Frankfurter Buchmesse 2022: Gastland Slowenien

In drei Jahren, 2022 also, wird Slowenien das Gastland auf der Frankfurter Buchmesse sein. Grund genug, schon jetzt einen Blick gen Südosten zu werfen: Was macht Slowenien und slowenische Literatur so besonders?

Ein Steckbrief des Gastlands

Ich hatte kürzlich das Glück, Slowenien gleich zweimal bereisen zu dürfen, beim ersten Mal war ich ausschließlich in der Landeshauptstadt Ljubljana, beim zweiten Mal mit einer kleinen Gruppe in den Gebieten Nova Gorica, Karst und dem Vipava-Tal unterwegs. Dank mehrerer Gespräche, die ich vor und nach den Reisen mit Deutschen führte, weiß ich: Wir müssen ganz, ganz vorne beginnen. Das bedeutet, zunächst eine Sache klarzustellen, die viele nicht wirklich parat haben: Slowenien und die Slowakei sind zwei unterschiedliche Länder. Beide liegen zwar im Osten und waren jahrzehntelang unter kommunistischer Führung, die Slowakei (Hauptstadt: Bratislava) gehörte jedoch zur Tschechoslowakei, Slowenien hingegen zu Jugoslawien.

Geographisch grenzt das Zwei-Millionen-Einwohnerland an Italien, Kroatien, Österreich und Ungarn; entsprechend können viele Slowenen neben Slowenisch und anderen Balkansprachen auch Italienisch, Deutsch oder Ungarisch. Slowenien ist nicht nur von der Einwohnerzahl her klein, auch flächentechnisch ist es mit rund 20.000 Quadratkilometern überschaubar (zum Vergleich: Hessen hat 21.000 Quadratmeter). Landschaftlich und klimatisch ist Slowenien sehr vielseitig, es gibt viel Wald, die Alpen, mediterranes Klima, den scharfen Bora-Wind, die Adria-Küste… Man muss nur wenige Kilometer weit fahren, um ein ganz anderes „Feeling“ zu haben. Seit 2004 gehört Slowenien der Europäischen Union an, seit 2007 gibt es den Euro, generell ist es das wohlhabendste Land Ex-Jugoslawiens und, das kann ich aus eigener Erfahrung berichten, extrem gastfreundlich.

Die Hauptstadt Ljubljana (Fun Fact: Die deutsche Botschaft nennt die Stadt, sehr zum Ärger ihrer Einwohner, immer noch „Laibach“) hat keine 300.000 Einwohner. Der Altstadtring, der vom Fluss Ljubljanica begrenzt wird, ist seit mehr als zehn Jahren für den Verkehr gesperrt; wer schlecht zu Fuß ist, kann kostenlos eins der kleinen mit Strom betrieben Wägelchen rufen, und dem Fahrer oder der Fahrerin das Ziel nennen. Auch in Sachen Recycling nimmt Ljubljana eine Vorreiterrolle ein, es wurden außerdem Parkplätze in Parks umgewandelt und tausende Bäume gepflanzt. Kein Wunder also, dass Ljubljana 2016 zur Umweltstadt Europas gekürt wurde. Bereits im Jahr zuvor hatte die UNESCO Ljubljana zur City of Literature ernannt. Und damit wären wir endlich beim Thema Literatur. (Mehr über Ljubljana werdet ihr beizeiten in einem gesonderten Post erfahren.)

Literatur allgemein

Was die slowenische Literatur betrifft, ist dieser Bereich eher übersichtlich. Bei meinen beiden Reisen bestätigten mir mehrere Personen unabhängig voneinander, dass es kaum gute slowenische Romane/Prosa gäbe. Das liege, so sagte mir eine deutsch-slowenische Übersetzerin, vor allem daran, dass der Beruf des Lektors so gut wie nicht existiert. Allein auf die Lyrik ist man in Slowenien stolz.

Eine schöne Übersicht über zwölf wichtige slowenische Werke findet ihr auf der Website The Culture Trip, die außerdem eine kurze Einführung in slowenische Literatur bietet. Warum Slowenien im Jahr 2022 Gastland der Frankfurter Buchmesse wird, wird hier sehr ausführlich erläutert. Unter ebendiesem Link erfahren wir auch, dass jedes Jahr 4.000 Bücher in Slowenien (ob auf Slowenisch oder nicht, wird nicht spezifiziert) erscheinen; die UNESCO-Begründung erklärt, dass allein in Ljubljana jährlich 850 Bücher publiziert werden. Nicht zuletzt ist der Wikipedia-Artikel zu slowenischer Literatur erstaunlich umfangreich.

