Tao Lin – Taipeh

Sie sind jung, auf Drogen und hochnarzisstisch: Tao Lin ist einer der bekanntesten Vertreter des New Sincerity, einer Strömung, bei der junge Autoren ihre eigenen Erfahrungen auf exhibitionistische wie zynische Weise verarbeiten. In seinem dritten Roman „Taipeh“ exerziert Tao Lin dies bis zum Erbrechen. Das kann man lieben oder hassen, kaltlassen wird es einen kaum.

„Er wusste, dass er in vorherigen Beziehungen Unzufriedenheit in gewisser Weise als empirisch unterfütterten Enthusiasmus hinsichtlich einer möglichen Zukunft erlebt hatte, die eine zufriedenstellendere Beziehung zu jemandem versprach, den er noch nicht kennengelernt hatte…“

„Taipeh“ also. Tao Lins Roman wurde von den einen gefeiert, für andere wiederum war die Lektüre eine Qual. Aber was macht gute Literatur aus? Muss sie wirklich gefallen oder soll sie nicht lieber polarisieren, Emotionen erzeugen? „Taipeh“ ist ein stark autobiographischer Text über Paul, einen jungen, narzisstischen, semi-erfolgreichen Schriftsteller mit Affinität zu Drogen, der in Brooklyn (wo sonst) lebt. Abgefuckte Generation!, schreit es einem aus jeder Zeile entgegen. Entsprechend auch Pauls Einstellung zum Leben: „Weil der Drang, mich umzubringen, nicht so stark ist, dass ich mich tatsächlich umbringe, ist das Leben lebenswert.“ Die Menschen, mit denen Paul sich umgibt, sind gelinde gesagt neurotisch, ätzend gar, sie wirken wie Parodien ihrer selbst. Marken werden fetischisiert, Drogen konsumiert, sich selbst zu ernstgenommen. Miteinander kommunizieren können sie nur zugedröhnt. Und Paul ist der Schlimmste von ihnen. Passiv und kühl analysiert er jede soziale Situation, nicht nur seinen Gegenüber, sondern auch das eigene Verhalten. Wie ein außenstehender Beobachter erkennt er seine eigene Leere und Orientierungslosigkeit, mit der von Party zu Party stolpert und starken Medikamenten- und Drogenmissbrauch betreibt – letzteres weniger, um Spaß zu haben (in diesem Roman hat keiner Spaß), sondern um die Herausforderung sozialer Interaktion meistern zu können.

„Taipeh“ zeichnet sich durch den scharfen Blick auf eine bestimmte Szene aus. Paul selbst changiert zwischen dem Bedürfnis nach Nähe und wochenlangen Isolationsphasen. Er steht kurz vor einer Lesereise seines neuen Romans, besucht zwischendurch für mehrere Wochen mit seiner aktuellen Freundin seine Eltern in Taipeh, um auf Drogen ein Video zu drehen, und weiß auch zurück in New York die Tristesse nicht zu füllen. Sein Alltag ist Rivotril-Adderall-Oxycodon-geschwängert. Da ist kein Wunder, dass Paul viele latent unangenehme Situationen erlebt, deren Wahrnehmung durch die chemische Überreizung seiner Neuronen gedämpft ist. Dabei wird es mitunter grotesk: „Paul spürte, wie er die Situation zu interpretieren versuchte, als gälte es, ein Problem zu lösen, doch da schien es nichts zu geben, oder vielleicht gab es tatsächlich etwas, aber er war drei oder vier Fähigkeitsniveaus von Begreifen entfernt, wie eine Amöbe, die per CSS eine Homepage zu erstellen versucht.“

Und doch trifft der Autor an mehreren Stellen einen Nerv und beweist in seiner Abgeklärtheit versteckten Humor. „Paul grinste peinlich berührt, während er in die Runde starrte und dachte, er hätte ‚nicht das Geringste‘ zu sagen, vielleicht abgesehen davon, was er gerade im Moment dachte, doch das schien ihm unpassend und änderte sich außerdem ständig“, heißt es an einer Stelle und dies ist ein Satz, der die vielen Menschen, die den Roman bevölkern, wohl am besten beschreibt. Es fällt ihnen schwer, eine Meinung zu formulieren, einen klaren Gedanken fassen gar. Das fängt schon bei der Selbstwahrnehmung an, die oft physisch-abstrakter Natur ist: „…während er bei jedem Bissen ‚Chips und Guacamole essen‘ dachte. Er betrachtete seine Hände und spürte seinen Mund und Hals, während er tat, was er dachte, und verspürte eine leise Irritation. Gab er seinem Gehirn Anweisungen? Oder erzählte er nach, was er sah und spürte?“

Warum sollte man „Taipeh“ lesen? Wie zu erwarten war, nutzen sich ab etwa der Hälfte des Romans der häufige Drogenkonsum, der Gleichmut der Figuren und der sehr überschaubare Plot ab. Tao Lins Roman polarisiert und wird nicht wenige Leser frustriert und genervt zurücklassen. Und doch: Es gibt Momente der Ehrlichkeit und der Erkenntnis, vor allem der Selbsterkenntnis, die ins Mark treffen. Woher kommen die Leere, die Traurigkeit und die Hilflosigkeit? Der Autor liefert keine direkten Antworten, hilft aber dennoch, zu verstehen. Es wäre zynisch, „Taipeh“ als den Roman seiner Generation zu bezeichnen, da er nur einen kleinen Teil ihrer abbildet. Nichtsdestotrotz sind es seine präzisen Beobachtungen, die einem diese Gesellschaft des Überdrusses und Überflusses näherbringen. Stellenweise nervt „Taipeh“, streckenweise langweilt der Roman, aber die Momente der Wahrheit machen dieses Buch zu etwas Besonderem.

Zum Weiterlesen: Mira Gonzalez – Ich werde niemals schön genug sein, um mit dir schön sein zu können

Tao Lin – Taipeh
Aus dem Englischen von Stephan Kleiner
DuMont, Köln
August 2014, 288 Seiten

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