Celeste Ng – Was ich euch nicht erzählte

Ein Mädchen stirbt aus ungeklärten Umständen. Doch in Celeste Ngs Roman „Was ich auch nicht erzählte“ ist nicht ihr Tod, sondern der lange Weg dorthin relevant: Schicht für Schicht deckt die Autorin die Risse in einer Familie auf.

„Mach, was alle anderen machen. Mehr hast du nie zu Lydia gesagt. Such dir Freunde. Pass dich an. Aber ich wollte nicht, dass sie nur wie alle anderen ist… Ich wollte, dass sie außergewöhnlich ist.“

„Lydia ist tot. Aber das wissen sie noch nicht.“ Die ersten Sätze in Celeste Ngs „Was ich euch nicht erzählte“ zeigen deutlich: Die Autorin fackelt nicht lange, hält sich nicht mit unnötigen, verschnörkelten Formulierungen auf, sondern spricht die Tatsachen klar aus. Ganz anders als Lydias Familie, jene, die zu Beginn von Ngs Debütroman noch nichts von dem Tod der Tochter ahnt. Lydia, frische sechzehn und heimliches Lieblingskind von Marilyn und James, ertrinkt im See in der Nähe des elterlichen Hauses. Und damit beginnen die quälenden Fragen: Lydia scheute das Wasser und konnte nicht schwimmen – warum also war sie am See?

Bereits früh in dem Roman kristallisiert sich heraus, dass nicht das Rätsel um Lydias Tod (War es Mord? Suizid? Ein Unfall?) im Zentrum der Handlung steht. Celeste Ng, die sich auf Twitter übrigens nach der Aussprache ihres Nachnamens benannt hat (@pronounced_ing), deckt vielmehr Schicht um Schicht den Druck auf, unter dem Lydia und ihre Geschwister zu leiden hatten. Und sie zeigt dabei, dass der Ursprung dieses Drucks nicht bei ihnen, sondern schon in der Jugend und Kindheit ihrer Eltern zu suchen ist. In vielen Rückblenden beleuchtet sie Familiengeschichte der Lees. Marilyn und James lernen sich im Ohio der 1950er Jahre kennen. Unfreiwillig steht James, Sohn chinesischer Einwanderer, Zeit seines Lebens im Mittelpunkt: Die Menschen in seiner Umgebung haben noch nie einen Asiaten gesehen. James versucht vergeblich, in der Masse unterzutauchen und beschäftigt sich als Kompensation intensiv, fast obsessiv, mit US-amerikanischer Geschichte, um bloß wie alle anderen zu sein.Und so kann es James kaum fassen, dass Marilyn sich für ihn interessiert, die blonde, bildschöne Verkörperung eines All-American Girls. Zu dumm nur, dass Marilyn komplett anders tickt als James: Das Aufregende an ihrem Partner ist für sie, dass er auffällt, anders ist, denn sie möchte auf gar keinen Fall ein durchschnittliches Leben führen, keine Hausfrau werden, sondern Großes erreichen. Trotz der vielen Widrigkeiten, denen das Paar begegnet, hält diese Beziehung – aber unter den großen wie diametralen Erwartungshaltungen ihrer Eltern leiden schließlich Lydia und ihre Geschwister, Nath und Hannah.

Zwanzig Jahre später ist es für Lydia, Nath und Hannah genauso schwierig wie für ihren Vater, dass sie aus der homogenen Gemeinde der US-amerikanischen Kleinstadt herausstechen. Aber nicht nur die Gesellschaft samt ihrem Rassismus macht den Geschwistern das Leben schwer, auch die Eltern sind blind für die Bedürfnisse ihrer Kinder. Marilyn schenkt ihrer Tochter Lydia, deren Zukunft sie komplett durchgeplant hat, ein Physikbuch nach dem nächsten. Und ihr Vater, für den „nur wichtig [war], was alle machten“, hält die einsame Lydia für eins der beliebtesten Mädchen ihrer Schule. Lydia schweigt stoisch. Die Geschwister, vor allem Nath und Lydia, geben sich gegenseitig Halt. Doch als dieser wegfällt, ist die kleine, unscheinbare Hannah die einzige, die erkennt, „dass etwas in ihrer Schwester verrutscht war und sie auf einem gefährlichen, hohen Felsvorsprung balancierte.“

Gekonnt rollt Celeste Ng in ihrem Debüt nach und nach das Leben der Lees auf und zeigt, in welcher Abwärtsspirale aus Isolation, Einsamkeit, dem Gefühl des Fremdseins und Schweigens sich die vermeintlich perfekte Lydia befindet. Trotz des Aufbaus beginnend mit einem Tod, der am Ende aufgedeckt wird, ist „Was ich euch nicht erzählte“ klein klassischer Thriller, sondern ein feines Psychogramm einer zersplitternden Familie, einer Familie, die zwar zusammenhält, schließlich aber an sich selbst zerbricht – so sehr zerbricht, dass sich der Tod Lydias im Verlauf des Romans immer unvermeidbarer anfühlt.

Zum Weiterlesen: Robin Black – Porträt einer Ehe

Celeste Ng – Was ich euch nicht erzählte
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit
dtv, München
Mai 2016, 288 Seiten

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