Autoren und Bücher in deutscher Übersetzung

Der bekannteste slowenische Autor ist der umstrittene Philosoph Slavoj Žižek, der 1949 in Ljubljana geboren wurde. Zu den weiteren zeitgenössischen Schriftstellern gehören unter anderem Goran Vojnović, von dem der Folio Verlag zwei Romane veröffentlichte, Drago Jančar, von dem sieben Bücher ebenfalls bei Folio und ganz frisch „Wenn die Liebe ruht“ über Slowenien im Zweiten Weltkrieg bei Hanser erschienen sind. Der Jung und Jung Verlag veröffentlichte im Frühjahr „Schotter“ von Florjan Lipuš, und wieder Hanser publizierte Gedichte von Ales Steger. Svetlana Makarovič, die, soweit ich das überblicke, bisher so gut wie nicht übersetzt wurde, ist ein ausführlicher Wikipedia-Artikel gewidmet; zu den jüngeren Stimmen gehört Katja Perat (*1988). Interessant klingt „Ende. Abermals“ von Dino Bauk, auf den @literaturpalast vor wenigen Tagen auf Instagram aufmerksam machte.

Sehr spannend: Das Klagenfurter Verlagstrio Wieser Verlag, Drava Verlag und Mohorjeva/Hermagoras hat unter der Schirmherrschaft des Literaturwissenschaftlers und Übersetzer aus dem Slowenischen Erwin Köstler eine eigene „Slowenische Bibliothek“ zusammengestellt, wo nach Angaben von Wieser bereits 80 Bücher ins Deutsche übersetzt wurden. Ausführlich berichtete darüber der Deutschlandfunk im Jahr 2014.

Literarische Sehenswürdigkeiten

Wirklich sehenswert ist die Škrabec-Bibliothek des Klosters Kostanjevica in Nova Gorica, die rund 10.000 Bücher führt, darunter die erste Grammatik in slowenischer Sprache aus dem Jahr 1584. Im Rahmen einer Führung kann die Bibliothek besichtigt werden.

Slowenisch ist eine erstaunlich alte Sprache – vor mehr als 200 Jahren wurden in Freising, Bayern die von einem Bischof notierten „Brižinski spomeniki“ (zu Deutsch: „Freisinger Denkmäler“) gefunden, die ältesten Texte, die in einen slowenischen Dialekt verfasst wurden (und überhaupt die ältesten einer slawischen Sprache in lateinischer Schrift) und auf das 10. Jahrhundert zurückdatieren. Während die Originale in der Bayerischen Staatsbibliothek zu sehen sind, gibt es im Denkmal Cerje im Vipava-Tal eine kleine Reproduktion, mit direktem Blick übrigens auf das „slowenische ‚Guerníca‘“ von Rudi Španzel.

Im für die Öffentlichkeit frei zugänglichen Rathaus der 5.000-Einwohnerstadt Sežana nahe der italienischen Grenze bei Triest erinnert eine Tafel an den Dichter Srečko Kosovel, der 1926 im Alter von nur 23 Jahren an Meningitis verstarb. Einige seiner Gedichte wurden in einem kleinen Band in mehrere Sprachen, darunter Englisch, Deutsch, Griechisch und Spanisch, übersetzt, der dort erstanden werden kann.

Srečko Kosovel – Ah, es gibt keinen Tod

Ah, es gibt keinen Tod, keinen Tod!
Nur die Stille ist zu tief.
Wie in einem grünen
Ausgedehnten Wald!

Du ziehst dich nur zurück,
du wirst nur still,
du wirst nur allein,
allein und unsichtbar.

Ah, es gibt keinen Tod, keinen Tod!
Du fällst nur, fällst nur
du fällst, du fällst
in den Abgrund des endlosen Blaus.

Transparenz/Werbung: Alle hier genannten Orte in Slowenien, die nicht Ljubljana selbst sind, habe ich im Rahmen einer Pressereise bereist, die von der Agentur MGM Media Optima organisiert und vom Tourismusbüro bezahlt wurde. Das hat keinen Einfluss auf meine Darstellung.

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2 Gedanken zu “Frankfurter Buchmesse 2022: Gastland Slowenien

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