„Zu Bulimie wird eine Pseudobeziehung aufgebaut.“ Interview mit Lana Lux über „Jägerin und Sammlerin“

© Joachim Gern
© Joachim Gern

Eine Essstörung realistisch und nicht beschönigend oder kitschig darzustellen war sehr wichtig für sie, sagt Lana Lux. Die Berliner Autorin schildert in ihrem zweiten Roman „Jägerin und Sammlerin“ den Werdegang von Alisa, die sich aufgrund ihrer bulimischen Erkrankung immer stärker von der Gesellschaft zurückzieht.

Dein zweiter Roman „Jägerin und Sammlerin“ dreht sich um Alisa, die schwer bulimiekrank ist. Wie bist du bei der Recherche vorgegangen?

Einerseits habe ich Dr. Google gefragt und bin so in Foren eingetaucht. Dort teilen sich Leute wahnsinnig explizit mit – und mit der Zeit entdeckt man universelle Gemeinsamkeiten, die immer auf ähnliche Weise geschildert werden. Zum Beispiel gibt es eine lange Phase der Verleugnung dieser Krankheit, und die Auseinandersetzung mit dem Körper beginnt häufig bereits in der Kindheit. Andererseits habe ich Ernährungswissenschaft studiert und kenne dadurch viele betroffene Leute. Ich selbst war auch betroffen. Es gibt nur wenige in meiner Generation, die mit dem Thema nicht in Berührung gekommen sind. Gerade das flächendeckende Aufkommen von Photoshop in den Neunzigern und Nullerjahren und somit die bearbeiteten Fotos, die wir auf jedem Produkt, jeder Werbung sehen, haben ein völlig unrealistisches Bild geschaffen. Es gab keine Zeit, in der weibliche Körper dermaßen im Zentrum der Aufmerksamkeit stand und der Erfolg von Frauen so eng an dieses Schönheitsideal gebunden war.

Alisa nennt ihre Bulimie „Mia“, Anorexie wird mit „Ana“ umschrieben. Wer sind Mia und Ana?

Diese Namen werden von Betroffenen gerne verwendet. Das sieht man in den Foren oder an den Blogs, die es heute weniger gibt, die aber während meiner Studienzeit aus dem Boden schossen: Ana Love, Mia Struggle, Sinspiration … auf diesen Blogs gibt es triggerne Bilder von dünnen Mädchen, oft außerdem Regeln, die „Anas Regeln“ oder „Mias Regeln“ heißen. Die Krankheit wird personifiziert und dadurch eine Pseudobeziehung zu ihr aufgebaut. Betroffene erleben Kontrollverlust, der sich wie Druck von außen anfühlt, dem sie Folge leisten müssen. Da ist nur natürlich, dem Ganzen eine Gestalt und einen Namen zu geben. So wird allerdings die Krankheit glorifiziert. Man hat versucht, diese Blogs zu schließen, weil sie das immer gleiche Bild eines dünnen, hübschen Mädchens stilisierten, das auf unerklärliche Weise nicht mehr essen kann, immer zerbrechlicher wird und gerettet werden muss. Ähnlich auch der Film „To The Bone“, den es auf Netflix gibt.

Ein Film aus dem Jahr 2017 mit Lily Collins in der Hauptrolle. Was kritisierst du daran?

Ich hatte gehofft, dass die Essstörung heute anders verarbeitet wird. Aber es ist immer noch das gleiche idealisierte Image, eine Ästhetik, die zelebriert wird. Das war einer der Gründe, warum ich dieses Thema in dem Roman verarbeiten wollte: Um eine andere, sehr viel verbreiterte Form der Essstörung zu zeigen. Es gibt viele Menschen mit behandlungswürdiger Essstörung, ohne dem BMI von unter 18 zu entsprechen. Es ist schließlich auch eine Sache der Psyche: die Beschäftigung mit dem Essen, sich bei jedem Essen minderwertig und schuldig zu fühlen, sämtliche Zukunftsvorstellungen an das Idealgewicht zu knüpfen. Diejenigen, die optisch eindeutig als magersüchtig zu erkennen sind, sind sichtbarer. Mit geht es darum, Sichtbarkeit zu schaffen für jene, die unsichtbar bleiben, die höchstens geshamet werden: „Dann iss halt nicht so viel.“

Alisa hat ein sehr schwieriges Verhältnis zu ihrer Mutter Tanya. Wie würdest du das beschreiben?

Es ist zu komplex, um das in wenigen Sätzen kompakt zusammenzufassen. Die Interpretation würde ich jedem Einzelnen überlassen. Es kommt auch darauf an, welche Prägung man mitbringt.

Tanya fragt sich, ob sie eine schlechte Mutter ist. Welche Schuld trägt sie?

Ich hoffe, ich habe erreicht, dass diese Frage, ob sie eine schlechte Mutter ist, unbeantwortet bleibt. Die gesamte gesellschaftliche Wahrnehmung ihrer als Mensch hängt daran, was für eine Mutter sie ist. Das ist vielleicht die Tragik des Frau- und Mutterseins: Wer etwa im Studium versagt, kann als ganzer Mensch weiterleben. Wer als Mutter versagt, hat die Lebensaufgabe vermasselt und verliert als Mensch an Wert. Ich glaube, wenn ich die Frage eindeutig beantworten könnte, hätte ich den Roman so geschrieben, dass man sie nicht stellen müsste.

Mascha, Bella, Franzi – sowohl in Alisas als auch in Tanyas Leben gibt es Freundinnen, die sehr ambivalente Rollen haben. Welche Bedeutung hat Freundschaft?

