Javier de Isusi – Ich habe Wale gesehen

Noch ist die ETA nicht gänzlich von der Bildfläche verschwunden, doch die Angst vor ihr ist in den letzten zehn Jahren gewichen. Im Baskenland beginnt die Auseinandersetzung mit der unmittelbaren Vergangenheit – noch nicht politisch, aber zumindest künstlerisch. Auch der Baske Javier de Isusi nimmt sich in seiner Graphic Novel „Ich habe Wale gesehen“ dem Thema an.

„Ich verzeihe ihnen.“ Dreißig Jahre ist es her, dass Antón diese drei Worte unbedacht aussprach. „Sie“, das sind die ETA-Terroristen, die den Vater des jungen Antón ermordeten. Und genauso viel Zeit ist vergangen, seit er seinen damaligen Freund Josu das letzte Mal sah. Trotz dieser Distanz hat ihr Leben Überschneidungspunkte: Josu wählte die Gegenseite und schloss sich der ETA an. Nein, nicht er trägt die Schuld an dem Tod von Antóns Vater – Javier de Isusi verzichtet in seiner Graphic Novel „Ich habe Wale gesehen“ gänzlich auf Melodrama und lässt die offenen Wunden der baskischen Geschichte für sich sprechen.

Während Antóns Leben weiterging, endete Josus in einer Sackgasse: Seit Jahrzehnten sitzt er in Frankreich hinter Gittern. Dort lernt er Emmanuel kennen, der eine ähnliche Schuld auf sich geladen hat. Anders als Josu aber tötete Emmanuel nicht für die ETA, sondern die GAL, eine Terrororganisation, die in den 1980ern von der spanischen Regierung mit dem erklärten Ziel, ETA-Mitglieder zu ermorden, aufgebaut und finanziert wurde. (Was die Einrichtung einer Terrorschwadron für eine Demokratie bedeutet, muss nicht weiter ausgeführt werden. Es sei aber erwähnt, dass die GAL nicht nur Etarra, sondern auch gänzlich unschuldige Basken tötete.) Josu, Emmanuel und Antón stehen für die drei unterschiedlichen Seiten des Konflikts: die ETA und ihre Anhänger, die GAL und das spanische Innenministerium und das direkt durch den Terrorismus betroffene Volk. Es sind drei klar definierte Positionen, die sich hervorragend gegenüberstellen und dadurch in eine Graphic Novel umsetzen lassen.

Warum genau die Täter im Gefängnis sind, ist für Javier de Isusi nicht relevant. Auch die direkte Konfrontation der ehemals besten Freunde Josu und Antón ist nebensächlich. Der Autor zielt nicht auf Action, ihn interessieren vielmehr die Emotionen: „Ich habe Wale gesehen“ wirft Fragen nach Moral, Schuld und Vergebung auf. Die Fronten sind nach wie vor verhärtet: Als andere Etarra erfahren, wer Emmanuel ist, untersagen sie Josu, sich mit ihm zu unterhalten. Und trotz der vielen Jahre beschäftigt Antón seine vorschnelle Absolution noch heute. Und doch: Josu und Emmanuel sitzen im gleichen Gefängnis. Was unterscheidet da noch ihre Taten? Es ist ein Wermutstropfen in dieser sonst so wunderbar unaufgeregten Graphic Novel, dass Javier de Isusi hier Position bezieht. Obwohl ihre Handlungen das gleiche Ergebnis – nämlich Tote – haben, gibt es eine Wertung: Emmanuel, der als Angestellter, als Söldner des spanischen Staats agierte, ist unmoralischer als Josu, der zumindest seinen Idealen folgte.

Davon abgesehen ist „Ich habe Wale gesehen“ eine hervorragende Graphic Novel, die sich auf psychologische Weise mit der aktuellen Situation im Baskenland auseinandersetzt. Sie handelt nicht direkt vom Terrorismus, sondern von seinen Auswirkungen auf Täter wie Opfer. Die Protagonisten haben sich geändert, und bleiben doch in ihrem Schicksal gefangen. Es gibt wenig Plot, was der Geschichte keinen Abbruch tut, im Gegenteil: Viel wird über innere Dialoge transportiert; dank des zeitlich großen Abstands zu den Taten können die Figuren über ihre Vergangenheit und ihre Schuld reflektieren. Dieses Schweigen ist elementar, denn nichts anderes machen Politik und Gesellschaft auch heute noch. Javier de Isusis Illustrationen sind nicht unbedingt ästhetisch ansprechend, die minimalistischen Skizzen, die gänzlich in grau und gelb gehalten sind, tragen aber zu der düsteren Grundstimmung der Graphic Novel bei.

Es ist mutig von der Edition Moderne, eine Graphic Novel zu übersetzen, die man mit Vorwissen sehr viel besser versteht. Die ETA ist den meisten Menschen in Deutschland nur vage ein Begriff und die GAL kennt keiner, der sich nicht mit der spanischen und baskischen Geschichte beschäftigt hat. Eine Zeittafel im Anhang liefert einen historischen Abriss. Texte von Spaniern oder Basken über die ETA müssen mit wachem Blick gelesen werden, da sie nicht neutral sind und auch nie den Anspruch haben, neutral zu sein. Wie sollte man sich auch freimachen von Jahrzehnten blutiger Geschichte, die man selbst erlebt hat? Am Ende kommt auch der Baske Javier de Isusi nicht gänzlich aus seiner Haut heraus: Die Zeittafel ist politisch gefärbt, die Schuld, die die ETA trägt, wird nicht immer deutlich erwähnt.

Zum Weiterlesen: Judith Vanistendael, Mark Bellido – Mikel. Die Geschichte eines Bonbonverkäufers, der sich im Regen auflöste

Javier de Isusi – Ich habe Wale gesehen
Aus dem Spanischen von Lea Hübner
Edition Moderne, Zürich
März 2017, 176 Seiten

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