Christina Horsten, Felix Zeltner – Stadtnomaden

Eine der ersten Assoziationen, die ein jeder mit New York hat, lautet: absurd hohe Mieten. Warum sich freiwillig in die Situation begeben, alle paar Wochen nach einer neuen Wohnung suchen zu müssen? Christina Horsten und Felix Zeltner haben genau das getan, ein bisschen aus der Not geboren, aber hauptsächlich aus Lust am Abenteuer. Was sie in den fünf Boroughs der Stadt erlebten, erzählen sie in „Stadtnomaden“.

„Viele unserer Freunde und Bekannten haben solche Geschichten, solche New-York-Momente, in denen ihnen klar wurde: New York or Nowhere! … In New York, vielleicht mehr als in anderen Städten, entscheidet sich ein großer Teil der Bewohner ganz bewusst dazu, genau dort zu leben … trotz aller Schwierigkeiten und Herausforderungen … über die der Gedanke an diese ganz speziellen New-York-Momente dann immer wieder hinweghilft.“

Ausnahmsweise beginne ich eine Rezension mit einer persönlichen Anekdote: Im Oktober 2015 war ich das erste Mal in New York, damals für einen Monat. Um so viel wie möglich von der Stadt zu sehen und immer unterschiedliche Wege zu haben, entschied ich mich dazu, jede Woche das Zimmer zu wechseln und in vier verschiedenen Vierteln zu „leben“. Und das, obwohl ich jedes Mal einen riesigen, schweren Koffer (vor New York hatte ich drei Monate in Mexiko verbracht, der Koffer war wirklich schwer) durch die Straßen und Treppen hoch- und runterhieven musste. Die beiden deutschen Journalist*innen Christina Horsten und Felix Zeltner haben das Gleiche gemacht, nur als XXL-Version: Ein Jahr lang sind sie Monat für Monat in eine andere Wohnung gezogen, und das sogar mit zweijähriger Tochter. Dass diese Idee im besten, manchmal auch im schlimmsten Sinne wahnsinnig ist, kann man nun in ihrem Buch „Stadtnomaden“ nachlesen.

Alles fängt, wenig überraschend für New York, zunächst mit einer Wohnungskündigung, später mit einer drastischen Mieterhöhung an. Nach Stationen an der Upper East Side in Manhattan und Park Slope in Brooklyn stehen Felix und Christina mit Tochter Emma vor der großen Frage: Wohin nun? Schnell ist ihnen klar, dass sie den Sprung ins kalte Wasser wagen und ein Jahr lang Wohnungshopping betreiben. Die Entscheidung, sich ausgerechnet in einem der schwierigsten Wohnungsmärkte der Welt jeden Monat aufs Neue freiwillig den Stress anzutun, nach einer neuen Bleibe zu suchen, ist verrückt. Andererseits, pragmatisch gesehen: Temporäre Unterkünfte zu finden ist oft leichter als langfristige Mietverträge zu ergattern. Und vor allem: Durch die vielen Umzüge lernt das Paar seine Wahlheimat New York viel besser kennen als die meisten New Yorker*innen selbst.

Einmal quer durch Manhattan, ob Chelsea, Upper West Side oder das East Village, rüber nach Dumbo und Williamsburg in Brooklyn, und natürlich auch nach Queens, Staten Island und in die Bronx führt dieses verrückte Jahr die junge Familie. Sie haben zumeist Glück, bekommen über Freund*innen von Freund*innen oder dank eines E-Mail-Verteilers Wohnungen angeboten, fallen einmal allerdings auf einen Betrüger ein. Der wichtigste Punkt aber: Die beiden Journalist*innen beschließen früh, nicht einfach nur temporäre Besucher*innen der Viertel zu sein, sondern diese richtig kennenzulernen, in sie einzudringen, nicht nur durch ausgedehnte Spaziergänge, sondern durch Konversationen mit den Anwohner*innen. Wichtigstes Element hierbei: Die von ihnen organisierten Neighborhood Dinner, bei denen sie Fremde kontaktieren und zu einem gemeinsamen Abendessen einladen, das mit einer simplen Frage eingeleitet wird:„What’s your neighborhood story?“

Und die Nachbar*innen erzählen. Und gerade weil sie erzählen, ist „Stadtnomaden“ mehr als nur ein Wir-ziehen-durch-New-York-Buch. Es ist neben der zu erwartenden Liebeserklärung von Christina Horsten und Felix Zeltner an New York auch ein Reiseführer mit Insider-Tipps und, wichtiger noch: ein guter Einblick in die Seele dieser Stadt. Fast schon nebenbei, aber nicht weniger interessant, sind die Momente US-amerikanischer Geschichte, die sie schildern, wie etwa der Schock der New Yorker*innen nach der überraschenden Wahl Donald Trumps zum Präsidenten.

Gewiss, man mag (berechtigterweise!) einwenden, die beiden Autor*innen von „Stadtnomaden“ leben in einer Blase. Zwar sind sie nicht übermäßig vermögend, aber doch privilegiert genug, um nie wirklich fürchten zu müssen, kein Dach über dem Kopf zu haben; Zeltner und Horsten wissen um ihre Position und thematisieren sie mehrfach. Ihre Blase macht sich ebenfalls bei den Gastgeber*innen bemerkbar, die größtenteils Künstler*innen sind. Das wiederum ist aber ein großer Vorteil des Buches: Viele von ihnen leben seit Jahrzehnten in der Stadt und können aus ganz persönlicher Sicht erzählen, welche Nach- und manchmal auch Vorteile die Gentrifizierung New Yorks mit sich bringt.

So ist „Stadtnomaden“ ein kurzweiliges Buch, das sowohl für diejenigen, die sich in New York bereits auskennen, als auf für jene, die sich einen ersten Überblick verschaffen möchten, empfehlenswert ist. Und um den Bogen zu mir zu schlagen: Ich kenne New York (zumindest Manhattan) ganz gut, habe mich intensiv mit dieser Stadt beschäftigt und bin erst vor wenigen Wochen zuletzt dort gewesen. Dank Horsten und Zeltner habe ich jetzt für meinen nächsten Trip nach New York wieder ein paar neue Ecken, die ich auf jeden Fall besuchen werde.

Christina Horsten, Felix Zeltner – Stadtnomaden. Wie wir in New York eine Wohnung suchten und ein neues Leben fanden
Benevento, Salzburg
April 2019, 300 Seiten

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