Fernando Aramburu – Patria (Literaturhaus Stuttgart)

Ich schreibe ungern Verrisse. Ich empfinde keine Freude daran, weder offene noch klammheimliche, ich will niemandem zu nahetreten und ich weiß, dass für die meisten Menschen eine negative Kritik mehr ins Gewicht fällt als fünf positive. Ich weiß außerdem, wie aufwändig die Organisation einer Veranstaltung ist und wie viele interne wie externe Mitarbeiter nötig sind, bis ein Buch in der Buchhandlung steht. Es läuft nicht immer für alle zufriedenstellend ab, so ein langer Weg ist fehleranfällig. Ein Verriss bedeutet zudem, dass ich keinen Spaß bei der Lektüre hatte, einen schlechten Film gesehen, eine langweilige Lesung besucht habe. Und nicht zuletzt ist es in dieser überschaubaren Branche immer etwas unangenehm, den Lektor, den Moderator, oder, am schlimmsten, die Autorin oder den Autor zu treffen. Aber nur, weil ich ungern Verrisse schreibe, gehöre ich trotzdem nicht zu den Bloggern, die ausschließlich Empfehlungen aussprechen, wirklich nicht. Schon gar nicht, wenn ich mich geärgert habe. Zudem ist schreiben für mich kathartisch. Und manchmal braucht man diesen Effekt.

Gestern habe ich im Literaturhaus Stuttgart die Lesung von Fernando Aramburu zu seinem großartigen Roman „Patria“ besucht, eine Lesung, auf die ich mich im Vorfeld bereits lange gefreut habe. Ich weiß nicht genau, warum ich gerne zu Lesungen gehe, die meisten sind nämlich eher schlecht als interessant. Es gibt einige wirklich gute Moderatoren, die exzellent vorbereitet sind und es gekonnt schaffen, sich auf die Persönlichkeit des Autors einzulassen (Alf Mentzer! Insa Wilke! Björn Jager!), und eine nicht geringe Anzahl an guten Moderatoren. Leider sind viele aber irgendwo zwischen dürftig und grottenschlecht. Denis Scheck habe ich schon öfter erlebt, zumeist mit US-amerikanischen oder anglophilen Schriftstellern. Scheck kennt sich mit Hoch- wie Popkultur, Politik und Gesellschaft der USA wirklich gut aus, bei diesen Veranstaltungen hat man nicht nur Spaß, man nimmt auch etwas mit. An Denis Scheck scheiden sich die Geister, ich weiß. Und wenn man ihn mehrere Male erlebt hat, erkennt man die Muster seiner Witze, Geschichten und Fragen. Aber bisher wurde ich immer gut unterhalten. Bisher, bis gestern, bis „Patria“.

Nun erwies sich Fernando Aramburu nicht unbedingt der als espritvollste und pointierteste Anekdotenerzähler (ich rede hier nur von der Lesung, nicht dem Roman!). Aber in der Gilde der Schriftsteller ist er damit nicht allein; als Moderator sollte man das halbwegs auffangen können. Das ist Denis Scheck gestern nicht gelungen. Aber auch das ist nicht Grund meiner Verstimmung. Es sind die Fragen, die er gestellt hat. Wir wissen jetzt, was Aramburus Schullektüre war und was sein Lieblingswort auf Deutsch ist (ja! Diese Frage kam ernsthaft! Als großes Finale sogar!). Die wenigsten Deutschen haben allerdings mehr als nur eine sehr schwammige Vorstellung davon, wer die ETA ist, was sie will und wie die baskische Gesellschaft aussieht. Wer hoffte, durch die Lesung irgendetwas darüber zu lernen, wurde schwer enttäuscht. Scheck bezog sich mehrfach auf die RAF, auch Vergleiche zur IRA und (das musste ja kommen) islamistischen Terrorgruppen durfte nicht ausbleiben. Dadurch haben wir uns der ETA aber kein Stück angenähert. Natürlich ist es keine dumme Idee, die RAF zu erwähnen, um den deutschen Publikum den Zugang zum baskischen Terrorismus zu erleichtern. Aber vergleichen kann man die RAF mit der ETA wirklich nicht, in keiner Weise. Das ist nicht einmal wie Äpfel mit Birnen vergleichen, sondern wie Äpfel mit Kühen. Beide leben, zumindest irgendwie. Und da hört es mit den Gemeinsamkeiten auch wieder auf.

