lesen.hören 12: Hommage an Silvia Bovenschen

Auch zwei Jahre nach dem Tod von Roger Willemsen, dem Schirmherrn von lesen.hören, wird das Mannheimer Literaturfestival „ganz im Sinne von Roger, mit einem politischen Programm“ weitergeführt, wie die Programmleiterin Insa Wilke verspricht. An diesem ersten Abend wird aber nicht Willemsen, sondern einer anderen Intellektuellen gedacht, die mit der Stadt stark verbunden war: der vor vier Monaten verstorbenen Silvia Bovenschen, die 2012 den Schillerpreis der Stadt Mannheim verliehen bekam. Mit Moderatorin Insa Wilke auf der Bühne sind die Schauspielerin Hannelore Hoger, die Texte Bovenschens liest, außerdem Frank Witzel, Angela Steidele und Thomas Meinecke, langjährige Freunde und Wegbegleiter der Feministin und Autorin.

Thomas Meinecke, einer der wenigen Männer der deutschen Öffentlichkeit, die sich als Feministen bezeichnen (siehe zum Beispiel diesen Artikel der Süddeutschen), erzählt zum Einstieg, dass er sich seit Mitte der neunziger Jahre mit feministischen Theorien, unter anderem von Judith Butler und Nancy Fraser, aber eben auch von Silvia Bovenschen, beschäftigt. Seine erste Begegnung mit Bovenschen hatte er 1997 beim Bachmannpreis, den sie als Jurorin begleitete. Meinecke, peinlich berührt darüber, dass er Silvia Bovenschen in seinem Roman „Tomboy“, vom dem er in Klagenfurt einen Auszug las, namentlich erwähnt, traute sich bis zum letzten Tag des Wettbewerbs nicht, mit ihr zu reden. Trotzdem oder gerade deswegen entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den beiden – wie später zwischen Frank Witzel und Bovenschen, der die Autorin vor dreizehn Jahren kennengelernt und seitdem regelmäßig besucht hatte.

Die Gesprächsrunde geht näher auf den Stil Silva Bovenschens ein. „Ergiebiger Freund“, ist eine Formulierung, die es Insa Wilke besonders angetan hat. Sei es nicht ungewöhnlich, Freundschaft und Ökonomie gleichzusetzen? Witzel bestätigt dies und fügt hinzu, dass darin die Kunst von Bovenschen lag: ungewöhnliche Kombinationen finden, die sofort einleuchten. Ihre politischen Beurteilungen, ergänzt Meinecke, waren teilweise überraschend, fern des Kanons. Angela Steidele spricht erneut über ihren Stil: „Silvia Bovenschen war eine ästhetisch denkende Persönlichkeit“, was sowohl in ihrem Auftreten als auch in den Texten Eingang fand. Und sie stellt eine These auf: Wäre Bovenschen der akademische Werdegang nicht verwehrt geblieben, „vielleicht würden wir heute Judith Butler gar nicht kennen.“

Thomas Meinecke erinnert spitzbübisch daran, dass Judith Butler einst den Bad Writing Contest gewann. Bei Silvia Bovenschen hingegen zeichneten sich sogar die theoretischen Schriften durch ihren glänzenden Stil aus. „Ich habe sie dazu ermutigt, Belletristik zu schreiben“, so Meinecke. Witzel ist ebenfalls begeistert von ihrer Ästhetik. „Selbst in der Studentenbewegung trat Silvia im Dior-Kleid auf, und ähnlich empfinde ich das stilistisch.“ Und Angela Steidele ermutigt das Publikum dazu, Texte Bovenschens zu lesen: „Die Re-Lektüre könnte eine neue Bresche im Feminismus schlagen!“

Zum Abschluss sprechen Wilke, Hoger, Witzel, Meinecke und Steidele über die Beziehung von Silvia Bovenschen und der Künstlerin Sarah Schumann, die vierzig Jahre lang an ihrer Seite war – immerhin soll es an dem heutigen Abend auch um die Liebe gehen. Angela Steidele verweist auf Gertrude Steins „Autobiographie von Alice B. Toklas“, die ganz ähnlich wie Bovenschens „Sarahs Gesetz“ funktioniert: Statt die Autobiographie einer anderen Person zu verfassen (was in diesem Sinne nicht möglich ist), schreiben Bovenschen wie Stein über sich selbst, nicht die titelgebende Person. Thomas Meinecke berichtet, dass die Beziehung von Silvia und Sarah in seinen Romanen wiederzufinden ist. „Ich denke mir nie etwas aus, die Figuren, die ich beschreibe, gibt es wirklich.“ Und er verspricht: „Silvia Bovenschen spielt in vielen meiner Texte eine Rolle. Ich werde sie weiterhin zitieren!“

Das soll das Schlusswort sein an diesem Abend, der vor allem Lust auf die Lektüre von „Älter werden“, „Sarahs Gesetz“ und „Die imaginierte Weiblichkeit“ macht. Übrigens: Auch Roger Willemsen wird dieses Jahr bei lesen.hören wieder gedacht. Ihm gebührt die Abschlussveranstaltung am 11. März.

lesen.hören 12 in der Alten Feuerwache Mannheim
23. Februar 2018
Was mich in der Welt hält, das ist die Liebe. Hommage an Silvia Bovenschen
Mit Insa Wilke, Thomas Meinecke, Hannelore Hoger, Angela Steidele und Frank Witzel

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