Interview: Lene Albrecht über „Wir, im Fenster“

Als sie zwei Mädchen in der U-Bahn sieht, die vertraut miteinander umgehen, holen Linn die Erinnerungen an Laila wieder ein. Einst waren sie ebenso gute Freundinnen, Schwestern fast. Warum zerbrach diese Freundschaft? Über Linn und Laila, das langsame zu Frau werden und das Aufwachsen im Nachwende-Schöneberg, schreibt Lene Albrecht in ihrem Debütroman „Wir, im Fenster“ (Aufbau Verlag).

Lene studierte Kulturwissenschaften in Berlin; in ihrer Abschlussarbeit beschäftigt sie sich mit dem Thema Stadtforschung und stellte – mit Blick auf Berlin – die Frage: Wie kann man eine Stadt erzählen? Später ging sie nach Leipzig, um einen Master in Literarischem Schreiben zu machen. Zurück in Berlin arbeitet sie heute in der Hörspielabteilung des Deutschlandfunks, wo sie unter anderem für das Hörspiellektorat und die (Leipziger) Hörtheater-Reihe „Kino für die Ohren“ zuständig ist. Lene ist außerdem Mutter und sagt: Es müssen gute Vorbilder an Frauen her, die schreiben und Kinder haben! Und die Strukturen des Betriebs sollten geändert, etwa mehr Stipendien mit Kind ermöglicht werden.

Lene, in deinem Roman beschreibst du die Freundschaft zweier Mädchen, die langsam zerbricht. Was war die Inspiration für „Wir, im Fenster“?

Für den Roman gab es drei Impulse. Einer ist banal: Meine jugendlichen Geschichten waren zumeist in der Provinz angesiedelt, was komisch ist, weil ich in Berlin großgeworden bin. Deswegen lautete eine ursprüngliche Frage für „Wir, im Fenster“: Was bedeutet es, in einer Stadt aufzuwachsen?

Es gab auch einen konkreten Moment: Ich habe, als ich in Leipzig lebte, meine Eltern hier in Berlin besucht, die immer noch in der Nähe des Gleisdreieckparks leben, wo auch der Roman spielt. Ich wusste zwar, dass ich mich in der richtigen Straße befand, habe sie aber nicht wiedererkannt, weil sie inzwischen so zugebaut ist. Das ist das Spannende an dieser Gegend: Zu Zeiten der Mauer war das die Peripherie; die Wiedervereinigung hat sie zum Zentrum Berlins gemacht. Es ist unheimlich, wenn ein Ort zugleich so vertraut und nicht wiederzuerkennen ist. Ich weiß nicht, ob es Menschen aus der Provinz ähnlich geht, wenn sie in ihre Heimat zurückkehren. Sie selbst haben sich verändert, okay – aber in Berlin ist der Moment des Zurückkommens besonders, weil sich auch die Stadt so wandelt.

Und zuletzt hatte ich Lust, über Mädchen zu schreiben. Es gibt nicht viele Bücher über Mädchen, sie sind höchsten ein Teil der Gruppe wie bei TKKG – oder aber auf dem Ponyhof. Ich wollte die Mädchen vom Ponyhof holen und mich literarisch auseinandersetzen mit der Zeit, in der aus Mädchen Frauen werden.

Lass uns kurz über den außergewöhnlichen Titel des Romans sprechen. Ich habe ihn vor dem Lesen auf zwei Weisen interpretiert: Einerseits sieht man, wenn man bei jemanden ins Fenster schaut, nur einen ganz kleinen Ausschnitt. Die Person ist wie gerahmt in dieser Szenerie, und man weiß nicht, was sich dahinter alles verbirgt. Und wenn man sich andererseits selbst im Fenster spiegelt, erkennt man sich zwar, sieht sich aber unglaublich verschwommen, verzerrt. Auf eine abstrakte Weise habe ich beide Motive in „Wir, im Fenster“ entdeckt.

