T.C. Boyle – Die Terranauten (Wizemann, Stuttgart)

T.C. Boyle erfüllt alle Erwartungen und betritt die Bühne im Stuttgarter Wizemann mit seinem Markenzeichen: roten (blitzblanken!) Chucks. Dem Moderator Denis Scheck erzählt er, dass er einen Tag später als geplant zu seiner Lesereise in Deutschland ankam, weil er am Flughafen in den USA aufgehalten wurde. „Donald Trump loves me“, spöttelt er, beeilt sich aber zu versichern: „But I do not love him!“

Boyles neuer Roman, „Die Terranauten”, in dem er vier Männer und vier Frauen unter eine Glaskuppel schickt, basiert auf einem Experiment, das die NASA Anfang der 1990er in Arizona durchführte. Im Rahmen dieses Experiments wurde versucht, eine kleine Gruppe von Menschen zusammen mit 3.800 Tier- und Pflanzenarten mehrere Jahre lang in einem funktionierenden Ökosystem leben zu lassen. „You know me as a green writer“, sagt Boyle, der sich in seinen Geschichten oft mit dem Thema Natur auseinandersetzt. Und so fragte er sich bei diesem Experiment: „What would it be like?“ Schließlich sei er „attracted to small, desperate communities.“ Denis Scheck interessiert sich weniger für die Umwelt und mehr für unmoralisches Verhalten. Was würde denn T.C. Boyle heimlich in diese geschlossene Welt schmuggeln? Für Scheck ist die Antwort klar: große Mengen Alkohol. Boyle selbst wehrt zunächst ab. „I wouldn’t go in. Within two months I would eat the others.“ Vielleicht eine große Packung M&M’s? Erst später fällt ihm ein, dass „Frau Boyle is in the audience tonight”, er würde natürlich sie hineinschmuggeln!

Trotz seiner inzwischen 69 Jahre ist T.C. Boyle des Schreibens noch lange nicht überdrüssig. „I didn’t know what my career would be, I wanted to be an musician”, erzählt er. Im Alter von 25, so Boyle, entschied er sich aber dafür, ein Schriftsteller zu sein. Das Verfassen von Büchern vergleicht er mit seinen Drogenerfahrungen: „It is kind of an addiction“; ein Werk zu beenden käme einem Rausch gleich. Da wundert es nicht, dass Boyles nächster Roman, an dem er schon fleißig schreibt, von Albert Hofmann handelt, dem Erfinder von LSD.

Boyle verrät, dass er mit fünf Jahren den Tod entdeckte und seitdem „besessen“ von diesem Thema ist. „Meine arme Frau – ich kenne sie, seitdem sie zwanzig ist. Eigentlich war sie ein lebensfroher Mensch, und dann habe ich ihr jeden Tag vom Tod erzählt und davon, wie sinnlos die menschliche Existenz ist!“ Seine Frau war es auch, die kritisierte, dass seine weiblichen Figuren zu zweidimensional seien. „But so are my male characters“, witzelt Boyle. Dank „Frau Boyle“ und seiner Tochter habe er inzwischen begonnen, Frauen ein wenig besser zu verstehen. „San Miguel“ aus dem Jahre 2013 bezeichnet der Autor übrigens als seinen „most difficult novel“, da der Roman frei von Ironie ist und drei Frauen als Protagonisten hat.

Tortilla Curtain“ aus dem Jahre 1995 erachtet Boyle heute als sein wichtigstes, da politischstes Buch. Scheck greift das Thema auf: „Who is to blame?“ fragt er in Bezug auf Trump. Und er erinnert an T.C. Boyles Aussage, die er tätigte, als sie sich vergangenes Jahr während des Wahlkampfs in Santa Barbara trafen: „If Trump becomes president, I call myself tsar!“ Ja, gibt Boyle zu, er sei lausig, was seine Prognosen angehe. Schon Bush hatte er bei der Wiederwahl keine Chancen eingeräumt. Ob Kunst denn Widerstand leisten könne, möchte Scheck wissen. „Absolutely“, antwortet T.C. Boyle, aus diesem Grund sei „1984“ in den USA wieder ein Bestseller geworden. Und dann wird der Autor sehr ernst: „I’m patriotic because I believe in social programs, in multi cultural societies, in public education and in women’s rights“, und dafür zahle er, anders als die fahnenschwingenden, mit Waffen schießenden Amerikaner, auch gerne Steuern. Und was, wäre Clinton Präsidentin geworden? „Dann müssten wir nicht darüber sprechen, sondern nur über meine zwei Lieblingsthemen: Tod und Scheiße.“ Zuletzt erzählt T.C. Boyle von seiner Utopie, die er „Literocracy“ getauft hat: Alle sind glücklich, lesen zusammen und leben in Harmonie mit der Erde. Literokrazie eben. Ein Wort, das man sich merken sollte.

Wizemann, Stuttgart
15. Februar 2016
T.C. Boyle – Die Terranauten
Moderation: Denis Scheck
Mit: Pia Maria Fedelucci

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