Buchpremieren von Julia Rothenburg, Jörg-Uwe Albig und Berit Glanz

Julia Rothenburg – hell/dunkel, ocelot Berlin, moderiert von Maria-Christina Piwowarski, 14. März

Sie ist nicht nur Autorin, sondern auch Buchhändlerin – da passt, dass die Buchpremiere von Julia Rothenburgs „hell/dunkel“, übrigens der bereits zweite Roman der 29-jährigen Autorin, auch in „ihrer“ Buchhandlung stattfand, im ocelot in Berlin-Mitte.

Im Gespräch mit Maria-Christina Piwowarski verriet Julia, dass sie vor ihrem Debüt „Koslik ist krank“ bereits mehrere Romane für die Schublade verfasst hatte. Sie verdanke ihren Arbeitseifer der protestantischen Erziehung ihrer Eltern, sagt sie mit trockenem Humor, und schiebt hinterher: „Ich habe halt keine anderen Hobbys außer lesen und schreiben.“

„Hell/dunkel“ nun handelt von zwei Halbgeschwistern, die sich über dem langsamen Sterben der an Krebs erkrankten Mutter sehr nahekommen. Am diesem Thema habe sie vor allem interessiert, wie es ist, den Sterbeprozess von jemanden zu begleiten, mit dem man eine komplizierte Beziehung hat, eine Erfahrung, die ihr nicht fremd ist.

Im Anschluss an dieses spannende Gespräch und drei Textstellen, die Julia Rothenburg las, sagte auch der Verleger der Frankfurter Verlagsanstalt, Joachim Unseld, noch einige Worte und lobte das ocelot als eine der besten Buchhandlungen Deutschlands sowie Julias hochliterarische Sprache, „ein Ton, der sensationell ist“. Danach gab’s ein Sektchen zum Ausklang dieser Buchpremiere. Schön war’s!

Jörg-Uwe Albig – Zornfried, Literaturhaus Berlin, moderiert von Janika Gelinek, 07. April

Der Wald als Akteur der deutschen Geschichte.

Jörg-Uwe Albig nimmt sich in „Zornfried“ einem Thema an, das mich und viele umtreibt: dem Kuscheln deutscher Journalist*innen mit der Neuen Rechte (wer auf Twitter aktiv ist, wird als Paradebeispiel in der Woche vor der Lesung die Debatte samt berechtigtem Shitstorm um Raphael Thelens ausführliches Porträt im SZ-Magazin über AfD-Mann Markus Frohnmaier mitbekommen haben). Albigs Protagonist besucht einen bekannten Verleger auf seinem Rittergut, hier im Spessart, nicht in Schnellroda gelegen, wo er längere Zeit verbringt.

Bei der Buchpremiere im Literaturhaus Berlin sprach Jörg-Uwe Albig mit Moderatorin und Literaturhausleiterin Janika Gelinek über die drei dominierenden Themen des Romans: Wald als Symbol für rechte Ideologie und schlechten Journalismus zugleich, Lyrik als Ausdruck der Rechten und die Faszination so vieler Reporter*innen für Faschist*innen.

Seine These, der ich (bis auf einige Ausnahmen, die es doch gibt) zustimme, lautet: Wenn man zu viel Zeit mit jemandem verbringt, kann man nicht mehr negativ über ihn oder sie berichten. Und womit ich 100% übereinstimme: Diese ganzen Homestorys, von Kubitschek bis Frohnmaier, dienen keinem Erkenntnisgewinn.

Eine außerordentlich gelungene Premiere, von einem gut aufgelegten Autor zu einer bestens vorbereiteten Moderatorin und einem spannenden Thema passte alles rundum (nur lasst doch die Publikumsfragen weg, Leute, ganz generell). Selten hat mir eine Lesung so viel Lust auf die Lektüre eines Buches gemacht.

Berit Glanz – Pixeltänzer, Lettrétage Berlin, moderiert von Christiane Frohmann, 30. Juli

Vor wenigen Tagen stellte Berit Glanz ihren Debütroman „Pixeltänzer“ in der Lettrétage vor, moderiert von Christiane Frohmann. Ein ungewöhnlicher Abend, weil Twitterer*innen (gibt’s das?) aus Freiburg, Bonn, Dresden und Hildesheim angereist waren, um zum einen Berit zu erleben, zum anderen die anderen Tweetenden (besser?) kennenzulernen. Entsprechend war beim Bier danach auch die häufigste Frage: „Wie heißt du nochmal auf Twitter?“, gefolgt von einem: „Ach, DU bist das!“

Aber zurück zur Lesung. Im Gespräch mit Christiane Frohmann verriet Berit Glanz, dass die Codes, die den einzelnen Kapiteln vorangestellt sind, in der Tat eine Bedeutung haben (ebenso wie die URLs übrigens!). „Programmieren ist Sprache“, betont sie, „und diese Sprache literarisch einzusetzen war mein Ziel“. Glanz‘ Protagonistin Beta arbeitet in einem Startup. Entsprechend auch die Frage: Wie kann man über Klischees schreiben, ohne klischeehaft zu sein? Ganz klar: „Ich habe keinen negativen Zugang zu der Szene, sie interessiert mich. Ich wollte keine Parodie schreiben.“

Auf die zweite Ebene im Roman, die ein Künstlerpaar aus den 1920ern thematisiert, kam Berit Glanz, weil das MKG Hamburg seine Sammlung digitalisierte und die Autorin in diesem Zuge auf ein Bild der Masken stieß. „Ich wusste, dass ich darüber was machen will.“ Über historische Figuren zu schreiben ist nicht immer frei von Kontroversen. Frohmann erinnert, ohne Namen zu nennen, an eine große Debatte, die Anfang des Jahres geführt wurde. Wie also damit umgehen? In „Pixeltänzer“ wird ständig markiert, dass hier eine Geschichte erzählt wird, erläutert Berit Glanz. „Ich habe recherchiert, soweit es ging, aber auch Figuren erfunden.“ Eine bewusste Unschärfe also, um dem Stoff gerecht zu werden und nicht so zu tun, als habe man eine historische Figur vollständig verstanden. Elegant gelöst.

Eine gelungene Buchpremiere (sehr viel lustiger, als die Fotos suggerieren) vor voller Hütte, die ein bierreiches Ende in einer Kreuzberger Kneipe fand. Persönliches Fazit: Twitterierende (so?) im echten Leben zu treffen, kann sehr bereichernd sein.

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