Andrea De Carlo – Wir drei

„Wir drei“, das sind Livio, Marco und Misia, die sich mit Anfang zwanzig kennenlernen und gemeinsam in eine neue Phase ihres Lebens treten. Über mehrere Jahrzehnte hinweg schildert Andrea De Carlo die Entwicklung seiner drei Protagonisten, die Freundschaft und Liebe eint und Enttäuschung, Verrat und Distanz entzweit.

„Ich fragte mich, ob die unsichtbare Verbindung, die zwischen uns dreien bestand, eine Stärke oder doch eine verhängnisvolle Einschränkung unseres persönlichen Lebens war.“

Seit Jahren kennen sich Livio und Marco, gemeinsam spazieren sie durch Mailand und reden über die Ideen, die sie nie verwirklichen. Sie achten darauf, dass sie sich nicht zu oft treffen, da beide nach ihrem Studium in einer lähmenden Lethargie gefangen sind und nicht allzu viel Neues zu erzählen haben. Was machen in der echten Welt da draußen? Livio, der ungefestigte Erzähler von Andrea De Carlos Roman „Wir drei“, weiß das nicht: „…ich konnte keinen Zusammenhang zwischen einem Diplom in Geschichte und einer möglichen Aufgabe für mich in der Erwachsenenwelt sehen…“ Als er Misia kennenlernt und Marco ernsthaft davon spricht, einen Film zu drehen, ändert sich die Dynamik zwischen den beiden Freunden und sie treten endlich in eine Phase des Aufbruchs. Livio verliebt sich in Misia und auch sie zeigt anfängliches Interesse, bis Livio ihr Marco vorstellt und Misia die Hauptrolle in Marcos Film übernimmt. Livio, der merkt, dass die beiden mehr eint als nur die Arbeit am Film, kämpft mit seiner Eifersucht: „Je mehr sie sich für den Film begeisterten, desto mehr fühlte ich mich ausgeschlossen.“ Es ist nicht nur der Beginn der Liebe von Marco und Misia, sondern auch das Ende der Freundschaft von Livio und Marco, wie sie bis dato war.

Zwei Jahrzehnte lang werden sich die drei Freunde lieben und enttäuschen, aus den Augen verlieren und wieder zueinanderfinden. Die verstreichende Zeit bekommt der Leser dabei nur anhand des Alters der Protagonisten mit, äußere Faktoren wie einschneidende Ereignisse in der Geschichte Italiens und der Welt bleiben unerwähnt, auch die Musik, die Livio hört, verändert sich nicht. Im Roman schwingt zwar die Kritik des Autors an der italienischen Politik und Medienlandschaft mit, konkrete Namen oder Gründe erwähnt er jedoch nicht. Relevant ist allein die Beziehung seiner drei Figuren. Misia, die dem Leser nur aus den Augen Livios geschildert wird, wirkt zu Beginn wie eine Lichtgestalt, nach der sich die Männer auf der Straße umdrehen und die alle mit ihrer Energie und fröhlichen Art ansteckt. Erst im zweiten Drittel werden die Brüche in ihrem Leben, ihrer Vergangenheit und ihrer Persönlichkeit sichtbar. Trotzdem geht ihr nahezu fehlerfreies Wesen mitunter auf die Nerven. Merkwürdig ist auch das Engagement, das Misia für ihre beiden neuen Freunde an den Tag legt. Mit der Zeit erfährt man ihre Familiengeschichte, Freunde scheint sie in den über zwanzig Jahren, bevor Livio und Marco in ihr Leben traten, allerdings nie gemacht zu haben.

Der neunte Roman von Andrea De Carlo ist nicht ohne Schwächen: Misia als nahezu perfekte Person ist oft nicht (be)greifbar, Livio strengt mit seinem schlechten Selbstwertgefühl an und vor allem gegen Ende wird „Wir drei“ langatmig. Stilistisch und inhaltlich ist der Roman immer wieder kurz davor, ins Pathetische abzurutschen. Die geschilderte Freundschaft, die fast toxisch ist und Jahre ohne Kontakt und die vielen Stationen im Leben seiner Figuren übersteht, Mailand, London, Buenos Aires und Paris, ist der intensive Kern des Romans. Ganz glaubwürdig ist die Entwicklung der drei aber nicht: Alle kommen sie zu Ruhm, Livio als Künstler; Marco als Regisseur und Misia als Schauspielerin werden sogar zu Stars. Die beiden sind Menschen, denen Oberflächlichkeiten eigentlich ein Grauen ist, die im Lauf der Jahre ihren Idealismus aber aufgeben. Das gelingt Andrea De Carlo: Er zeigt, wie plötzlich und doch glaubhaft Marco und Misia ihre Wesen ändern, aber auch, wie sehr sie damit hadern. Livio hingegen ist der Mensch, der ihnen den Spiegel vorhält, einer der Gründe, warum der Kontakt wiederholt abbricht. Alle drei kommen mit ihren Emotionen nicht klar, Marco und Misia zeigen sogar einen starken Hang zur Selbstzerstörung, mit dem sie auch in späteren Jahren noch zu kämpfen haben. Und trotz ihrer Erfolge finden sie nicht das, wonach sie suchen.

Zum Weiterlesen: Andrea De Carlo – Zwei von zwei

Andrea De Carlo – Wir Drei
Aus dem Italienischen von Renate Heimbucher
Diogenes, Zürich
Herbst 1999, 662 Seiten

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