Hinter den Kulissen von weissbooks.w

Über den Hinterhof, um die Ecke, in den Lift, dann die Treppe, Gang hier, Gang da – der weissbooks.w Verlag liegt gut versteckt im sechsten Stock des Atelierfrankfurt im Industriegebiet rund um die Hanauer Landstraße. Sich in diesem Labyrinth zu verlaufen macht aber auch Spaß, immerhin teilt sich der Verlag ein Gebäude mit zahlreichen Künstlern. „Früher war weissbooks.w in einem alten Hotel im Bahnhofsviertel und hatte dort drei miteinander verbundene Zimmer“, erzählt Verlegerin Anya Schutzbach. „Das war doch recht kuschelig.“ Zum Glück sind die neuen Räumlichkeiten weniger kuschelig: Schutzbach, ihr Assistent Robin Schmerer und Praktikantin Nora Kayser stellen, organisiert von den Jungen Verlagsmenschen, vor knapp fünfzehn Interessierten den Verlag vor und alle finden Platz in dem weitläufigen Atelier.

Anya Schutzbach selbst kommt, wie sie berichtet, gar nicht aus der Verlagsbranche. Nach ihrem Studium der Japanologie übersetzte und dolmetschte sie über viele Jahre hinweg und landete schließlich dank eines Zufalls bei Suhrkamp. Warum der Verlag kein Marketing für die Japanische Bibliothek machen würde, fragte sie Siegfried Unseld, als sie ihn auf einer Veranstaltung kennenlernte. Marketing, das war in den neunziger Jahren noch ein Fremdwort für Suhrkamp, doch Unseld zeigte sich durchaus interessiert und bot Schutzbach eine Festanstellung in seinem Verlag an. Dies bedeutete für sie, die Selbstständigkeit aufzugeben. Trotzdem fiel Anya Schutzbach die Entscheidung nicht schwer: „So eine Chance bekommt man nur einmal im Leben.“

Zwölf Jahre lang arbeitete sie schließlich bei Suhrkamp, doch der Gedanke, sich wieder selbstständig zu machen, ließ sie nicht los. Als sich abzeichnete, dass der Verlag nach Berlin ziehen würde, war die Zeit reif für einen Neuanfang. „Ich habe Rainer Weiss, der ebenfalls bei Suhrkamp gearbeitet und den Verlag bereits verlassen hatte, bei einem Spaziergang im Grüneburgpark getroffen“, erzählt Schutzbach. „Was machen Sie denn jetzt?, fragte er mich. Einen eigenen Verlag gründen, lautete meine Antwort. Weiss war sofort an Bord und für weissbooks.w somit der Startschuss gefallen.“

Seitdem hat sich einiges getan. Nach dem Ausscheiden des bald siebzigjährigen Rainer Weiss, mit dem Schutzbach Anfang 2008 den Verlag gründete, hat sich weissbooks.w neu ausgerichtet: „Wir haben uns bewusst dafür entschieden, weniger Bücher zu machen und in diese mehr Zeit und Verve zu investieren“, so Schutzbach. Rund zehn Bücher pro Programm wie bisher seien am Markt nicht so gut zu positionieren, wie es die Titel verdient hätten. Deswegen konzentriert sich der Verlag in Zukunft auf vier ausgewählte Bücher. Mit der Unterstützung eines Praktikanten stemmen Schutzbach und Schmerer quasi die gesamte Verlagsarbeit. Ganz auf Rainer Weiss müssen sie allerdings nicht verzichten: Er wird weiterhin von zu Hause aus lektorieren und „kommt vorbei, wenn er Lust darauf hat“, wie Schutzbach mit einem Schmunzeln erzählt.

Die drei Stufen der Coverentwicklung

Inhaltlich legt weissbooks.w den Fokus auf deutschsprachige Gegenwartsliteratur – unter den Schriftstellern sind erstaunlich viele Schweizer, dafür kaum Österreicher, was die Verlegerin ein wenig bedauert. Übersetzungen spielen ebenfalls eine Rolle, vor allem Bücher aus den Niederlanden und osteuropäischen Ländern finden sich im Programm. Romane, Erzählungen, erzählendes Sachbuch, Lyrik als Herzensprojekte und sogar ein Kinderbuch hat weissbooks.w bisher verlegt. Speaking of Kinderbuch: Der Bestseller des Verlags ist das zweisprachige Buch „Eine Träne. Meine Kindheit in Damaskus“ von Luna Al-Mousli, die ebenfalls Illustrationen beisteuerte. Obwohl eigentlich im Erwachsenenprogramm angesiedelt, wurde der Titel in diesem Jahr mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet und wird seitdem von Buchhändlern in dem Segment verortet. Na, warum auch nicht!

Neben den bereits etablierten Autoren ist der Verlag immer auf der Suche nach jungen Stimmen, spannenden Neuentdeckungen. Übrigens: Den ersten Roman von Daniel Zahno, einer der erfolgreichsten Autoren bei weissbooks.w, fanden die Verleger tatsächlich unter den unverlangt eingesandten Manuskripten. Und Lena Elfrath tauchte mit „Die Liebe ist ein Schmetterling“ im Verlag auf, „ganz außer Atem“, wie Robin Schmerer sich erinnert. Schön, dass sich Indie-Verlage auf diese Experimente einlassen. Und siehe da: Es funktioniert, sowohl der Mut, den die Autorin bewies, als auch der Mut, den der Verlag bewies.

Einen besonderen Tipp aus dem aktuellen Programm hat Robin Schmerer im Gepäck: „Micheline Bood ist die Entdeckung aus Frankreich. In ihren Tagebüchern schildert das zunächst 14-jährige Mädchen ihre Erlebnisse der Jahre 1940 bis 1944, zum einen das Leben in Paris unter der deutschen Besatzung, zum anderen aber auch die alltäglichen Probleme, mit der eine Jugendliche in ihrem Alter zu kämpfen hat. Die Übersetzerin Ursula Bös war so überzeugt von dem Buch, dass sie die Einträge in ihrer Freizeit übertrug und sich dann auf die Suche nach einem geeigneten Verlag machte. Eine große Empfehlung!“

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