Christoph Höhtker – Das Jahr der Frauen

Frank Stremmer sieht keinen Sinn mehr im Leben. Um seinen Psychotherapeuten (und ein wenig auch sich selbst) zu beruhigen, beschließt er, innerhalb von zwölf Monaten mit zwölf Frauen zu schlafen, bevor er wieder an Suizid denkt. Mit „Das Jahr der Frauen“ steht Christoph Höhtker auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Unweigerlich fragt man sich: Warum?

Es soll seine persönliche „Abschiedstournee“ werden, beschließt Frank Stremmer: Zwölf Frauen will er innerhalb eines Jahres ins Bett bekommen, wenn das nicht gelingt, erteilt er sich selbst den Freifahrtschein zum Suizid. Dies ist das Ausgangsszenario von Christoph Höhtkers drittem Roman „Das Jahr der Frauen“, das nahezu nach selbstverliebter, zelebrierter Männerprosa schreit, aber auch ein ironisch-melancholischer Roman à la Nick Hornby hätte werden könnte, „High Fidelity“ trifft auf „A Long Way Down“, oder natürlich ein Buch über einen wirklich depressiven Mann, der die innere Leere mit bedeutungslosem Sex auszufüllen versucht. Spoiler Alert: Es ist die erste Variante geworden. Hornby oder Hemingway müssen leider vor der Tür warten.

Höhtkers Protagonist hält sich für ironisch, zynisch und für verdammt clever. Zu befürchten war, dass die Frauen in dem Roman nicht viel mehr als lebendige Gummipuppen sind, und auch dies ist eingetreten. Stremmer beurteilt jedes weibliche Wesen, das ihm unter die Nase kommt, ob ihrer Attraktivität. Das soll wohl witzig sein, ein krasser Typ ist das, der Stremmer, aber nein, es ist einfach nur überholt und banal. Im Jahr 2017 sollte man anderes als diese belanglosen Oberflächlichkeiten erwarten. Ach, did I forget to mention? Natürlich bekommt er bis auf ein, zwei Rückschläge alle Frauen, die er will, die Barkeeperin, die crazy Kunstlady von der Kontaktanzeige oder, richtig!, die Prostituierte, die’s mit ihm ohne Geld macht. Ist klar.

Ein weiterer Haken des Romans ist, dass man Stremmer seine Depression nicht abnimmt. Immer wieder betont er, wie verrückt, wie leer, wie suizidal er doch sei, wie innerlich tot. Das Problem ist nur: Stremmer ist eine belanglose Figur und kein Dick Diver, Holden Caulfield, Jake Barnes, keine Franny Glass oder Esther Greenwood. Es gibt so viele Beispiele in der Literatur, in denen Depression und Suizid empathisch und realitätsnah dargestellt werden. Natürlich ist es unfair, Vergleiche zu Salinger, Plath oder Fitzgerald zu ziehen, dennoch drängen sie sich unweigerlich auf. Höhtkers vermeintlich depressiver Protagonist ist in dieser Liste schnell zu vergessen. Zu Recht kommt einem der Gedanke, dass es dem Autor nicht gelingt, Stremmers ach so tiefe Seite zu zeigen und er deswegen immer wieder wiederholen muss, wie schlecht es ihm geht, da der Leser sonst von Stremmers innerer Leere und seinen suizidalen Tendenzen rein gar nichts spürt.

Ja, der Roman hat einen gewissen Unterhaltungsfaktor. Frank Stremmer denkt sich gerne Hintergrundgeschichten zu den Menschen, die ihm begegnen, aus, denn „jeder, wirklich jeder Mensch […] ist ein Abgrund, in den hineinzustarren mir tatsächlich immer noch Spaß macht.“ Diese Ideen haben zumeist Humor. Und auch sonst gibt es in „Das Jahr der Frauen“ durchaus gewitzte Beobachtungen, Gedanken und Vergleiche. Das reicht aber nicht aus, um 251 Seiten zu tragen. Und dass sich die Tippfehler in dem Roman häufen und sich scheinbar keiner die Mühe gemacht hat, die spanischen Eigennamen zu überprüfen („Guadaloupe“, „Valparaiso“, „Guadelajara“ um nur ein paar Fehler zu nennen, außerdem wird Mexiko nach Mittelamerika verfrachtet), sind für das Lesevergnügen nicht wirklich förderlich. Darüber könnte man hinwegsehen, wäre das Buch nicht so distanziert, wäre Frank Stremmer ein sympathischerer Charakter oder wenigstens ein wirkliches Ekelpaket oder wäre seine seelische Leere spürbar. Am Ende bleibt aber nur die Frage: Was will uns dieses Buch eigentlich sagen?

Zum Weiterlesen: Nick Hornby – A Long Way Down

Christoph Höhtker – Das Jahr der Frauen
weissbooks, Frankfurt
August 2017, 251 Seiten

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7 Gedanken zu “Christoph Höhtker – Das Jahr der Frauen

    1. Es wird einigen gefallen haben, immerhin ist’s ja auf der Longlist. Aber wenn man sich ansieht, wie viele interessante Romane in den letzten zwölf Monaten veröffentlicht wurden, fragt man sich doch, wieso es ausgerechnet Höhtker geschafft hat.

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  1. Das war jetzt eine schnelle Antwort, warum es das eine Buch schafft und das andere nicht, ist wahrscheinlich eine Frage, die ich mir schon abgewöhnt habe zu stellen.
    Bei diesem war ich am Anfang skeptisch und wollte es eigentlich auch nicht so lesen, dann dachte ich aber, das ist eigentlich ein sehr ungewöhnlicher Ansatz und ein sehr spannendes Spiel mit der Literatur, der Sprache und wahrscheinlich auch mit den Lesern.
    Ich weiß nicht, ob Sie schon den Bonne https://literaturgefluester.wordpress.com/2017/08/31/lichter-als-der-tag/ gelesen haben oder noch lesen werden.
    Das war mein erstes Buch von ihm und die Sprache ist schön geschliffen, die Metaphern gesetzt, die Rechtschreibfehler werden vielleicht auch herauslektoriert worden sein, aber mir erschien das Buch, als zu für den Mainstream und warhscheinlich auch für den Listenplatz konstruiert.
    Da geht es, um die Lebenskrise eines fünfzigjährigen Mannes und dann ist vom Licht, in wirklich wunderschönen Wortwendungen und Neuschöpfungen die Rede und der Mann sieht am Bahhof seine verflossene Geliebte und zuckt vollkommen aus, meldet sich krank, entführt seine Tochter und stiehlt aus einem Museum ein Bild, weil es auch ein schönes Licht hat.
    Da habe ich mir gedacht, das ist zusehr für den Literaturbetrieb gemacht, daß sich die Buchbloggerin, die auch zufälligerweise Psychotherapeutin ist, verarscht vorkommen könnte und da erscheint mir der Höhtker im Gegenzug ehrlicher und erfrischender trotz des experimentellen Ansatz oder wahrscheinlich gerade deshalb.
    Liebe Grüße, vielleicht hören wir noch etwas voneinander, denn ich lese mich jetzt zum dritten Mal durch die Liste und habe vor da auch entsprechend zu kommentieren!

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