Kurz&schmerzlos: Tobias Lehmkuhl über den Deutschen Buchpreis

© privat

Jahr für Jahr eine kompetente Fachjury aus wechselnden Literaturkritikern zusammenstellen, die das beste Buch der vergangenen zwölf Monate kürt – keine leichte Aufgabe, die sich der Börsenverein gestellt hat.

Tobias Lehmkuhl gehört dieses Mal zur siebenköpfigen Jury, die über Freud und Leid der hiesigen Buchbranche entscheiden wird. Der 41jährige, geboren in einem niedersächsischen Ort mit dem klanghaften Namen Georgsmarienhütte, studierte Romanistik (wie ich!) und machte ein Auslandssemester in Barcelona (wie ich, hihi). Er schreibt für Die Zeit, die Süddeutsche, den Tagesspiegel, Deutschlandradio Kultur und andere Medien, außerdem hat er bisher drei Bücher veröffentlicht – „Die Odyssee“ (2013), „Land ohne Eile“ (2012) und „Coolness. Über Miles Davis“ (2009) – und mehrere herausgegeben. Erst diese Woche erhielt er den mit 10.000 Euro dotierten Berliner Preis der Literaturkritik. „Er bereichert die Literaturkritik mit seinem eigenwilligen Ton und eröffnet ihr neue Perspektiven“, begründete die Jury ihr Urteil. Und jetzt ist Lehmkuhl selbst Juror. Wie kann man sich die Arbeit für den Deutschen Buchpreis vorstellen?

Tobias, verrate es uns: Was muss man machen, um in die Jury des Deutschen Buchpreises einberufen zu werden?  

Keine Ahnung! Man kann sich ja nicht bewerben. Wenn man aber, wie ich, seit fünfzehn Jahren für überregionale Tageszeitungen und öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten rezensiert, bleibt es wohl nicht aus, dass man von der Jury-Jury für die Buchpreis-Jury in den Blick genommen wird. So viele hauptberufliche Literaturkritiker gibt es ja nicht…

Wie kann ich mir die Juryarbeit vorstellen? Wie teilt ihr euch 174 Romane auf und werden die Titel der Long- beziehungsweise Shortlist von allen Juroren gelesen?

Da es in diesem Jahr viele Nachnominierungen durch die Jury gab, dürften es wohl um die 200 Romane sein, die wir zu prüfen haben. Da ist klar, dass nicht jeder jedes Buch gelesen haben kann, aber jeder liest so viel er kann, und auf jeden Fall wird jedes Buch von mindestens einem der Juroren kommentiert. Romane, die der eine verwirft, werden häufig noch einmal aufgegriffen. Einigkeit herrscht also in dieser Phase des Lesens keineswegs! Aber es ist spannend zu sehen, wie die anderen lesen, und manchmal werden einem dabei auch die Augen geöffnet. Die Titel der Long- und Shortlist werden am Ende sicher alle gelesen haben.

Was macht für dich einen guten Roman aus?

Sehr schwer zu sagen, weil der Geschmack sich, wenn auch minimal, ständig ändert – und mit ihm die Maßstäbe, nach denen man Bücher beurteilt. Zudem heißt es ja: Jeder Roman stellt selbst die Kriterien auf, nach denen er beurteilt werden will. Und wenn ich mir überlege, welches meine Lieblingsbücher sind – von Cervantes „Don Quijote“ über Nabokovs „Gelächter im Dunkel“ bis zu Werner Herzogs vom „Gehen im Eis“ – dann kann ich da keine augenscheinlichen Gemeinsamkeiten feststellen. Jedes dieser Bücher steht für sich, spricht seine ganz eigene Sprache. Und das wäre dann vielleicht ein guter Roman: Einer, der seine eigene Sprache entwickelt.

Unterscheidet sich dein privates Leseverhalten vom dem als Kritiker oder Jurymitglied?

Das ist einfach: Es gibt kein privates Lesen mehr. Alles fließt in dieselbe Kopfbibliothek.

Es ist ein bisschen früh, aber: Hast du bereits jetzt ein, zwei Favoriten?

Nein, ich habe keine Favoriten für den Buchpreis, aber es gibt unabhängig davon einige Bücher, die ich in diesem Jahr sehr gerne gelesen und auch schon besprochen habe, „Nach Onkalo“ von Kerstin Preiwuß etwa oder „Katie“ von Christine Wunnicke.

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