Paul Auster – 4 3 2 1 (Kino Museum, Tübingen)

Erst im November war Siri Hustvedt zu Gast in Tübingen, auf Einladung von Dorothee Kimmich, die auch den heutigen Abend moderiert. Dass es Hustvedts Ehemann Paul Auster nach Stationen in Berlin, Hamburg und Frankfurt ausgerechnet nach Tübingen verschlägt, wird also kaum Zufall sein. Die Lesereise hinterlässt ihre Spuren: Paul Austers Stimme ist brüchig. „In meinen siebzig Jahren habe ich noch nie meine Stimme verloren – bis heute.“

Dorothee Kimmich hat zwei Bücher dabei: Ein sehr schmales, „Die New-York-Trilogie“, und das fast 1300 Seiten umfassende „4 3 2 1“, um das es an diesem Abend gehen wird. „Das hier sind drei Romane in einem“, sagt Kimmich und hält das erste hoch, „und das hier nur einer!“ Ahnte Paul Auster, der bisher nicht für umfangreiche Bücher bekannt war, denn schon vorher, dass sein neues Werk so lang werden würde? „I knew it would be bigger than anything I’ve done before because of the structure of the book”, antwortet der Schriftsteller. „It’s four novels I guess.“ Diese vier Bücher erzählen vier Varianten eines Lebens. Der Protagonist Ferguson hat in jeder dieser Varianten den gleichen Ausgangspunkt: Er wird 1947 in Newark, New Jersey, geboren, übrigens wie Paul Auster selbst. Der Roman sei nicht autobiographisch, aber „it shares my chronology“. Die Figuren entwickeln sich auf unterschiedliche Weise, haben andere Freunde, Lehrer und ziehen in andere Städte. Und doch ähneln sich die Biographien der Fergusons. „Er hätte kein Astronaut oder Marine werden können“, so Auster. „Sie machen verwandte Erfahrungen, haben Jobs, die mit dem Schreiben zu tun haben, mögen Musik und Sport.“ Hier hakt Kimmich ein: Baseball spiele in den Romanen Austers ja immer eine gewisse Rolle. Der Autor schmunzelt: „I should write a book called Baseball for Europeans!“

Auster betont, dass ein wichtiger Gegenstand des Romans die „black-white relations“ sind. „Kein Kritiker erwähnt dies, obwohl es zu den zentralen Themen gehört – warum?“ Riots, Vietnam, Civil Rights Movement… vor allem die 1960er haben es Auster angetan. Wie seine Figur Ferguson besuchte auch er zu der Zeit die Columbia, die laut Auster das Anti-Kriegs-Zentrum in den USA war. Trocken fügt er hinzu: „Die amerikanische Regierung hat aus Vietnam gelernt: Kriege werden nicht mehr im Fernsehen übertragen.“

„Sind die USA viel rassistischer, als wir es in Deutschland wahrnehmen?“, will Kimmich wissen. Paul Auster bestätigt: „Das Großartigste, was wir je gemacht haben, ist, Obama zu wählen.“ Diese acht Jahre Präsidentschaft haben viele Amerikaner aber wütend, bitter, ja, „insane with rage“ hinterlassen. Die „neue Regierung“ – Auster vermeidet es, den aktuellen Präsidenten beim Namen zu nennen – sei eine Reaktion auf Obama. „We are a very divided country.“

Dann lesen Martin Bringmann vom Landestheater Tübingen und Paul Auster aus „4 3 2 1” vor. Das Schöne dabei: Sie wechseln sich in kurzen Passagen ab und die Texte knüpfen aneinander an. Paul Auster entgeht dabei nicht, dass Dartmouth in der Übersetzung fälschlicherweise als High School bezeichnet wird: „It’s a college, actually.“ Nach zwei erhobenen Daumen vom Meister für den Schauspieler erzählt Auster, dass er ursprünglich geplant hatte, seinen Roman „Ferguson“ zu nennen. Anfang 2013 begann er, zu schreiben; anderthalb Jahre später wurde Michael Brown in Ferguson, Missouri, erschossen. Somit hatte der Name plötzlich eine ganz andere Konnotation. Die Wirklichkeit beeinflusste die Fiktion.

Die letzte Frage von Dorothee Kimmich gebührt der Geographie in Austers Romanen. Straßen, Cafés… in all seinen Büchern behandle er New York wie einen weiteren Protagonisten. „4 3 2 1“ allerdings spielt teilweise in Paris. Paul Auster nickt und verrät: Er selbst lebte in den 1960ern als junger Mann in Paris. Seine Ferguson-Figuren interessiere primär an Paris, dass es eben nicht Amerika ist; das sei der Grund, aus dem Leute reisen: „It’s not where you’re going but what you are getting away from.“ Dann ist die Lesung aus Rücksicht auf Paul Austers Stimme etwas früher als geplant beendet, immerhin wird er am nächsten Tag auf der lit.Cologne erwartet. Entlassen ist der Autor deswegen aber noch nicht: In Windeseile hat sich eine lange Schlange mit Autogrammjägern gebildet. Aber signieren kann man schließlich auch schweigend.

Kino Museum, Tübingen
16. März 2017
Paul Auster – 4 3 2 1
Moderation: Dr. Dorothee Kimmich
Mit: Martin Bringmann

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