Kurz&schmerzlos: Leander Steinkopf über „Stadt der Feen und Wünsche“

© Peter-Andreas Hassiepen, © Hanser Berlin

„Zu Hause erinnert mich alles an mich selbst, jede Wand reflektiert meine Blicke. Deshalb gehe ich raus, spazieren. Ich schaue mich um nach allem, weil ich nichts Bestimmtes suche. Ich fühle mich zur Langsamkeit gedrängt wie andere zur Eile. Man muss seine Zeit verschwenden, um zu lernen, was sie wert ist.“

Schon wieder ein Roman, in dem der Protagonist durch Berlin flaniert? Ja, „Stadt der Feen und Wünsche“ von Leander Steinkopf ist dies und ist es doch nicht. Die Erzählung, zusammengesetzt aus kleinen Mosaiken, zeigt weder das ultracoole noch das ultraabgefuckte Berlin, ist durchaus ironisch, aber nicht zynisch, der Drogenkonsum hält sich in Grenzen und Steinkopf bedient sich weder Berlinklischees noch arbeitet er sich an ihnen ab. „Stadt der Feen und Wünsche“ ist kein Abgesang und keine Liebeserklärung, auch wenn beides durchaus anklingt. Die Erzählung lebt von der Atmosphäre, den pointierten Beobachtungen und der leisen Melancholie, durchsetzt von witzigen Szenen, wie ein Buch gewordenes „Oh Boy“ (ihr wisst schon, dieser tolle Schwarzweißfilm von Jan-Ole Gerster mit Tom Schilling in der Hauptrolle).

Leander Steinkopf, Jahrgang 1985, hat selbst einige Zeit in Berlin verbracht, bevor es ihn nach München verschlug. „Stadt der Feen und Wünsche“ ist sein literarisches Debüt, zu dem ich ihm einige Fragen stellen durfte.

Bevor wir über den Inhalt deines Buchs sprechen, muss ich zunächst nach dem Titel fragen: Was hat es mit dem ungewöhnlichen „Stadt der Feen und Wünsche“ auf sich? Und wie stark hat Walter Benjamin dein Schreiben beeinflusst?

Der Titel bezieht sich auf ein Zitat, das ich dem Buch vorangestellt habe. Walter Benjamin sagt, dass es für jeden eine Fee gebe, bei der man einen großen Wunsch frei hat, jedoch vergessen wir unseren großen Wunsch und bemerken deshalb gar nicht, dass er in Erfüllung geht. Das Zitat besteht aus den ersten beiden Sätzen des kurzen Textes „Wintermorgen“ aus der „Berliner Kindheit um 1900“.

Darin erzählt Benjamin, wie er als junger Schüler morgens nur widerwillig aus dem Bett kam, sich zur Schule quälte und schließlich in der Schulbank einschlief. Dann springt er in seine erwachsene Gegenwart und betrachtet sein großes Scheitern: Professor ist er nicht geworden, Redakteur auch nicht, er schafft es einfach nicht, einen festen Job zu finden. Aber er erkennt in diesem großen Scheitern die Erfüllung seines großen Wunsches: ausschlafen zu können.

Dieser kleine Text hat mich sehr beeindruckt, eben durch die Idee in seinem größten Scheitern die Erfüllung des größten Wunsches zu sehen. Dieser höchst optimistische Gedanke hat meine Arbeit an der Erzählung sehr beeinflusst, hat mich sie ins Positive wenden lassen. Deswegen das Zitat, deswegen der Titel.

Keine deutsche Stadt findet in der Literatur häufiger Eingang als Berlin. Wieso hast du dich für Berlin entschieden? Würdest du deine Erzählung als eine Art „Anti-Berlin-Buch“ bezeichnen, wie es der ein oder andere getan hat?

Das erste Mal las ich den Begriff „Anti-Berlin-Buch“ in einer Spiegel-Online-Rezension, in der geschrieben wurde, dass ich dieses neue Genre erfunden hätte. Kurz bevor ich diese Rezension entdeckte, hatte ich einen Text von Lukas Haffert im Merkur gelesen mit dem Titel „Metropole des Populismus – Berlin als Totem der Elitenkritik“.

