Hilma af Klint – die Kunstgeschichte umschreiben

Selbstporträt. Moderna Museet

Hilma af Klint. Wer von euch hat diesen Namen schon mal gehört?

Seit mehr als 100 Jahren heißt es, Wassily Kandinsky habe das erste abstrakte Bild gemalt, 1910 laut seinen Angaben, 1913 laut der Forschung. Hinterfragt wurde das nie. Jetzt aber zeigt sich: Die Schwedin Hilma af Klint hat bereits 1906 mit abstrakter Malerei begonnen – sie wurde von der Kunstgeschichte allerdings vollständig ignoriert. Dank des Engagements vierer Frauen ändert sich das endlich.

Kuratiert von der Direktorin Iris Müller-Westermann widmete ihr das Moderna Museet in Stockholm ihr 2013, also 69 Jahre nach Hilma af Klints Tod, eine Einzelausstellung. Viele Kunstexpert:innen wurden dadurch erstmals auf sie aufmerksam. „Die Kunstgeschichte muss umgeschrieben werden“, titelte Kunstredakteurin Julia Voss in einem FAZ-Artikel, der wiederum Halina Dryschka und Eva Illmer dazu inspirierte, eine Doku über Hilma af Klint zu drehen. Sie alle, Voss, Dryschka und Illmer, stießen bei ihrer Recherche (und der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse) auf ziemlich viel Widerstand – der Kunstbetrieb wollte von Julia Voss‘ Forderung, die Kunstgeschichte umzuschreiben, nichts wissen. Vor allem das MoMA in New York, eins der wichtigsten Museen der Welt (und Besitzer mehrerer Kandinskys) wehrte sich gegen diese Neuentdeckung af Klints. Ausgerechnet eine Frau soll die Pionierin der abstrakten Kunst gewesen sein?

Hilma af Klint, Moderna Museet

Kunstgeschichte umzuschreiben ist nahezu unmöglich. Müller-Westermann, Voss, Dryschka und Illmer sind aber auf dem besten Wege, dies zu tun. Mehr als 20.000 Menschen haben in Schweden bisher die Doku „Jenseits des Sichtbaren“ gesehen, enorm viel für ein Land, das zehn Millionen Einwohner:innen zählt. Eine Einzelausstellung 2018 zum Werk von Hilma af Klint im Guggenheim New York besuchten 600.000 Neugierige – Rekord in der 80-jährigen Geschichte des Museums.

Wer also war Hilma af Klint? 1862 in der Nähe von Stockholm geboren, studierte sie Malerei an der Schwedischen Kunstakademie und verdiente zunächst Geld mit naturalistischen Zeichnungen. Ab 1906 begann sie, sich abstrakter Kunst zu widmen und malte leinwandgroße Bilder in kräftigen Farben, oft inspiriert von wissenschaftlicher Forschung sowie spirituellen Eingebungen. Zeit ihres Lebens wurden wenige ihrer Bilder öffentlich gezeigt. Af Klint selbst hatte mehrfach Rudolf Steiner kontaktiert und auch besucht, von dem sie sich Unterstützung erhoffte. Er wies sie ab oder ignorierte sie gänzlich. 1944 starb die Künstlerin; sie verfügte, dass ihre Bilder frühestens 20 Jahre nach ihrem Tod ausgestellt werden dürften, als ahnte sie, dass die Welt noch nicht bereit für sie war. Erst 1986 wurden einige Werke in der Sammelausstellung The Spiritual in Art in Los Angeles, Chicago und Den Haag gezeigt. Es war 2013 die Retrospektive im Moderna Museet, durch die af Klint von einem breiteren Publikum wahrgenommen wurde.

Halina Dryschka und Eva Illmer im Cinéma Frankfurt, 03. März 2020

Die sehr gut recherchierte Doku „Jenseits des Sichtbaren“, die seit dem 05. März in deutschen Kinos zu sehen ist, zeigt die Stationen von Hilma af Klints Leben. „Die Bilder hauen einen aus den Socken“, sagte Regisseurin Halina Dryschka bei einer Vorpremiere am Dienstag im Frankfurter Cinéma, und fügte hinzu: „Als ich vor den Bildern stand, war ich fast wütend, weil ich es nicht glauben konnte.“ Nicht glauben, dass es möglich war, diese Künstlerin und ihre leinwandgroßen, bunten Bilder einfach zu verstecken. Fast zeitgleich erschienen ist die Biografie „Die Menschheit in Staunen versetzen“ von Julia Voss. Die Journalistin lernte für ihre Recherche extra Schwedisch, um die 25.000 handgeschriebenen Seiten, die Hilma af Klint über ihr Schaffen hinterließ, studieren zu können. „Die Menschheit in Staunen versetzen“ ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, der kommenden Freitag verliehen wird.

Einige Siege haben Ausstellung, Film und Buch bereits errungen: Die Kunstwelt spricht über Hilma af Klint – auch weil es nicht mehr anders geht. Langsam muss akzeptiert werden, dass Geschichte nicht in Stein gemeißelt ist. Übrigens: Seit letztem Herbst hängt selbst im MoMA ein Bild von Hilma af Klint.

Hilma af Klint, Moderna Museet

2 Gedanken zu “Hilma af Klint – die Kunstgeschichte umschreiben

  1. Mir war das Buch bereits in der Vorschau aufgefallen. Jetzt muss ich es unbedingt haben. In diesem Zusammenhang weise ich gern auf die wunderbare Biografie von Barbara Beuys über die finnische Malerin Helene Schjerfbeck hin, die ebenfalls ein bewegtes, kreatives Leben hatte. Viele Grüße

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