Vielleicht wollte sich Denis Scheck nicht die Blöße geben und zeigen, dass er sich mit der ETA nicht auskennt. Aber wieso eigentlich? Kaum ein Mensch hierzulande ist Baskenland-, ETA-, baskische-Literatur-Experte, und das ist doch nicht schlimm. Warum also nicht fragen: Was will die ETA? Wie war das unter Franco, wie danach? Haben sich die Ziele im Laufe der Zeit geändert? Warum hatte sie so viel Unterstützung im Volk und warum irgendwann nicht mehr? Welche einschneidenden Ereignisse sind Ihnen in Erinnerung geblieben? Wie haben Ihre Freunde, Nachbarn, Bekannten reagiert? Haben Sie erlebt, dass Familien und Freundschaften dadurch entzweit wurden? Wie kann man sich diesem Thema literarisch nähern? Wer hat das vor Ihnen bereits gemacht? Könnte man als Baske auch einen Roman schreiben, ohne die ETA zu erwähnen?, und dergleichen. Das sind nur die Fragen, die mir spontan einfallen würden, ohne mich auf eine Moderation vorbereitet zu haben.

Was stattdessen kam, war die Frage, was Aramburu den Katalanen heute raten würde. Er habe dafür kein Rezept, lautete die wenig überraschende Antwort. Was die Besucher der Veranstaltung nicht erfahren haben, sind die Intentionen des Autors, von einer groben Zusammenfassung abgesehen der Inhalt des Romans, die Figuren. Wieso hat Aramburu über die ETA geschrieben? Wieso nicht zum ersten Mal? Warum hat er den Roman auf Spanisch und nicht auf Baskisch verfasst? Wie erklärt er sich den enormen Erfolg von „Patria“ in Spanien? Wieso wählt er Gipuzkoa als Handlungsort? Wieso ein Dorf und keine Stadt? Wieso bleibt das Dorf namenlos? Warum hat er sich für Täter- und Opferperspektive entschieden und nicht nur für eine der beiden? Warum ist es wichtig, dass die Familien ursprünglich eng miteinander verbunden waren? Warum sind zwei Frauen und nicht zwei Männer Kern der Geschichte? Warum ist Joxe Mari, der Etarra, im Gefängnis und nicht beispielsweise auf Flucht oder bereits entlassen? Warum hat ausgerechnet Arantxa das schlimmste Schicksal seiner neun Protagonisten? Oder hat sie in seinen Augen überhaupt das schlimmste Schicksal? Warum ist es ausgerechnet sie, die für die Annäherung ausschlaggebend ist? Kann es überhaupt Versöhnung geben? Sieht Aramburu seinen Roman als Schritt der Aussöhnung? Ich könnte mir so viele spannende Fragen vorstellen, die sowohl den Roman als auch dessen Entstehungsgeschichte und vor allem die Geschichte des Baskenlands erläutern würden.

Hier wurde eine große Chance verspielt: Aramburu sagte selbst, dass er im gleichen Jahr in der gleichen Stadt wie die ETA geboren wurde (1959 in San Sebastián). Das Publikum hätte also von jemandem, der die gesamte Historie der ETA erlebt und sich intensiv literarisch damit auseinandergesetzt hat, eindringliche Details erfahren können. Stattdessen wissen wir jetzt, dass Denis Schecks Eltern in der Hochphase der RAF-Hysterie von der Polizei angehalten wurden, weil er als Kind auf dem Autorücksitz eine Plastikpistole hatte. Auch eine nette Anekdote. Aber das reicht nicht.

Was mir ebenfalls gänzlich unverständlich ist, ist die Tatsache, dass sich bei den meisten Veranstaltungen die Schauspieler, die den deutschen Text lesen, so gut wie nie vorher informieren, wie Namen, Begriffe und einzelne Buchstaben ausgesprochen werden, wie die Betonung ist. Kein Mensch erwartet dabei eine perfekte Aussprache. Aber ein bisschen Mühe könnte man sich im Vorfeld doch machen. Die Schauspielerin der gestrigen Veranstaltung hat so konsequent ALLES dermaßen falsch ausgesprochen, dass man dahinter fast Absicht vermuten könnte. Vielleicht habe ich die Botschaft einfach nicht gecheckt und sie wollte damit ein Statement gegen Konventionen und Normen oder gar das Establishment setzen, quasi eine andere Art, das „Fuck The System“ der ETA zu vermitteln. Vielleicht. Noch dazu waren die Leseblöcke extrem lang und füllten den Großteil der Veranstaltung. Schön für Denis Scheck. Sonst hätte er Aramburu am Ende nach seinem Lieblingswochentag, seiner Lieblingsfarbe oder seiner Lieblingsnummer fragen müssen.