Dieser Essay zeigt einerseits, was Berlin besonders macht unter den Hauptstädten und im Vergleich zur vorherigen Hauptstadt Bonn, nämlich die Existenz als politisches und kulturelles Zentrum bei gleichzeitiger wirtschaftlicher Schwäche, dadurch die Tendenz zur Blasenbildung aus Journalismus, Aktivismus und Politik, bei gleichzeitig fehlendem wirtschaftlichen Korrektiv. Andererseits zeigt der Essay, wie dieses große Körnchen Wahrheit dann Basis ist für das Berlin-Ressentiment, dort sei man abgehoben und mit dem Rest Deutschlands nicht mehr verbunden. Und war es dann tendenziell auch in den Kommentaren auf Spiegel Online. Entweder: „Lass mein Berlin in Ruhe!“ Oder: „Mach es dem Erdboden gleich!“

Ich wollte einerseits ein Gefühl einfangen, das ich mit Berlin verbinde – vielleicht süße Sehnsucht und beschwingte Vergänglichkeit, meine Meinung dazu ändert sich ständig – dieses Gefühl ist aber wohl eher mit einer Lebensphase verbunden, die man genauso in München, Köln oder Stuttgart haben kann. Andererseits wollte ich ein Bild der Gegenwart zeichnen. Dafür ist Berlin der richtige Schauplatz, wie ich eben sagte, aber der Kontrast zum Rest des Landes ist entscheidend, deshalb hat ja auch ein Bürger Süddeutschlands einen prominenten Auftritt in der Erzählung.

Deine Erzählung lebt von den Beobachtungen, die dein Protagonist von den Menschen in seiner Umgebung macht. Hast du diese Momente erlebt oder ist das eine Version dessen, wie Berlin ist oder sein könnte? Und hätte die Handlung auch in Mannheim oder München spielen können?

Sowohl als auch. Viele Beobachtungen, die der Protagonist macht, sind in ihrer Grundlage tatsächlich der Wirklichkeit entnommen – wie er sie einordnet ist ja wieder etwas anderes. Andere Beobachtungen sind übertriebene Versionen der Wirklichkeit. Wieder andere sind erfahrungsbasiert frei erfunden: Man hat irgendwann ein so tiefes, wenn auch ganz subjektives Verständnis der Stadt entwickelt, dass man fehlende Teile einfach ergänzen kann. Das Restaurant „Soja nich!“, in dem es nur tierische Produkte zu essen gibt, ist frei erfunden, könnte, ja, sollte, aber längst auf der Neuköllner Weserstraße eröffnet haben.

Berlin als Schauplatz hat seine Gründe, wie ich vorher darlegte, aber auch Leser etwa aus München, Leverkusen und dem ländlichen Südhessen fühlen sich in der Erzählung zu Hause, wie ich erfuhr. Berlin ist also einerseits nicht so wichtig, andererseits sehr wichtig, denn der Protagonist, der drei Tage untätig und ziellos durch die Stadt geht, gehört natürlich nach Berlin. Einer, der so durch München ginge, täte der Stadt unrecht, denn hier muss man beschäftigt sein, professionell amüsiert, immer unter Druck, die Miete zu zahlen oder sich den neuesten Porsche leisten zu können.

Bis auf wenige Szenen (wie zum Beispiel in der witzigsten des Buchs, in der er auf einer WG-Party Behauptungen in den Raum wirft und dann lauscht, wie sich alle echauffieren) bleibt der Ich-Erzähler eher passiv, lässt sich treiben und alles einfach geschehen. Würdest du ihn als typischen Vertreter unserer Generation bezeichnen oder ist das zu kurz gedacht?

