel bannen? Wie kann ich das darstellen?“ Daraufhin kreierte er seinen Ich-Erzähler, Luthers Knecht Burkhard. „Hätte ich auf Burkhard verzichtet, dann wäre die Form zu modern geworden.“

Dann liest Feridun Zaimoğlu den Anfang von „Evangelio“. Er trägt auffällige Ringe an den Fingern, die im Kirchenlicht blitzen, und ein Armband, das einer Handschelle gleicht. Seine raue Stimme, die in einen Singsang verfällt, die auffälligen Mephisto-Augenbrauen und der salbungsvolle Text („Dreikantiger Dreckskerl!“) bewirken, dass er in dieser Kulisse fast unheimlich, ja, dämonisch wirkt.

Er müsse die Gretchenfrage stellen, so Denis Scheck. „Wie halten denn Sie es mit der Religion?“ Zaimoğlu holt aus: „Ich glaube an Gott, an Gut und Böse, Licht und Dunkel und daran, dass der Himmel nicht leer ist.“ Jahrzehntelang habe er sich mit dem Glauben beschäftigt. Seine Erkenntnis: Auf jedes Prophetenwort folge schnell „der Putsch der Priester. Ja, ich glaube, aber nein, nicht an die Religion“, schließt er.

Martin Luther sei der „Big Bang“ der neueren deutschen Literatur gewesen, so Scheck, und zählt auf: Schandmal, Feuerteufel, Perlen vor die Säue werfen… viele der heute gängigen Begriffe und Redewendungen sind auf ihn zurückzuführen. Zaimoğlu bestätigt. Man könne über die Bibel denken, was man wolle, aber „einzigartig sprachmächtig“ sei Luther gewesen. Dann hakt Denis Scheck nach und fragt erneut, wie „so ein netter muslimischer Junge“ auf das Thema gekommen sei. „Möchten Sie Salman Rushdie Konkurrenz machen?“ Zaimoğlu, der um ausführliche Antworten wahrlich nicht verlegen ist, antwortet mit einer Anekdote: Als er seiner Mutter am Telefon von dem Romanprojekt erzählte, schimpfte der Vater im Hintergrund: War Luther nicht ein Türkenfeind?, woraufhin die Mutter ihn schalt: Wie kannst du unseren Sohn anzweifeln? „Wie bei Jesus!“, entfährt es Denis Scheck. „In zwei Büchern war ich auch eine Frau“, erzählt Zaimoğlu weiter. „Erst viel später kam mir beim Schreiben des Romans der Gedanke: Was werden die Leute da draußen denken?“ Die Angst Luthers vor den Osmanen könne er nachvollziehen, immerhin waren diese damals auf großem Eroberungsfeldzug. „Luther neigte zu ziemlich ätzenden, heftigen Worten und kannte den Koran nicht, obwohl er sich darauf berief“, so der Autor. „Es erklärt sich aber vieles aus seiner Frömmigkeit.“

Denis Scheck fragt, wie Zaimoğlu denn recherchiert habe. „Es gibt die Tendenz, Luther zu enluthern“, antwortet dieser, „und ihn zu einem feisten, rotbäckigen Männlein im Kräutergarten zu machen.“ „Der vegane Luther!“, ruft Scheck. Der Autor fährt unbeirrt fort. Inzwischen analysiere man sogar die Lieblingsspeisen Luthers. „Darauf konnte sich meine Recherche natürlich nicht beziehen.“ Nach dem Lesen von Bibel, Biografien und Briefen merkte er schnell: Das reicht nicht. „Ich kann nur schreiben, wenn ich mich dramatisch reduziere, wenn ich Selbstzerstörung betreibe und alles zu Fuß erlaufe – natürlich war ich auf der Wartburg und hörte den Wind wie ein böses Tier fauchen, natürlich war ich in Wittenberg, ich lief, bis die Worte zu mir kamen und ich mit dem Schreiben beginnen konnte.“

Zum Ende des Abends schlägt Scheck den Bogen zu aktuellen Ereignissen und fragt Zaimoğlu nach seiner Meinung zum Auftrittsverbot des türkischen Justizminister Bekir Bozdag in Gaggenau und was er davon halte, dass sich Deniz Yücel in Untersuchungshaft befindet. „Auf die Gefahr hin, dass das zu einem Problem für mich wird: Diese Politiker haben hier nichts zu suchen“, antwortet Zaimoğlu. Er sei zwar für Meinungsfreiheit, aber nicht für Agitation und „üble demagogische Propaganda. Das hat ja Folgen, das ist schließlich Werbung für die Präsidialdiktatur.“ Er sehe das wie bei Naziparolen. „Volksverhetzung ist eine Einschränkung des öffentlichen Friedens.“

lesen.hören 11 in der Christuskirche Mannheim
04. März 2017
Gottesdienst und Blasphemie. Feridun Zaimoğlu liest Denis Scheck seinen Luther vor
Moderation: Denis Scheck

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