Es ist eins der großen Wunder, die im Entstehungsprozess passiert sind: „Wir, im Fenster“ war von Anfang an der Arbeitstitel, und ich durfte ihn behalten, obwohl er sperrig ist. Du hast das gut beschrieben; es geht um das Motiv des Rein- und Rausguckens, sich selbst betrachten. Der Roman ist gegliedert in zwei Teile. Der „Wir“-Teil handelt von Freundschaft, von Symbiose, während „Im Fenster“ eine formale wie inhaltliche Trennung darstellt. Das Wir wird hier von außen betrachtet, wie es sich auseinanderentwickelt.

Die ersten Coverentwürfe vom Verlag zeigten übrigens eine Frau im Fenster, also dieses Klischee von Mädchen- und Frauenbüchern. Ich wollte das nicht, weil es zu stark in eine Schublade bedient hätte. Das Foto mit dem Wasser finde ich schön, vor allem, weil Wasser ähnlich ist wie ein Fenster: Es ist ein Material, das vorgibt, man könne durchsehen, und doch sieht man das Bild anders, verzerrter.

Linn und Laila haben eine interessante Dynamik, sind wie Freundinnen, wie Schwestern, vielleicht auch Lover. Kannst die Beziehung der beiden beschreiben?

Im Vordergrund steht zunächst die Faszination und Liebe, die Linn für Laila empfindet. Vielleicht ist es Freundschaft, vielleicht Liebe, aber klar ist: Es gibt ein Dominanzgefälle. Zunehmend spielen jedoch andere Dinge mit rein, die verschiedenen Elternhäuser etwa. Kinder spüren diese Unterschiede, auch wenn sie sie noch nicht benennen können.

Was mich daran interessiert hat, wie und wo ich aufgewachsen bin: Wenn man jung ist, ist man mit vielen Menschen zusammen, alle sind gleich. Und auch wenn man als Kind die Unterschiede wahrnimmt, ist man doch sehr offen für das „Andere“ – und die Wahrscheinlichkeit, dass man Menschen mit anderem Hintergrund trifft größer. Es gibt Studien, die zeigen, dass Freundschaften im Alter immer homogener werden, aber als Kind hat man mit vielen verschiedenen Menschen zu tun. Die Frage der Herkunft steckt dennoch im Roman, so wird Linn zum Beispiel auf eine andere Schule geschickt.

Und Laila?

Laila ist eine total schöne, spannende Figur. Einerseits stammt sie aus brüchigen Verhältnissen, andererseits ist sie stark und autonom. Dass sie ihren eigenen Weg geht, finden die anderen Kinder komisch an ihr.

In das Ende der Freundschaft spielen viele Faktoren mit rein, zum Beispiel die Eifersucht von Linn oder die Scham Lailas wegen ihrer Mutter…

Der Verrat, der laut Klappentext geschieht, findet auf vielen Ebenen statt. Es gibt immer mehr Risse, die andeuten, dass es zum Bruch kommen muss. Laila empfindet Eifersucht, ja, aber eigentlich verhält sich das abstrakter: Im Vergleich zu den anderen ist sie mit ihrer Familie scheinbar privilegiert, obwohl sich zeigt, dass diese nicht so heil ist, wie sie nach außen wirkt.

Es geschehen auch unausgesprochene Dinge, die Linn nicht zuordnen kann. Sie versteht nicht, was mit Lailas Mutter nicht stimmt, es wird ihr nicht erzählt, aber sie hakt auch nicht nach. Für ihre Eltern und für Laila als erwachsene Frau im Rückblick ist das hingegen deutlich. Sie fragt sich: Hat sie das damals nicht gesehen? Oder wollte sie nicht?

Eine Rolle spielt auch, wie sich die Beziehung unter dem Blick eines Dritten verändert, während sie sich von Kindern zu Frauen entwickeln. Als Linn beispielsweise als „Fotze“ beschimpft wird, übernimmt sie den Begriff unhinterfragt und bezeichnet Laila so, weil er offensichtlich krass war. Man wird zum Objekt gemacht und beschimpft, gibt das aber weiter. „Wir, im Fenster“ ist ein leises Buch, es ist aber auch mit Wut verbunden.

