Frühjahr 2020: Die interessantesten Neuerscheinungen

Ich habe beschlossen: Solange noch Februar ist, ist es vollkommen legitim, eine Liste mit den interessantesten Neuerscheinungen des Frühjahrs zu veröffentlichen. Also kommt hier, ganz last minute, meine Zusammenstellung. Weitere Highlights rausgesucht haben die Bloggerkolleg:innen von Buch-Haltung, Die Buchbloggerin und, monatlich zusammengestellt, queerBUCH.

Aus dem Bekanntenkreis

Da ich diese Zeilen sehr viel später schreibe, als ich die Liste an interessanten Neuerscheinungen einst zusammenstellte, sind einige der hier erwähnten Bücher bereits publiziert. Wie etwa „Der Defekt“ (Kein & Aber) von Leona Stahlmann, mit der ich kürzlich ein Interview führte. In wenigen Tagen schon folgt „Dichterinnen & Denkerinnen“ (Reclam, März) von Bloggerin Katharina Herrmann (Kulturgeschwätz), auf das ich mich sehr freue: Katharina porträtiert Autor:innen, die allen Widrigkeiten zum Trotz geschrieben haben. Und am 23. Mai folgt der neue Roman von Kai Wieland (große Kai-Liebe, schon sein Debüt „Amerika“ war großartig) mit dem Titel „Zeit der Wildschweine“ im Klett-Cotta Verlag, der verspricht, ganz anders zu sein als sein Debüt. Ich versuche ja immer noch, den Hashtag #kaiwielandultras zu etablieren.

New York City

Wer mich ein wenig kennt, weiß, dass mein Sehnsuchtsort New York (eigentlich Gritty Old New York) ist. Da es vielen von euch und auch vielen Autor:innen nicht anders geht, werden Jahr für Jahr Romane und Memoirs veröffentlicht, die in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren in New York angesiedelt sind.

So zum Beispiel  Eileen Myles, ein*e Autor*in, den*die ich vergangenes Jahr beim internationalen literaturfestival berlin erleben durfte und their essayartiges, autobiografisches Werk „Chelsea Girls“, im Original erstmals 1994 erschienen, jetzt bei Matthes & Seitz auf Deutsch veröffentlicht wird (6. März). In vielen kurzen Kapiteln schreibt they vom Leben eines*r mittellosen Autor*in in den achtziger Jahren im East Village. Ähnliche Buzzwords – New York, Siebziger, Lou Reed&Patti Smith – gibt es auch in der Beschreibung des Tagesbuchs von Maler Duncan Hannah, das unter dem Titel „Dive“ erscheint (dtv, 19. Mai). Vivian Gornick berichtet in „Eine Frau in New York“ (Penguin, 18. Mai) über die feministische Bewegung der Siebziger, Freundschaft, Sex, Schichtzugehörigkeit und natürlich die Stadt … ein Buch, von dem ich mir sehr viel verspreche. Elizabeth Gilbert schreibt in „City of Girls” (27. Mai) über die Vierziger in New York, mit „Musicals, Bars, Jazz und Gangstern“, so der Fischer Verlag. Könnte interessant sein, ein bisschen skeptisch bin ich trotzdem, da sie die Autorin von „Eat, Pray, Love“ ist. Und Emma Flint erzählt in „In der Hitze eines Sommers“ (Piper, 02. Juni) von einer wahren Begebenheit aus dem Jahre 1965, als die beiden Kinder einer in den Augen der Gesellschaft zu progressiven Frau entführt werden.

Sehr präsent auf den US-amerikanischen Bookstagram-Accounts und für unzählige Preise nominiert war Taffy Brodesser-Akners Debüt, das als „Fleishman steckt in Schwierigkeiten“ bei dtv erscheint (24. April) und von Toby Fleishman handelt, der von seiner Frau und seinen zwei Kindern verlassen wird. Zuletzt geht es mit „Der Freund“ (Aufbau, bereits erschienen) von Sigrid Nunez nach New York, wenngleich die Stadt nur am Rande eine Rolle spielt. Vor allem ist dieser fantastische Roman und National Book Award-Preisträger eine Meditationen um Trauer und Verlust und das Leben als Schriftstellerin und dreht sich ebenso um das ganz handfeste Problem, wie man mit einem vererbten Hund, der größer ist als man selbst, umgehen soll.

