Samuel Selvon – Die Taugenichtse

In der Hoffnung auf ein besseres Leben zieht es sie nach London, junge Männer, manchmal alleine, manchmal mit der ganzen Familie im Schlepptau. Am Ziel angekommen merken sie schnell, dass die Arbeitsbedingungen prekär und die Gehälter schlecht sind – wenn es überhaupt Jobs gibt. In „Die Taugenichtse“ beschreibt Samuel Selvon das Leben von Migranten. Der 1956 auf Englisch erschienene Roman führt uns vor Augen, wie wenig sich in den letzten sechzig Jahren geändert hat.

 „Es gibt Leute in London, die wissen nicht, was im Zimmer nebenan passiert oder auch noch in der Straße oder wie andere Leute leben in London. Das ist so in dieser Stadt. Sie ist zerteilt in kleine Welten, und man bleibt in der Welt, wo man hingehört, und man weiß nichts davon, was in anderen Welten passiert… Tatsache, dass die Welt so ist, hier reiche Leute, da arme Leute, hier welche, die knapsen, da welche, die fließen über. So ist das nun mal, basta…“

Hoffnungsfroh kommen sie an der Waterloo Station an, bereit, ein neues Leben in London zu beginnen. Sie stammen hauptsächlich aus dem Commenwealth, aus der Karibik, aus Afrika. Was diese Männer eint, ist aber nicht ihre Herkunft, sondern ihre Hautfarbe: Sie alle sind „Mokkas“, und aus diesem Grund sind sie gezwungen, im weißen England zusammenzuhalten. Moses lebt bereits seit zehn Jahren in London und unterstützt die Neuankömmlinge, holt sie vom Zug ab, hilft bei der Wohnungs- und Arbeitssuche und sieht eine seiner Hauptaufgaben darin, den Enthusiasmus der Neu-Londoner zu bremsen. Nach den vielen Jahren weiß er nämlich, dass in der hierarchischen britischen Gesellschaft mit ihrem Rassismus, der zwar versteckter ist als in den USA, aber nicht weniger manifest, die Jobs, die für ihn und die anderen „Mokkas“ abfallen, hart und unterbezahlt sind. Es ist auch Moses, der diese Diskriminierung beim Namen nennt: Während sie, die Schwarzen, der britischen Krone unterstehen (Barbados wurde erst 1966 unabhängig, Jamaika ist es noch immer nicht), also Staatsbürger sind, werden sie aufgrund ihrer Hautfarbe mindestens genauso diskriminiert wie die Polen, die nicht zu England gehören, aber weiß sind. Auch Galahad, neu in der Stadt, erkennt den Rassismus, zieht aber andere Schlüsse, als trüge, einem Fremdkörper gleich, ihre Hautfarbe die Schuld und nicht die Menschen, die ihnen mit Argwohn begegnen: „Das sind gar nicht wir, dass die Leute uns nicht mögen‘, erzählt er Moses, ‚sondern Schwarz.‘“

Moses und seine Bekannten wie Galahad, Harris, Big City oder Five Past Twelve, der so genannt wird, weil er nicht nur „schwarz wie die Mitternacht“, sondern wie „fünf nach zwölf“ ist, arrangieren sich mit ihrem neuen Leben in London. Für die Ankömmlinge haben Namen wie Piccadilly Circus oder Charing Cross zunächst einen fast mystischen Klang. Das Angebot der Supermärkte in den Migrantenvierteln wird auf Lebensmittel aus der Karibik umgestellt, den weißen, englischen Frauen immerzu (oft erfolglos) der Hof gemacht und wenn der Arbeitsmarkt keine Jobs hergibt, auf das Braten der Stadttauben zurückgegriffen. Auch wenn einige der Männer – wie Moses – von der Rückkehr in die Heimat träumen, vor allem, wenn der englische Winter nicht enden will, so bleiben sie trotzdem in London. Sie sind in einer ewigen Routine gefangen, die die wenigsten durchschauen oder gar hinterfragen.

„Die Taugenichtse“ von Samuel Selvon, der selbst gebürtig aus Trinidad stammte und in den Fünfzigerjahren nach London auswanderte, gilt als der erste Roman, der das Schicksal der schwarzen Arbeiter, die ab Ende der Vierziger nach England kamen, in all seinen Facetten beschreibt. Den dialogischen Roman kennzeichnet ein eigener, kreolischer Sprachrhythmus, für den Selvon berühmt wurde und aufgrund dessen „Die Taugenichtse“ als unübersetzbar galt. Miriam Mandelkow, die das Werk grandios ins Deutsche übertragen hat, beweist das Gegenteil. Interessant ist die nicht unpassende, da ironische Titelwahl des dtv Verlags; der Originaltitel, „The Lonely Londoners“, ist aber noch treffender. Er erkennt die Migranten, die neu in der Stadt sind, als Londoner an und benennt eins ihrer größten Probleme: die Einsamkeit.

Zum Weiterlesen: Zadie Smith – Zähne zeigen

Samuel Selvon – Die Taugenichtse
Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow
dtv, München
Mai 2017, 173 Seiten

Auch besprochen bei
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3 Gedanken zu “Samuel Selvon – Die Taugenichtse

  1. Das Cover sieht genauso aus wie „Die Interessanten“ von Meg Wolitzer. Der Titel ist ja auch in dem Stil gewählt. Zufall?
    Ich finde das ein bisschen schade und ich kann mich nur anschließen, dass ich auch „The Lonely Londoners“ auch schöner gefundenen hätte.
    Ansonsten finde ich es auch beachtlich, dass der Roman schon 60 Jahre alt ist und leider scheinbar nichts von seiner Realität eingebüßt hat.

    Liebe Grüße Anja

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