Die Entwicklungsphase, die du eben beschrieben hast, bezeichnest du im Roman als „dem Neutrum entkommen“. Was genau meinst du damit?

Es ist eine komische Phase, an die ich mich mit negativen Gefühlen zurückerinnere: der erste BH, zum ersten Mal auf der Straße angemacht, es wird gesagt, man habe einen schönen oder einen hässlichen Arsch… Das ist vielleicht auch ein Unterschied zur Provinz: In der Stadt gehört das zum Alltag. Als Kind nimmt man sich selbst als geschlechtslos wahr, und auf einmal bekommt man die eigene Weiblichkeit gespiegelt. Es ist fast wie eine Kränkung. Ich habe mit mehreren Menschen darüber gesprochen: Diesen Moment gibt es auch für Jungs, die Mädchen hinterherpfeifen müssen und dergleichen. Das geht aber in die andere Richtung, weil sie aktiv werden.

Linn nennt ihre Eltern beim Vornamen, statt Mama und Papa zu sagen. Warum?

Das ist typisch für diese Berliner Szene, die ihre Kinder in Kinderläden schickt. Die Eltern werden beim Vornamen genannt. Der Begriff „Mama“ weist auf eine Abhängigkeitsbeziehung hin. Durch die Nennung der Vornamen soll man mit den Eltern auf anderen Ebenen, als Mensch quasi, kommunizieren, über die Fürsorge hinaus. Das war früher mal ideologisch aufgeladen, in meiner Generation aber nicht mehr.

Gerüche spielen in dem Roman eine große Rolle, es wird immer wieder thematisiert, wie Linn sich selbst, andere oder die Straße riecht. Wie kommt das?

Ich glaube, das liegt daran, dass ich ein Mensch bin, der sehr stark die Umwelt durch die Sinne wahrnimmt. Auf diese Weise schreibe ich auch sinnlich: Wie etwas riecht, sich anfühlt, -hört oder schmeckt, wie die Welt empfunden wird.

Du hast die Bedeutung der Straße, in der du aufgewachsen bist und in der auch Linn und Laila leben, bereits thematisiert. Was ist das für eine Gegend?

Ich hatte beim Schreiben Ringe im Kopf: den kleinen der Familie, der Wohnung, dann größer, wenn es in den Hof geht, der noch sicher ist, und schließlich die Straße. Man wagt sich immer weiter vor, je älter man wird. Ich bin in der Nähe des sogenannten Kinderstrichs in der Kurfürstenstraße aufgewachsen. Heute kann man an dieser Stelle vor allem Osteuropäerinnen beobachten, die im Schichtsystem in Bussen angekarrt werden. Gleichzeitig haben in der Straße, in der ich großgeworden bin, drei Galerien neu geöffnet. An diesem kleinen Ausschnitt sieht man, wie sehr sich die Stadt in den letzten zwanzig Jahren verändert hat.

Apropos: Berlin spielt in „Wir, im Fenster“ eher am Rande eine Rolle. Hätte jede andere Stadt Schauplatz deines Romans sein können?

Vieles davon könnte auch in anderen Städten spielen, aber das ist nun mal die Gegend, die ich kenne. Die Stadt von damals löst sich auf, diese Ecke hat sich krass verändert. Schöneberg ist als Bezirk auch speziell. Hier prallen viele Gegensätze aufeinander, einerseits das total Bürgerliche um den Winterfeldtplatz mit seinem Wochenmarkt, andererseits das Pallas, ein Sozialgebäude, das über die Straße gebaut ist. Und das alles befindet sich in nur drei Minuten Fußweg Entfernung. In einem sehr kleinen Umkreis gibt es hier sehr viele Lebenswelten.


2 Gedanken zu “Interview: Lene Albrecht über „Wir, im Fenster“

  1. Hallo,

    das Buch steht noch auf meiner Wunschliste!

    Ich bin selber nicht Mutter, würde aber direkt unterschreiben, dass es mehr Möglichkeiten für Mütter geben sollte. Schreibende Mütter, studierende Mütter, einfach arbeitende Mütter…

    Ein spannendes Interview!

    LG,
    Mikka

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