Damit mich keiner falsch versteht: Lest dieses Buch, es ist großartig! Es hat mich auch gefreut zu sehen, dass trotz dieser Lesung viele „Patria“ kauften. Ich werde auch wieder Veranstaltungen mit Denis Scheck besuchen. Allerdings nur, wenn er Amis moderiert. Möglicherweise waren meine Erwartungen und meine Vorfreude auch zu groß. Aber das war einfach nix. Das war nix, und dabei gab es doch so viel Spielraum, einen wirklich spannenden und informativen Abend zu gestalten.

Literaturhaus Stuttgart
16. April 2018
Fernando Aramburu – Patria
Moderation: Denis Scheck
Mit: Sandra Gerling

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5 Gedanken zu “Fernando Aramburu – Patria (Literaturhaus Stuttgart)

  1. Eine valide Kritik und durchaus nachvollziehbar, was dich gestört hat. Nach deutschen Lieblingswörtern zu fragen, wenn doch so viel anderes (und deutlich spannenderes) aufs Tapet gekonnt hätte – das ist nun wirklich enttäuschend …

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  2. Nach deiner Schilderung bin ich wirklich froh und glücklich, Aramburu auf Einladung des Verlages bei einer Veranstaltung im kleinsten Kreise kennenlernen zu dürfen. Da hat er viel erzählt, warum und wie er den Roman geschrieben hat und wie sich die Schatten der ETA heute noch in den kleinen Dörfern und in vielen Familien abzeichnen. (Ganz unter uns: Scheck ist manchmal richtig gut, manchmal aber auch eine echte (und eitel-selbstverliebte) Katastrophe.) lg_jochen

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  3. Wenn Fernando Aramburu nach Hamburg kommt, bestehe ich darauf, dass du die Lesung moderierst. Die Antworten zu einigen deiner Fragen hätte ich zu gern gehört. Schade, dass es so unerquicklich war, vielleicht ist dem Moderator ein Meerschweinchen weggestorben und er konnte sich nicht gut auf die ETA und das Baskenland vorbereiten. Aber verdient hätte das der Roman allemal.
    Letztes Jahr im März war Paul Auster hier in Hamburg, sie haben ihm einen ziemlichen blassen Dandy (Hipster sagt man heute, Chef von sonem hippen Zeit-Männer-Glanzblatt) an die Seite gesetzt. Brrrr. Dessen Socken hatten genau die richitge Höhe zur Fessel. Und so waren auch die Fragen. Aber Auster hat das mit seiner bloßen Präsenz und dem wie er was gesagt hat einfach wettgemacht. Dennoch wäre wünschenswert, wenn die Moderator*innen zu denjenigen passen würden, die sie da vorstellen. Oder ihnen zumindest das Wasser reichen können.

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  4. Ich finde es dabei nicht nur für die Gäste der Lesung traurig, wenn sich die Veranstaltung nicht bemüht, dem Buch gerecht zu werden, sondern auch für den Autor selbst. Hattest Du denn den Eindruck, Scheck hat den Roman gar nicht richtig gelesen? Ich hätte es auch interessanter gefunden, wenn Aramburu selbst gelesen hätte. Warum müssen es Schauspieler sein? Schade, wenn die Lesung nicht dem Anspruch des Autors und dessen Roman glich. Viele Grüße

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  5. Ich war letztes Jahr auf einer Lesung eines „Amis“, Jonathan Safran Foer, die auch von Denis Scheck moderiert wurde. Und es war tatsächlich eine der schlechtesten Veranstaltungen, die ich je besucht habe. In diesem Fall hatte ich wirklich den Verdacht, er mag das Buch entweder überhaupt nicht oder hat es tatsächlich nicht gelesen. Kaum eine Frage hat sich wirklich auf den Text bezogen. Wie Jochen oben schon schrieb, liefert Herr Scheck wirklich deutlich schwankende Qualität – auch bei Amerikanern.

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