Jahresrückblick 2019

Einen Jahresrückblick Ende Januar zu posten ist etwas spät – geschieht aber aus ebendem Grund, aus dem in meinem Blog 2019, wie ich rückblickend feststellen muss, auch wenig passierte: zu viel Arbeit, zu viel unterwegs.

Beruflich und privat

2019 war ein Jahr, in dem ich viel reiste. Ja, ich fliege noch zu oft – wie etwa nach New York im Frühjahr –, einige der Trips habe ich aber auch mit dem Zug gemacht – wie auf Einladung von Letterenfonds nach Amsterdam. Über New York, das ich zum zweiten Mal besuchte (das erste Mal verbrachte ich 2015 einen Monat in der Stadt), habe ich einen Blog eröffnet, der sich noch im Aufbau befindet. Schaut trotzdem gerne vorbei! 2019 war auch das Jahr, in dem ich nach ziemlich genau anderthalb Jahren Berlin die Segel in der Hauptstadt strich. Während ich diese Zeilen tippe, bin ich noch in Frankfurt, meiner Heimatstadt, in zwei Monaten wird es mich aber in meine (Zweitheimat) Barcelona zurückverschlagen.

Wie erwähnt, habe ich nicht wenig gearbeitet in dem Jahr. Im Frühjahr hatte ich das große Privileg, auf Einladung des DAAD an fünf Universitäten in Spanien (Vitoria-Gasteiz, Madrid, Salamanca, Sevilla und Barcelona) über deutschsprachige Literatur zu sprechen, selbiges tat ich in Ljubljana, außerdem habe ich während der Frankfurter Buchmesse immerhin zwei Lesungen moderiert. Es sind weitere Artikel in der taz erschienen und der erste im Zeit Magazin, für den Deutschen Buchpreis gab es einiges zu tun (Highlight hier natürlich: die Preisverleihung im Frankfurter Römer), während ich für ze.tt vor der Kamera hampeln und Kaugummis und Radler testen durfte. Und nicht zuletzt war ich für ein kleines Sonderheft des Stadtmagazins Journal Frankfurt, für das Uni Journal, zum ersten Mal als Chefredakteurin aktiv.

© Kathrin Jahn
© Kathrin Jahn

Zu den für mich interessantesten Artikeln, die ich 2019 veröffentlichte, gehören ein Interview mit der venezolanischen Autorin Karina Sainz Borgo, ein Interview mit Alexandra Koch von Read Back Blog über die Darstellung von Menschen mit Behinderung in der Literatur, das Porträt über eine Travelbloggerin, die sich für Brandenburg einsetzt, ein Text über die Berliner Wirtschaftssenatorin Ramona Pop anlässlich des Weltfrauentags und ein Gespräch mit Cem Özdemir über Hate Speech im Internet, eine Interview zum Buch „Frauen*rechte und Frauen*hass“ und ein Text über feministisches Flanieren, ein Kommentar darüber, warum Jess aus „Kick it like Beckham“ ein Vorbild ist, zwei Artikel über Podcasts in der Buchbranche, ein Interview mit dem Hauptdarsteller von „Coming Out“, des einzig „schwulen“ Films der DDR, und einen Text über die Frankfurter Ortsgruppe von Extinction Rebellion, außerdem Kritiken zu „Welcome To Borderland“ über die US-mexikanische Grenze, „Oreo“ von Fran Ross und eine Doku über Paul Auster, um drei Beispiele zu nennen.

Bücher und Filme

Trotz Flaute sind auf dem Blog immerhin 41 Beiträge erschienen – viele davon allerdings Zweitverwertungen von Artikeln. Ich habe 2019 das thematische Spektrum auf novellieren etwas erweitert, der Fokus bleibt aber natürlich auf Literatur. Zu den interessantesten Posts gehören die Interviews mit Lene Albrecht, Stefanie de Velasco und Dima Wannous, sehr gut geklickt war auch dieser Beitrag zum Zustand spanischer Literatur in Deutschland mit Blick auf das Gastland Spanien 2021. Und speaking of Gastland: Auch Slowenien (Gastland 2022) habe ich porträtiert. Zuletzt geht es noch nach Belchite, eine im Spanischen Bürgerkrieg zerstörte Stadt, die ich vor einigen Jahren besuchte und die mich nachhaltig beeindruckte; und einen kleinen Aufschrei gab es in der Bookstagram-Community, als ich das Ende von Bookstagram ausrief (in einer Laune gemischt aus Witz und Genervtheit).

Neben den oben genannten Büchern möchte ich noch ein paar weitere Highlights erwähnen: Natürlich „Herkunft“ von Saša Stanišić, zu dem ich beim (von mir sehr geliebten) Subway Book Review ein paar Sätze sagen durfte, auch „Der Freund“ von Sigrid Nunez, vor wenigen Tagen auf Deutsch bei Aufbau erschienen, habe ich sehr gerne gelesen. Die Kurzgeschichten „Ihr Körper und andere Teilhaber“ von Carmen Maria Machado haben mir (mit „Cat Person“ von Kristen Roupenian) Short Storys erstmals schmackhaft gemacht. Das Take-That-Buch von Anja Rützel aus der neuen Reihe Musikbibliothek vom KiWi Verlag habe ich zweimal gelesen und zweimal Tränen gelacht, und kann ich auch allen Nicht-Fans unbedingt empfehlen. „Die Entfernung, die uns trennt“ von Renato Cisneros ist einfühlsam und melancholisch und liefert Einblicke in die Geschichte Perus, und auch ich gehöre zu den vielen Fans von Ocean Vuong und seinem „Auf Erden sind wir kurz grandios“.

