Bookstagram: #MeToo

Einige von euch wissen, dass ich auf meinem Instagram-Account regelmäßig Kurzkritiken zum Großteil der von mir gelesenen Bücher verfasse. Ich habe beschlossen, diese Miniaturen, wenn es sich thematisch anbietet, gebündelt auch hier zu veröffentlichen. Den Anfang machen drei Bücher, die auf ganz unterschiedliche Weise mit sexueller Gewalt (und somit sei direkt eine Trigger-Warnung ausgesprochen) beschäftigen: ein Roman, ein Memoir und ein Essay.

Marijke Schermer – Unwetter (Kampa Verlag, 2019)

„Im ersten Sommer ihrer Beziehung hat sie den Tenor gesetzt, als sie beschloss, ihm nicht zu erzählen, was passiert war. Was passiert ist, macht mich nicht aus … im Gegenteil: Es würde sich vor mich schieben und ihm die Sicht auf mich nehmen. Es ist ein Akt der Autonomie zu entscheiden, ob ein Vorfall eine Rolle in deinem Leben spielen darf oder nicht. Stimmt das?“

Zwölf Jahre sind vergangen, seit Emilia vergewaltigt wurde – ihrem späteren Ehemann hat sie nie davon erzählt. Jetzt ist das Trauma, das sie so lange vor sich verbergen konnte, wieder präsent, für Emilia weist die Zeit plötzlich „eine Krümmung auf, was vor Jahren war, ist jetzt näher als gestern“. Wie umgehen damit? Hat sie sich selbst die ganze Zeit, in der sie glaubte, sie sei glücklich, nur etwas vorgemacht? Wie soll sie das Erfahrene verarbeiten? Und soll sie ihrem Ehemann davon erzählen – aber wie erklären, warum sie so lange schwieg? Emilia schafft es kaum noch, sich am Leben zu beteiligen. Währenddessen regnet es wie verrückt, der nahgelegene Fluss droht, über das Ufer zu treten.

Von der etwas sehr zaunpfahligen Metapher mit dem Unwetter abgesehen, ist „Unwetter“ von Marijke Schermer ein leises Buch, das sich mit den Fragen beschäftigt, wie man mit Traumata umgeht, wie sehr man seinen Erinnerungen vertrauen kann, was Glück ist und viel Wahrheit eine Beziehung aushält. „Unwetter“ ist ein interessanter, feinfühliger Roman, dem ein wenig mehr Schonungslosigkeit aber nicht schlechtgetan hätte.

Yrsa Daley-Ward – Alles, was passiert ist (Blumenbar, 2019)

„Ich schreibe Gedichte, und doch stimmt was nicht.
Es gibt Tage, da muss ich in eine Papiertüte atmen. Und mir ist oft schwindlig.
Es gibt Tage, da komme ich nicht aus dem Bett und breche ständig in kalten Schweiß aus.
Ich sage,
wir müssen weg hier, weg aus dem Norden, ich muss weg hier, ich werde sonst noch verrückt …
ich bin allen zu nah und viel zu weit weg.“

Yrsa wächst mit ihrer alleinerziehenden Mutter und ihrem kleinen Bruder in Nordengland auf. Behütet war ihre Kindheit nie; die Mutter ist wenig zu Hause und auch später, bei den strenggläubigen Großeltern, wird das Mädchen nicht glücklich. Als eine der wenigen Nichtweißen an ihrer Schule fällt sie auf, und schon sehr früh weckt ihr weit entwickelter Körper Begehrlichkeiten von deutlich älteren Männern. Zu jung hat sie den ersten Sex, die ersten Drogenerfahrungen, und rutscht immer weiter in den Strudel aus Exzess und Einsamkeit, getrieben von dem „schrecklichen Ding“ (auf Englisch „The Terrible“, so auch der Originaltitel) in ihr.

Poetisch, rau, eindringlich und schonungslos offen – in „Alles, was passiert ist“ schildert Ysra Daley-Ward ihre Geschichte, wie sie „pain into poetry“ wandelte (so treffend die BBC). Diese mag nicht einzigartig sein, der Stil von Daley-Ward, rhythmisch, lyrisch, unmittelbar und leichtfüßig zugleich, ist es aber definitiv. Gern gelesen!

Carolin Emcke – Ja heißt ja und… (S. Fischer, 2019)

„Ist selbst schuld, wer erwartet, nicht belästigt, angegriffen, verletzt, gewürgt zu werden? … Ist wirklich so ahnungslos, wer erwartet, nicht vergewaltigt zu werden? Was ist das für eine Argumentation? Was für ein Menschenbild? Was für ein Männerbild? Muss ich als Frau es undenkbar halten, nicht als Objekt, als Ding, als verfügbarer, benutzbarer Körper gesehen und behandelt zu werden?“

Carolin Emcke ist eine sehr intelligente Frau, die intelligente Sachen sagt und schreibt. „Ja heißt ja und …“ ist ein Büchlein, das auf einer Performance von Emcke basiert. Sie analysiert darin die nach wie vor anhaltende Misogynie unserer Gesellschaft, erzählt von sexueller, von häuslicher Gewalt, betrachtet die Bedeutung von #MeToo, von Sprache und Sprachlosigkeit, die in Leugnen mündet, und stellt die Frage, was zu machen ist, um als Gesellschaft voranzukommen. Sie erzählt auch von ihren Erfahrungen und, das schätze ich, korrigiert ihre eigene Wahrnehmung, erläutert, wie #MeTwo ihre Sicht auf Rassismus verändert hat. Nicht alles ist neu in diesem Text, der Verweis auf den Gender Pay Gap, die Forderung von mehr Diversität, die Kritik am Victim Blaming, am Machtmissbrauch, an Homofeindlichkeit, aber das weiß Emcke auch: „Manchmal hadere ich damit, das, was doch so offensichtlich ist, noch fordern zu sollen.“ So offensichtlich es ist, so krass sind die Hierarchien nach wie vor. Deswegen muss es immer wieder gefordert werden, was Carolin Emcke glücklicherweise auch tut.

Trotz des eigentlich guten Textes und enorm wichtigen Inhalts gab es doch einige Formulierungen, die mir Zahnschmerzen verursacht haben, so zum Beispiel: „…eine Frau oder ein Mann oder eine Transperson…“ Muss ausgerechnet Carolin Emcke erklärt werden, dass das transfeindlich ist? Dass trans Frauen Frauen, dass trans Männer Männer, und eben nicht „Transpersonen“ sind? Dass das, was sie sagen will, „eine Frau oder ein Mann oder eine non-binary Person…“ ist?! Autsch.

Und somit kann ich „Ja heißt ja und…“ zwar größtenteils, aber eben nicht vollkommen empfehlen. Und bitte alle, die dies lesen, selbst Texte von gefeierten, klugen Intellektuellen wie Carolim Emcke kritisch zu hinterfragen. 

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