Bookstagram: Abgebrochen

Milena Busquets – Auch das wird vergehen (Suhrkamp, 2016)

Ich breche so gut wie nie Bücher ab, ich mach das einfach nicht*, und schon gar nicht, wenn sie keine 170 Seiten umfassen, aber „Auch das wird vergehen“ von Milena Busquets (auch noch erschienen Suhrkamp Verlag) habe ich nicht beendet, zu sehr hat mich der Roman geärgert und genervt. Er dreht sich um Blanca, die ihre Mutter verloren hat und um die sie sehr trauert. Von der Trauer kommt aber gar nichts rüber, sodass auf jeder Seite betont werden muss, wie sehr Blanca sie vermisst (show don’t tell nix da). Um das zu kompensieren, hat sie viel Sex. Sagen wir’s so: Wäre der Roman von einem Autor und nicht von einer Autorin verfasst, ich hätte ihn schon vorher abgebrochen. Die Sex- und Liebeszenen und die Gespräche sollen wohl erotisch sein, sind aber plump, vulgär, sexistisch und mitunter kitschig („Lass uns was essen, du Flittchen“/“ich muss mich an einen Mann klammern, damit ich nicht wegfliege“).

Die Sprache ist überladen, die Figuren eindimensional, alle werden mit zahlreichen Adjektiven beschrieben und eigentlich geht’s immer nur um ihr Aussehen und dann haben alle Erwachsenen und ihre Kinder plötzlich gleichzeitig Zeit, gemeinsam nach Cadaqués zu fahren, klar, voll glaubwürdig und gar nicht konstruiert. Hände weg von diesem Buch, das ich allzu gerne empfohlen hätte.

* Das schrieb ich im Mai 2018. Inzwischen breche ich sehr viel häufiger ab, wobei ich den meisten Büchern 100 Seiten gebe.

Joey Goebel – Vincent (Diogenes, 2005)

„Vincent“ von Joey Goebel gehört zu den Büchern, auf die ich durch die Blogger*innen-Community aufmerksam wurde. Vom Grundprinzip ist der Roman hochinteressant: Eine Firma launcht die New Renaissance, die inmitten der billigen Entertainment-Industrie wieder wahre Kunst erschaffen soll. Vincent gehört zu den auserwählten Künstler*innen, was bedeutet: Er muss zeit seines Lebens einsam und depressiv sein, um tiefgründige Werke zu erschaffen.

Nach 160 Seiten habe ich den Roman abgebrochen. Mich stören nicht nur die simple Weltsicht (heterosexuell als Norm), die zwischen den Zeilen immer wieder durchdringt, und die teilweise schwachen Dialoge, sondern vor allem die Tatsache, dass sämtliche Frauen total verkommen sind (und auch gerne als „Hure“ oder „Nutte“ bezeichnet werden). Nee, danke.

Stig Sæterbakken – Durch die Nacht (DuMont, 2019)

Nicht wenige von euch waren hellauf begeistert von Stig Sæterbakkens „Durch die Nacht“, das Wort „Sogwirkung“ fiel dabei öfter. Dem kann ich persönlich mich gar nicht anschließen – dabei habe ich es wirklich versucht und 190 Seiten (von 290) gelesen, immer wieder aufs Neue latent genervt das Buch in die Hand genommen.

Der Roman setzt direkt nach dem Suizid des Sohns von Karl ein. Aber noch bevor die Leser*innen mehr darüber erfahren, erzählt er erstmal 100 Seiten lang, wie er seine Frau einst kennenlernte und er später die Affäre mit einer bedeutend jüngeren Frau begann (er fragt sich, ob dies eine Rolle bei der Entscheidung seines Sohns spielte). So oft, wie er betont, WIE LANGE er und die Freundin gewartet haben, bis sie schließlich doch Sex hatten, klingt das wie eine Rechtfertigung nach der anderen. Richtig im Quadrat kotzen musste ich an der Stelle, an der – Karl ist bei seiner Familie ausgezogen – seine Freundin EIN falsches Wort sagt (eins!), er daraufhin erkennt, wie langweilig er sie findet, ins Taxi springt, zu seinem alten Haus fährt und schwupp, wieder einzieht, übrigens ohne Frau, Tochter und Sohn vorher zu fragen.

Später, nach dem Tod des Sohns, folgen wir Karl auf seinem Trip nach Deutschland, eigentlich will er in die Slowakei, wo es ein mystisches Haus gibt, in dem man sich seinen schlimmsten Ängsten stellen muss. Bis in die Slowakei geht es für Karl und mich nicht mehr. Der Roman ist zäh an vielen Stellen und Karl in meiner Wahrnehmung irgendwo zwischen belanglos und unsympathisch. Von seinen Gefühlen bezüglich dieser schlimmen Erfahrung bekommen die Leser*innen übrigens herzlich wenig mit. Man mag das Verdrängung nennen, aber nee, mich interessiert das alles nicht, mich packt das nicht, keine Sogwirkung für mich, sorry, Karl, du wirst mit deiner neuen Bekanntschaft für immer in dieser fiktiven deutschen Stadt hängenbleiben.

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6 Gedanken zu “Bookstagram: Abgebrochen

  1. Uff, wie beruhigend, neben all den Lobhudeleien für Sæterbakkens Roman, einmal etwas zu lesen, das meiner Empfindung näher kommt, man denkt ja schon, man sei ignorant.. 🙂
    Noch fassungsloser war ich bei Joël Dickers Neuem. Hast Du den auch gelesen, wie gefiel er Dir?

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    1. Das habe ich nicht gelesen, aber erst vor zwei Tagen hat sich eine Buchhändlerin, mit der ich darüber sprach, sehr, sehr aufgeregt (das und „Stella“, meinte sie, seien Frechheiten).
      Unter meinem Kommentar zu Saeterbakken auf Instagram meldeten sich einige, die das Buch auch nicht mochten. Wir sind nicht alleine 😀

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  2. Hallo Isabella, ich breche auch nur ungern Bücher ab, doch manchmal muss es sein. Von „ Auch das wird vergehen“ habe ich mehr negative Besprechungen gelesen , deshalb habe ich es mir nicht gekauft und „ Vincent“ habe ich ebenfalls abgebrochen. Alle in meiner Leserunde waren begeistert, aber ich fand keinen Zugang zum Roman. Mich störten v. auch die Frauenfiguren. Bin beruhigt, dass es noch andere Stimmen zu diesem Buch gibt. Liebe Grüße Ruth

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  3. Ach wie schön, das Milena Busquets Ding war für mich eines der nervigsten Bücher ever. Dabei mag ich Cadaqués so gern und wollte das Buch deswegen auch mögen, aber ne, ging gar nicht. Der Saeterbakken steht noch aus, weil ich ganz viel aus Norwegen lesen möchte. Aber in den letzten Tagen kam so viel Negatives, dass ich Schlimmstes befürchte. Bin gespannt. Viele Grüße!

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