USA und Lateinamerika

Vor einigen Jahren bereits gelesen und sehr geliebt habe ich „Giovannis Zimmer“, das im Zuge der Neuentdeckung von James Baldwin kürzlich in der Neuübersetzung von Miriam Mandelkow erschienen ist (dtv). In diesem zarten Roman erzählt Baldwin von einer tragischen Liebe im Paris der fünfziger Jahre. Ebenfalls eine Neuentdeckung (aber ohne Neuübersetzung) ist der gut 30 Jahre alte Kurzgeschichtenband von Mary Gaitskill namens „Bad Behavior“ über deviantes Verhalten urbaner Menschen und komplizierte zwischenmenschliche Beziehungen. Dass ausgerechnet „Cat Person“-Autorin Kristen Roupenian das Nachwort verfasst hat, ist kein Zufall. Sehr gespannt bin ich auch auf „Der Wassertänzer“ (Blessing, 02. März), den ersten Roman von Ta-Nehisi Coates („Between The World And Me“), in dem er über einen Sklavenjungen schreibt, der seiner Plantage entkommt (erinnert mich vom Plot ein wenig an „Washington Black“).

Als Journalistin und Person, die einige Zeit in Mexiko verbracht hat, ist der neue Roman von Jorge Zepeda Patterson für mich besonders reizvoll: „Die Korrupten“ (Elster, bereits erschienen) ist ein literarischer Thriller, der von dem gefährlichem Job eines Journalisten in Mexiko-Stadt erzählt. Sehr spannend klingt auch der neue Roman von Mario Vargas Llosa, „Harte Jahre“ (Suhrkamp, 23. März), in dem er über die Diktatur Jacobo Árbenz‘ in Guatemala und den Militärputsch mit Unterstützung der CIA (wem sonst) schreibt. Vera hat auf ihrem Blog übrigens alle lateinamerikanischen Romane, die im Frühjahr erscheinen, zusammengestellt.

Und die Welt

Auch um Lateinamerika, aber aus französischer Perspektive, geht es bei Isabelle Mayault in „Eine lange mexikanische Nacht“ (Rowohlt, 21. April). Sie erzählt von Gerda Taro, deren Bedeutung mir erst kürzlich bewusst wurde: Taro schoss einige der wichtigsten Fotos des Spanischen Bürgerkriegs, die eines Tages in einem Koffer in Mexiko entdeckt wurden. Ein ganz anderes Thema behandelt Ivana Sajko in „Familienroman“ (Voland & Quist, 02. März): Anhand mehrerer Generationen erzählt sie von der Geschichte Jugoslawiens zwischen den Jahren 1941 bis 1991. Ein Buch, das ich definitiv lesen werde, weil ich hier viel zu viele Wissenslücken habe.

Inspiriert von der großartigen Serie „Derry Girls“ wollte ich mich mit der IRA und dem Nordirlandkonflikt auseinandersetzen und fragte vor einiger Zeit auf Instagram nach Film- und Lektüretipps. Unter anderem wurde mir „Milchmann“ von Anna Burns empfohlen (Tropen, bereits erschienen), das ich vor einigen Monaten auf Englisch bereits anlas. Als Einstieg für dieses Thema weniger geeignet (die meisten Menschen, Länder, Parteien bleiben unbenannt), liest sich (zumindest der Anfang) als interessante Emanzipationsgeschichte einer jungen Frau. Auf Sarah Moss‘ „Geisterwand“ (Berlin, 04. Mai) bin ich aufmerksam geworden, weil keine Geringere als Bloggerkollegin Nicole Seifert (Nacht und Tag) die Übersetzung gemacht hat. Ein kurzer wie dichter, feministischer Roman über das Experiment einer Gruppe, einige Zeit lang wie in der Eisenzeit zu leben – sprich: Frauen haben in dieser Gemeinschaft nichts zu melden. Und zum Abschluss ein Blick nach Deutschland: Olivia Wenzel schreibt in „1000 Serpentinen Angst“ (Fischer, 04. März) vom Aufwachsen einer Woman of Color in der DDR bis hin zum Wahlsieg Trumps in den USA.


4 Gedanken zu “Frühjahr 2020: Die interessantesten Neuerscheinungen

      1. Ui, Kompliment.
        Weiß gar nicht, was bei mir so alles an Werbung eingeblendet wird. Beschwerden gab es aber noch nicht.
        Das Upgrade hat sicherlich nach andere Vorzüge für Dich.

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      2. Als Admin sieht man die Werbung ja nicht, sehr tricky. Habe jetzt ~80 USD für zwei Jahre bezahlt, das geht, finde ich. Viel mehr kann ich aber nicht machen, das wäre teurer. Aber immerhin keine schreckliche Werbung mehr.

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