Fernando Aramburu – Patria

In Deutschland erstaunlich unbeachtet hatte das Baskenland gut fünfzig Jahre lang mit dem Terrorismus der ETA zu kämpfen. Wer in ihr Visier geriet, dessen Leben war nicht nur in Gefahr, er wurde auch von der Gemeinschaft geächtet. Einstige Freunde standen von einem Tag auf den anderen auf entgegengesetzten Seiten. Mit „Patria“ legt Fernando Aramburu den baskischen Gesellschaftsroman vor, in dem er Täter, Opfer, Mitläufer und Angehörige gleichermaßen zu Wort kommen lässt. Und er zeigt damit einen gesellschaftlichen Wandel: Man darf die ETA inzwischen beim Namen nennen. Man darf sie sogar öffentlich kritisieren.

„Mir ist unbegreiflich, wie Typen, die vorgeben, für Euskera zu kämpfen, euskaldunes umbringen können. Dass sie, um ein freies Euskadi zu schaffen, Basken töten.“

Dass die Zeiten sich ändern, sieht man nicht immer nur im Großen. Manchmal sind es gerade die Details, die viel Aufschluss über einen gesellschaftlichen Wandel geben. Im Baskenland ist es das Ende des Schweigens, das mehr noch als die ewigen Waffenruhen das endgültige Ende der ETA vorwegnehmen. Während die Terrororganisation de facto noch existiert (sich aber nach und nach selbst entmachtet), ist es vor allem die Bevölkerung, die schon lange die Nase voll von den vielen Toten, der Angst und ebendiesem Schweigen hat. Und ohne die Unterstützung des Volks, das „befreit“ werden soll, steht die ETA ganz schön alleine da. Machen wir uns nichts vor: Sie hat nach wie vor viele Anhänger, vor allem in den Dörfern Gipuzkoas. Aber die breite Masse steht nicht mehr hinter ihr.

Dieser Wandel zeigt sich in den letzten zehn Jahren vor allem in Hoch- und Popkultur. „Ocho Apellidos Vascos“ (mit der unsäglichen deutschen Übersetzung „Acht Namen für die Liebe“) von 2014 war der erfolgreichste spanische Film aller Zeiten. Darin verliebt sich ein Andalusier in eine Baskin und betritt zum ersten Mal in seinem Leben das Baskenland. Sämtliche abertzale-Klischees und -Vorurteile werden auf die Schippe genommen – über die ETA und das „baskische Problem“ kann gelacht werden, offen, ohne Angst. Das ist neu (von der Fernsehsendung „Vaya Semanita“ abgesehen). Was nicht neu ist, ist die Tatsache, dass die ETA literarisch behandelt wird, das geschieht bereits seit vierzig Jahren. Neu ist aber auch, dass sie beim Namen genannt wird und nicht mit „die Organisation“ umschrieben, dass nicht nur die Täter-, sondern auch die Opferperspektive beleuchtet und die ETA offen kritisiert wird. Dass ein (noch dazu umfangreicher!) Roman, der sich diesem Thema widmet, monatelang auf den Bestsellerlisten Spaniens vertreten ist, zeigt das große Interesse an der ETA und der endlich beginnenden Aufarbeitung der sogenannten Bleiernen Jahre.

„Patria“ heißt der Roman, ja, das Epos, von Fernando Aramburu, der sich auf 750 Seiten dem Komplex ETA annimmt und ein großes gesellschaftliches Panorama entwirft (zusammen mit dem nicht auf Deutsch erschienen „Twist“ von Harkaitz Cano der einzige breite, tiefe baskische Gesellschaftsroman). Neben San Sebastián spielt der Großteil der Handlung in einem Dorf in Gipuzkoa, das keinen Namen trägt. Das ist nicht nötig – es steht exemplarisch für die vielen Ortschaften im Baskenland, die eine vergleichbare Geschichte haben. Bittori und Miren wachsen als Nachbarinnen in diesem Dorf auf, sind beste Freundinnen, die viel miteinander unternehmen; Bittoris Mann Txato ist ein recht angesehener Kleinunternehmer, die Familie gut integriert in die Dorfgemeinschaft. Das ändert sich, als die ETA Txato ins Visier nimmt und die von ihr so bezeichnete „Revolutionssteuer“, schlicht und ergreifend Erpressergeld, fordert. Txato weiß, in welcher Situation er sich befindet: „Es gibt nur drei Optionen: zahlen, verschwinden oder dein Leben riskieren.“ Innerhalb weniger Tage, mit Aufkommen der Gerüchte und spätestens, als die ersten Graffitis erscheinen, die Txato als Verräter diffamieren, wird die gesamte Familie geächtet, alle wenden sich ab: „Von heute auf morgen haben viele Leute im Dorf sie nicht mehr gegrüßt. Gegrüßt? Das wäre schon viel verlangt. Nicht mehr angeguckt haben sie sie. Alte Freunde, Nachbarn, sogar ein paar Kinder.“ Und dann kommt es, wie es kommen muss: Txato wird auf offener Straße erschossen.