Mein absolutes, absolutes Jahreshighlight aber war ein Buch, das bereits 2016 erschienen ist und bisher nicht auf Deutsch übersetzt wurde: „The Lonely City“ von Olivia Laing. Ich binde hier meinen Instagram-Beitrag ein, der das ein bisschen erläutert:

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„You can be lonely anywhere, but there is a particular flavor to the loneliness that comes from living in a city, surrounded by millions of people … Cities can be lonely places, and in admitting this we see that loneliness doesn’t necessarily require physical solitude, but rather and absence or paucity of connection, closeness, kinship: an inability, for one reason or another, to find as much intimacy as desired.” * Die Umstände der Einsamkeit sind so unterschiedlich wie nur denkbar: umgeben von vielen Menschen oder von keinen, freiwillig gewählt, als innerer Zwang oder von der Gesellschaft verstoßen. Einsamkeit verändert durch Gentrifizierung, die einsame Menschen immer mehr an den Rand der Stadt drängt, Einsamkeit im Wandel durch die Entwicklung der Technik, dank der man verbundener mit der Welt und abgeschnittener zugleich ist. Doch wie umgehen mit diesem Gefühl, wie ihm vielleicht sogar entfliehen? Als die britische Autorin Olivia Laing nach New York zieht und mehr aus Zufall alleine dasteht, beginnt sie, sich mit genau diesem Thema zu beschäftigen, vor allem mit seinem Einfluss auf die Kunst. Einsamkeit, so wirkt es, bringt ganz besondere und ganz diverse Formen der Kunst hervor. Andy Warhol, der, umgeben von zahllosen Stars, dennoch so unsicher war, dass er fast nie ein Wort sagte und sich hinter Perücke, Aufnahmegerät und Kamera versteckte. David Wojnarowicz und Klaus Nomi, Künstler und Sänger, die aufgrund ihrer Aids-Erkrankung gesellschaftlichen Halt verloren und ihren Schmerz darüber (Nomi) beziehungsweise Wut auf die Politik (Wojnarowicz) in ihre Kunst einfließen ließen. Greta Garbo, die sich aus dem Filmbusiness zurückzog und über Jahrzehnte hinweg jeden Tag stundenlang durch Manhattan spazierte, nicht allein allerdings, immer gefolgt von einem Paparazzi (Stalker). Valerie Solanas, die nie die Anerkennung bekam, die sie verlangte, und Warhol niederschoss. Edward Hopper, der in seinen Bildern stets einsame Menschen malte. Henry Darger, dessen umfangreiches Werk erst nach seinem Tod in seiner Wohnung gefunden wurde.

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Filme, Serien und Dokus habe ich 2019 einige gesehen. Viele sind bekannt und wurden häufig empfohlen, dafür braucht ihr mich nicht. Euch näherbringen möchte ich die Doku „Espero Tua (Re)Volta“, eine richtig starke, intensive Doku über Schülerproteste in Brasilien, die mit der Wahl von Bolsonaro endet (leider finde ich nur den brasilianischen Trailer dazu, aber wer die Untertitel aktiviert, bekommt englische angezeigt). Ein paar Jahre alt schon ist die Doku „Look at the pictures“, die das Leben von Robert Mapplethorpe erzählt – spannend und nicht minder intensiv.

Was Serien betrifft, habe ich mich vor allem an Netflix gehalten. „When They See Us“ basiert auf dem Fall der sogenannten Central Park Five – fünf Minderjährige of Color, die trotz fehlender Beweise für die Vergewaltigung einer Weißen jahrelang hinter Gittern kamen; erschreckend und filmisch sehr gut gemacht. Zu den großen Überraschungen gehörte die Serie „Derry Girls“, die das Leben einiger Teenager zu Zeiten des Nordirlandkonflikts Anfang der Neunziger thematisiert. Es ist wirklich interessant zu sehen, wie alltäglich diese bürgerkriegsartigen Szenarien sind; zugleich ist die Serie wirklich unglaublich witzig. Und meine letzte Entdeckung, die ich mit euch teilen möchte, ist „Brookyln Nine-Nine“, ein irrer Erfolg in den USA, aber hierzulande gar nicht so bekannt. Nachdem „Friends“ von einen Tag auf den anderen von Netflix verschwand, habe ich auf der Suche nach Ersatz die erste Folge angeschaut – jetzt bin ich gerade dabei, bereits zum zweiten Mal alle fünf Staffeln zu sehen. Die Serie ist unglaublich witzig, intelligent und divers (und vor allem letzteres kann man von „Friends“ wahrlich nicht behaupten, das doch sehr viele Fremdschämmomente hat). Wer’s noch nicht kennt: Give it a try!


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