Anja Röhl über Ulrike Meinhof

In einem Buch las ich einst eine kurze Anekdote über einen schweren Alkoholiker, der zwei Söhne hatte. Einer der Söhne war selbst Alkoholiker mit der Begründung, er kenne das gar nicht anders, während der andere abstinent blieb, um eben nicht so zu enden wie sein Vater. An diese Geschichte muss ich öfter denken, denn sie zeigt wie keine andere, was für unterschiedliche Schlüsse man aus ein und derselben Ausgangsposition ziehen kann. Wie ich darauf komme? Nun, wir schreiben das Jahr 2018 und die RAF ist wieder eins der Lieblingsthemen der Medien; letztes Jahr war das Vierzigjährige des Deutschen Herbsts, dieses Jahr ist 1968 fünfzig Jahre her und auch die Frankfurter Kaufhausbrände, nicht wenigen Interpretationen zufolge die Initialzündung der RAF, jähren sich am heutigen 2. April zum fünfzigsten Mal. Bei all der Mystifizierung, die die 68er und Baader-Meinhof mit sich bringen, ist es kein Wunder, dass die Verlage Buch um Buch auf den Markt werfen.

Auch Bettina Röhl mischt mit: „Die RAF hat euch lieb“ lautet der polemische Titel ihrer Memoiren. Ulrike Meinhof hatte drei Töchter: Bettina Röhl und deren Zwillingsschwester Regine, die nicht in der Öffentlichkeit steht, und Anja Röhl, keine leibliche Tochter, sondern Kind aus der ersten Ehe ihres Ehemanns Klaus Rainer Röhl. Während Anja Röhl ihre Ziehmutter Ulrike Meinhof verteidigt und ähnliche Ideale vertritt, zeigt sich Bettina Röhl in ihren Aussagen konservativ bis hin zu rechtspopulistisch. In dem Blatt Tichys Einblick, selbsterklärtes „liberal-konservatives Meinungsmagazin“, das man getrost der Neuen Rechten zuordnen kann, hat sie eine regelmäßige Kolumne. Und damit wären wir wieder bei der Anekdote, schließlich könnte die politische Einstellung der Töchter von Ulrike Meinhof unterschiedlicher nicht sein.

Da Bettina Röhl dank ihres neuen Buchs derzeit prominent in den Medien vertreten ist – wie mit einem ausführlichen Interview im aktuellen Spiegel – möchte ich an eine Lesung mit Anja Röhl erinnern, die ich im Jahr 2013 im Rahmen der GegenBuchMasse, einer Veranstaltungsreihe mit alternativen Lesungen zur Frankfurter Buchmesse, erleben durfte und über die ich auf meinem damaligen Frankfurt-Blog schrieb.

Im Infoladen des ExZess las Anja Röhl vor rund fünfzig Besuchern aus ihrem Buch „Die Frau meines Vaters“, 2013 in der Edition Nautilus erschienen, in dem sie versucht, das Bild Ulrike Meinhofs zu entdämonisieren. Röhl verzichtet auf Reflektionen aus heutiger Sicht und leitet die Leser dank Formulierungen wie „das Kind/das Mädchen/die junge Frau“ (je nach Lebensabschnitt) direkt in ihre damalige Gefühlswelt. Sie schildert ihre Mutter als liebevolle Frau und einzige erwachsene Bezugsperson, von der sie als Kind ernstgenommen wurde, während sie ihren Vater als harten, übergriffigen Mann beschreibt, der einen „inneren, verdorbenen Charakter“, auch bedingt durch seine Erfahrungen während der NS-Zeit, habe. Den Rechtsruck ihres Vaters, einst Herausgeber der linken Zeitschrift konkret, später im rechten Flügel der FDP engagiert, verwundere sie nicht – diese Züge habe man schon früh an ihm erkannt.

Nach ihrer Lesung herrschte zunächst fast betroffenes Schweigen, bevor geklatscht wurde. Röhl nahm sich ausführlich Zeit, auf die Fragen des Publikums (das sie duzte) zu antworten. Sie erzählte, dass sie nach vielen Gesprächen mit ihren Schwestern und Anwälten zahlreiche Stellen streichen musste, die private Angelegenheiten beträfen, weitere Stellen wurden im Buch nachträglich geschwärzt. Und sie verriet, dass sie zu Bettina Röhl bereits seit Mitte der Neunziger kein gutes Verhältnis habe und dass mit Regine der Bruch aufgrund des Buches erstanden sei.

Anja Röhl ist davon überzeugt, dass der Tod Meinhofs kein Selbstmord war. Sie verglich sie mit Rosa Luxemburg und Mumia Abu-Jamal und sagte, Ulrike Meinhof wäre sich gar nicht bewusst darüber gewesen, welche politische Brisanz ihre Kolumne in der konkret gehabt hätten. Eine verklärte Perspektive auf ihre Mutter? Vielleicht. Aber es ist trotzdem angenehm, mal eine andere, freundlichere, nicht aufbauschend-populistische Meinung über Ulrike Meinhof zu hören.

 

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