Rodrigo Hasbún – Die Affekte

Sie sind Fremde in Bolivien und sollten zusammenhalten: Die Familie Ertl wandert in Rodrigo Hasbúns „Die Affekte“ nach La Paz aus. Doch im Laufe der Jahre entfremden sich die drei Schwestern und ihre Eltern voneinander. Der einstige Familienzusammenhalt weicht einem bleiernen Schweigen.

„Es stimmt nicht, dass die Erinnerung ein sicherer Ort ist.
Auch dort werden Dinge unkenntlich und gehen verloren.
Auch dort entfernen wir uns am Ende von den Menschen, die wir am meisten lieben.“

Während es nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs die meisten Nazis nach Argentinien verschlug, wanderte Hans Ertl, einst erster Kameramann Leni Riefenstahls, mit seiner Familie nach Bolivien aus. Seine drei Töchter Monika, Heidi und Trixi stellen sich der Herausforderung und lernen Sprache und Kultur kennen, die Mutter hingegen zieht sich immer mehr zurück. Ertl selbst hat nur Augen für sein nächstes Abenteuer: Paititi finden, die bis heute unentdeckte, verlorene Stadt der Inkas. Seine Lieblingstochter Monika begleitet ihn auf mehreren Expeditionen.

Mit dieser Reise beginnt Rodrigo Hasbúns zweiter Roman, „Die Affekte“, der erste, der ins Deutsche übertragen wurde. Der Anfang führt den Leser in die Irre: Zum einen wird er zunächst aus Heidis und Trixis Sicht erzählt, wobei Monika eine Randfigur bleibt, zum anderen mutet er wie eine Abenteuergeschichte an: Nazis! Inkas! Regenwald! Doch Monika, die erst im zweiten Drittel zu Wort kommt, kristallisiert sich bald als zentrale Figur des Romans heraus. Sie hat mit Depressionen zu kämpfen, später, in ihrer Ehe mit einem bürgerlichen Deutschen, kommt die Einsamkeit dazu: „Du bist die, die sich selbst fremd bleibt.“ Im Laufe des Romans findet Monika schließlich ihre Lebensaufgabe und verwandelt die Dunkelheit ihrer Seele in Aktionismus: Sie schließt sich der bolivianischen Guerilla rund um Che Guevara an. Die RAF wird nicht zu Unrecht wurde als Hitlers Kinder bezeichnet. Auf Monika im Ejército de Liberación Nacional trifft dieser Ausdruck mindestens ebenso zu. „Es gibt Menschen, für die ist ein Leben nicht genug“, resümiert Reinhard, Bruder von Monikas Ehemann und zeitweise ihr Geliebter, der den Werdegang seiner großen Liebe aus der Distanz und mit zunehmender Melancholie betrachtet. „Ja, natürlich: ich habe sie nie wiedergesehen“, endet sein Part.

Melancholie, Einsamkeit, Entfremdung, hoffnungslose Liebe, das sind die wesentlichen Emotionen des extrem leise erzählten Romans. Denn so aufregend die Geschichte, die auf wahren Tatsachen beruht, auch klingt (Nazis! Che Guevara!), so verzichtet Rodrigo Hasbún gänzlich auf thrillerhafte Elemente, Monikas Radikalisierung beispielsweise wird gar nicht geschildert. Diese Handlung spielt sich in den vielen Leerräumen der 142 Seiten ab. Diese starke Reduktion von Sprache und Handlung verstärken die Bedeutung jeder einzelnen Szene in „Die Affekte“. Kein Wort ist zu viel.

Monika ist zwar der Drehpunkt des Romans, doch die emotionalsten und reflektiertesten Kapitel gebühren ihrer jüngeren Schwester Trixi. „Ich hatte Schwestern, obwohl in Wirklichkeit vielleicht nicht mal Schwestern“, überlegt die allein zurückgebliebene Trixi. Trixi, die sich das Kettenrauchen angewöhnte, weil sie in diesen Momenten der bereits verstorbenen Mutter nahe ist, Trixi, deren eine Schwester in München und die andere im Untergrund lebt, Trixi, die keine Freundinnen hat, dafür zwei Hunde. Sie ist die eindringlichste Figur in Rodrigo Hasbúns eindringlichem Roman. Bestand jemals Hoffnung für sie, für Monika, für einen der Protagonisten? Was am Ende bleibt, ist Resignation.

Zum Weiterlesen: Ulrike Edschmid – Das Verschwinden des Philip S.

Rodrigo Hasbún – Die Affekte
Aus dem Spanischen von Christian Hansen
Suhrkamp, Berlin
August 2017, 142 Seiten

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2 Gedanken zu “Rodrigo Hasbún – Die Affekte

  1. Tolle Rezension. Ich habe richtig Lust darauf bekommen, diesen dichten bolivianischen Roman zu lesen. Ich lese sowieso viel zu selten Lateinamerikanische Literatur.

    Liebe Grüße, Anja

    Gefällt mir

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