Aramburus Roman setzt gut zwei Jahrzehnte nach diesem Mord ein. In vielen Rückblicken entfaltet er die breite, multiperspektivisch angelegte Geschichte, in der die Mitglieder beider Familien zu Wort kommen, vor allem die ehemaligen Freundinnen Bittori und Miren, jetzt alte Frauen, die seit dem schicksalshaften Tag kein Wort mehr miteinander gewechselt haben, aber auch die Ehemänner und Kinder der beiden. Bittori hat Krebs und wird nicht mehr lange leben. Sie wünscht sich nur eins: Joxe Mari, Mirens inhaftierter Sohn und Etarra, soll endlich sprechen. Es geht Bittori nicht um Vergeltung, die Zeiten sind lange vorbei. Sie möchte nur erfahren, was an jenem Tag geschah, wer ihren Mann umbrachte, wünscht sich, dass Joxe Mari, der als potentieller Täter infrage kommt, sein Schweigen bricht und vor allem, dass er sie um Entschuldigung bittet. Denn darum geht es im Kern von „Patria“: Ist nach einer Entschuldigung eine Aussöhnung möglich? Kann man sich von der Vergangenheit befreien, wenn auch Vergebung und Verständnis vielleicht zu viel verlangt sind? Kann die baskische Gesellschaft, können die Nachbarn wieder zusammenwachsen, die immer noch offenen Wunden heilen? Was braucht es dafür, wie lange wird das dauern?

Fernando Aramburu, der selbst seit rund dreißig Jahren in Deutschland lebt und seinen Roman auf Spanisch verfasste, positioniert sich in „Patria“ klar gegen den baskischen Nationalismus, ohne dabei den mahnenden Zeigefinger zu erheben. Vor allem an Miren und dem jüngeren Sohn Gorka, aber auch an Txato selbst wird die Widersprüchlichkeit der Nationalisten deutlich: Miren ist zwar abertzale, zugleich aber opportunistisch: „1975“, so erinnert sich ihre Tochter Arantxa, „hat sie geweint, als Franco gestorben ist“, auch wenn sie heute davon nichts mehr wissen will, „…sie schmettert Parolen wie eine Jerichoposaune. Ich habe den Eindruck, sie geht durchs Dorf und lernt auswendig, was auf den Plakaten steht.“ Txato währenddessen, der bis zu seinem fünften Lebensjahr kein Wort Spanisch sprach, sieht sich „mehr [als] Baske als die alle zusammen“. Und er sagt zurecht: „Wenn ich nicht baskisches Volk bin, dann möchte ich wissen, wer es ist.“ Eine Frage, die man der ETA bei vielen ihrer Morde gerne stellen würde: Wieso bringt ihr diejenigen um, die sich als Basken verstehen, Baskisch sprechen und als Unternehmer für Arbeitsplätze sorgen? Wie befreit man dadurch das baskische Volk?

Die volle Ironie und zugleich Kritik an der Unlogik der ETA äußert Aramburu in dem jüngeren Bruder des Etarra Joxe Mari, in Mirens Sohn Gorka. Gorka, ein introvertierter, belesener Mann, spricht nämlich um einiges besser Euskera als Joxe Mari selbst. Dazu muss man wissen: Es gibt kaum noch Basken, die ausschließlich baskische Vorfahren, „reines Blut“ haben, die also ihre „acht baskische Nachnamen“ (so übrigens die wörtliche Übersetzung des Filmtitels, den ich oben erwähnte) vorweisen können. Schon in ihrer Frühphase in den sechziger Jahren konstatierte die ETA entsprechend, dass nicht die Ahnen, sondern die Sprache ausschlaggebend sind (Fußnote: Einer der führenden Köpfe der frühen ETA war halb Deutscher und erlernte das Euskera). Dass ausgerechnet Gorka, der vom baskischen Nationalismus nichts wissen möchte, das Baskische ungleich besser spricht als sein radikaler älterer Bruder, ist ein weiterer gekonnter Seitenhieb Aramburus auf die Scheinheiligkeit und Widersprüchlichkeit der ETA-Ideologie: „Der Kleine beherrschte auch das Euskera besser als Joxe Mari … dann hockten sie in seinem Zimmer, und Gorka wies sie auf grammatikalische und orthographische Fehler hin, die ihnen unterlaufen waren, dicke Hunde darunter.“

„Patria“ ist eine gekonnte Analyse, die auf komplexe Weise darlegt, wie sehr die ETA alle Lebensbereiche der Basken berührt(e), selbst jener, die weder als „Aktivisten“ noch Opfer direkt betroffen sind/waren. Dabei bleibt der Roman nicht eindimensional: Liebe, Freundschaft, Krankheit, Job, Alltag, auch das gehört selbstverständlich zum Leben in diesem dörflichen Mikrokosmos dazu. Nur anders als in einem Dorf in Deutschland beispielsweise spielen Politik und Terrorismus eben auch eine Rolle. Aber wie wissen wir schon spätestens seit den 68ern? Auch das Private kann politisch sein.

Aramburu legt seinen Finger auf noch offene Wunden, beschreibt eine Gesellschaft, in der allein ein spanischer Name schon Grund genug für den Verdacht war, einer könnte Faschist und/oder von der Guardia Civil sein (wahrlich kein Widerspruch), in der keiner zuhören und aus Fehlern lernen wollte, in der Fremden misstraut wurde, während viele in Angst lebten, bei einem Anschlag Kollateralschaden zu werden, eine berechtigte Angst („Gestern um die gleiche Zeit sind Carme und ich in ihrem Auto durch diese Straße gefahren. Die Bombe hätte genauso gut uns treffen können.“). Fernando Aramburu zeigt in seinem Roman aber auch die Entwicklung, die die baskische Gesellschaft in den letzten Jahren durchgemacht hat. Und gibt, nicht zuletzt durch die Schlussszene, ohne übertriebenen Optimismus an den Tag zu legen, doch ein wenig Hoffnung, dass dieses kleine Land im Norden Spaniens, das das Wort „Land“ im Namen hat und doch nur bedingt eins ist, eines Tages seine Vergangenheit aufarbeiten und vielleicht sogar überwinden kann.

Zum Weiterlesen: Harkaitz Cano – Twist

Fernando Aramburu – Patria
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
Rowohlt, Hamburg
Januar 2018, 762 Seiten

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