Von Essstörungen sind selten Mädchen und Frauen – ich spreche hier nicht von Männern, weil ich während meiner Recherche fast ausschließlich auf Frauen gestoßen bin und meine Protagonistinnen ebenfalls weiblich sind – betroffen, die selbstbewusst sind und stabile Beziehungen haben. Wenn man diese vulnerable Phase der Adoleszenz durchlebt, vor allem, wenn man sie in den Nullerjahren erlebt hat, ist das alles plötzlich normal, weil alle davon reden, dass sie dünner werden wollen, weil andere erkranken. Dadurch, dass man diese Erfahrung mit mehreren Freundinnen teilt, wird sie alltäglich. Freundschaften spielen dahingehend die Rolle, das eigene Bestreben und Erleben einzuordnen. Sie sind die Referenz. Auch Alisa ist beeinflusst durch ihre Freundinnen. Und sie wird einsamer. Das hängt alles zusammen: Aufgrund der Krankheit hat sie keine Kapazität für ihre Beziehungen; ihre Jobs sind die Rahmenbedingung, um ihren eigenen Erfolg und Wert zu bemessen. Eine ausgereifte bulimische Essstörung nimmt wahnsinnig viel Zeit in Anspruch. Man muss Essen beschaffen, planen, erbrechen, alles reinigen und mit dem Körper klarkommen. Das alles ist unglaublich anstrengend. Bulimie hat auf Dauer viele gravierende Folgen, aber auch unmittelbar nach jedem einzelnen Erbrechen Auswirkungen. Wir sprechen hier von Dehydrierung, von Magenrissen und Herzrhythmusstörungen. Und diese Menschen versuchen mit aller Macht, das zu vertuschen und sich gleichzeitig selbst zu geißeln. Allgemein war mein Ziel, keine Lösung anzubieten, sondern die Realität schonungslos abzubilden.

Apropos schonungslose Realität: Nach deinem Debüt „Kukolka“, in dem es unter anderem um Kinderprostitution geht, behandelst du erneut ein hartes Thema…

Die Themen kommen zu mir und lassen mich nicht los, auch wenn ich das gar nicht will. Das ist jetzt schon wieder so: Ich habe mir eigentlich etwas anderes als Thema für den dritten Roman vorgenommen – aber nein, ich träume davon, bin wie besessen. Ich muss diesen Sachen nachgehen. Mich hat schon in meiner Kindheit aufgeregt, wenn Bilder geschönt wurden. Mich inspiriert und bewegt Kunst, die menschliches Verhalten in seiner Detailtreue wiedergibt. Ich benötige das Sezieren der Realität, um sie zu verstehen, anzunehmen und sich dann davon zu entfernen. Denn nur dann kann ein Konzept entwickeln und daraus Utopien erschaffen.

In deinem Roman gibt es ein Spiel von Fiktion und Realität: Am Ende wird Alisas Instagram-Account @eva_and_her_demons erwähnt, den du selbst betreibst.

Ich hatte das Bedürfnis, eine Luftwurzel vom Roman in die Realität zu schlagen. Im Spätsommer hatte ich eine schlimme Schreibblockade. Einige dieser Themen sind meine Themen, und die intensive Auseinandersetzung hat mich viel zu krass getriggert. Ich konnte nicht mehr schreiben. Zeichnen tue ich seit meiner Kindheit, das löst in mir ganz viel. Während wir gerade telefonieren, zeichne ich auch. Mich fokussiert das, es bündelt mich und gibt mir gleichzeitig die Freiheit, aus dem momentanen Zustand und jeglichen Grenzen zu entkommen. Das habe ich Alisa geliehen. Ich dachte mir, dass sie das online stellen könnte – und dann habe ich spontan diesen Account gemacht. Er ist nicht nur die Schnittstelle zwischen Realität und Buch, sondern lebt weiter.

Auf dem Instagram-Account behandelst du die Themen Depressionen, Angst und Essstörungen. Unter einem Bild schreibst du, dass du vor zehn Jahren deine eigene Essstörung überwunden hast. Wie ist es, damit an die Öffentlichkeit zu gehen?

Ich habe mir damals den Schwur gegeben, dass ich, sollte ich jemals gesund werden, die Erfahrung irgendwie künstlerisch verarbeiten werde. Jetzt, da das Buch fertig ist, bin ich damit auch fertig. Der Account aber ist sehr schnell sehr erfolgreich gewesen, innerhalb von wenigen Monaten hatte ich 3.000 Follower. Als ich nichts mehr postete, schrieben mir viele Leute, die erzählten, dass ich ihnen geholfen habe, indem ich diese Gefühle humorvoll in Bilder fasse. Das zeigt, dass ernste Themen trotzdem witzig sein können. So, wie sich viele Essgestörte ihre Essstörung als Person vorstellen, habe ich das Gleiche mit Depression und Angst gemacht. Ich überlege, einen Graphic Guide zu machen. Mich haben junge Menschen gefragt, wie sie einen Therapieplatz finden. Es gibt viel zu wenig niedrigschwellige Angebote, das ist nicht transparent. Wichtig ist, darüber zu reden, offen damit umzugehen, damit Betroffene ohne Scham Hilfe suchen können. Und das tun immer mehr: Laut einer Statistik ist im Vergleich zu 2016 die Bereitschaft, sich mit einem psychischen Problem an einen Arzt zu wenden, signifikant gestiegen. Menschen, die offenen mit ihren psychischen Erkrankungen umgehen, sind übrigens deutlich leistungsfähiger als jene, die sie vertuschen müssen. Die Energie, die man für die Vertuschung braucht, könnte man in Recovery stecken. Es ist wichtig, dass es keinen Stempel gibt.


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