Ich bin skeptisch bezüglich des Generationengedankens im Allgemeinen. Da heißt es, die Achtundsechziger seien so und so, aber wie viele Menschen aus den entsprechenden Geburtsjahrgängen sind damals wirklich auf die Straße gegangen? Von einer Generation zu reden soll komplexe Sachverhalte vereinfachen, aber in vielen Fällen ist es nur irreführend. Von den Großstädten und insbesondere von Berlin aus betrachtet, ist „unsere Generation“ tendenziell vegan, amourös aufgeschlossen, im Wohnort flexibel, selbstverwirklichungsorientiert, und teilt lieber als zu besitzen. Aber schon in München sieht das ganz anders aus. Und auf dem Land haben sie längst zwei Kinder und ein Häuschen und reiben sich die Augen ob dieser Generationendiagnosen.

Auch wenn ich gegenüber dem Generationengedanken skeptisch bin, würde ich aber dennoch sagen, dass der Protagonist ideal ist, um die Gegenwart darzustellen. Er gehört nirgends dazu und ist deshalb nicht korrumpiert, er versinkt in Zweifel und kann deshalb alles hinterfragen, er ist unsicher und beobachtet deshalb seine Umwelt genau. Andere Figuren, die auftauchen, sind keine Vertreter einer Generation, sondern der heutigen Gegenwart.

Kurz gesagt: Es ist kein Generationenbuch, sondern ein Gegenwartsbuch. Aber das ist natürlich nur meine bescheidene Meinung als Autor, letztlich geht es natürlich darum, was die Leserinnen und Leser darin finden.

Wie baust du deine Geschichten auf? Entwickelst du den Plot minutiös vorher oder schreibst du „einfach drauf los“?

Wenn ich Komödien schreibe, konstruiere ich einen Plot, den ich dann „einfach nur“ ausführe. Da geht es um Begegnungen zum richtigen Zeitpunkt, also Timing, um das Aufspannen von Konflikten als Vorbereitung, um die Konstruktion von Vorwissen oder Unwissen in den Figuren, das dann im richtigen Moment zum Einsatz kommt.

Ganz anders bei erzählender Prosa. Hier muss ich mich in eine Stimmung einfinden, vielleicht ein bisschen wie ein Beleuchter, der Scheinwerfer wählt und einrichtet. In diesem bestimmten Licht leuchtet dann manches auf der Bühne auf, anderes ist kaum erkennbar, man hat ein Gefühl von Wärme oder Kälte, Wildnis, Ödnis oder Idyll. Gleichzeitig ist noch kein Wort gesprochen, keine Handlung festgelegt. Es geht nicht darum, dass ich mich in diese Stimmung versetze, sondern darum, dass das Geschriebene diese Stimmung hat, dass sie beim Lesen freigesetzt wird und dass die Leserin und der Leser diese Stimmung daraus gewinnen und behalten können.

Ansonsten ist ein grobes Gerüst immer hilfreich, in dem man aber frei herumklettern kann, um sich dann der Szene zuzuwenden, für die man gerade die meiste Empathie aufbringt

Ein Blick in die Zukunft: Magst du verraten, ob du bereits an einem weiteren Roman arbeitest?

Ich schreibe gerade an einem wissenschaftlichen Sachbuch, das im November erscheinen wird und auf meiner Doktorarbeit basiert. Es geht um die Begegnung zwischen Arzt und Patient, um Symptome als Signale, Behandlung als Kommunikation, und dies alles vor einem evolutionsbiologischen Hintergrund. Aber ich mache mir auch Notizen für einen Roman, an dem ich konzentriert arbeiten werde, sobald das Sachbuchmanuskript abgegeben ist. Ich habe schon ein bisschen was geschrieben, habe ein Gerüst zum Herumklettern und sogar die richtige Stimmung kenne ich schon.

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2 Gedanken zu “Kurz&schmerzlos: Leander Steinkopf über „Stadt der Feen und Wünsche“

  1. Danke für das schöne Interview.
    Hat mich sehr neugierig gemacht auf das Buch.
    Früher war ich regelmäßig in Berlin für ein paar Tage zu Gast. Ich bewundere immer, dass jede Stadt so ihre ganz eigene Atmosphäre und Dynamik hat.

    Liebe Grüße, Anja

    Gefällt 1 Person

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