Katya Apekina – Je tiefer das Wasser

Zwei Schwestern werden von ihren Eltern emotional ausgesaugt: „Je tiefer das Wasser“ ist ein düsteres Debüt von Katya Apekina.

Ihre Mutter habe „etwas ziemlich Dummes gemacht“, rekapituliert Edie nüchtern: Sie hat versucht, sich das Leben zu nehmen, und wurde gerade noch rechtzeitig von Edie gefunden. Ihre zwei Jahre jüngere Schwester Mae denkt über den Suizidversuch der Mutter noch distanzierter. „Wahrscheinlich wusste ich, was sie vorhatte, aber ich hielt sie nicht auf“, sagt sie mit solch einer Gleichgültigkeit, dass man ihr Schulterzucken förmlich sehen kann. Mit diesen beiden Aussagen macht Katya Apekina von Beginn an deutlich: Leicht und lustig geht es in ihrem Debütroman „Je tiefer das Wasser“ nicht zu.

Der Roman setzt unmittelbar nach dem misslungenen Selbstmord von Marianne ein. Ihre beiden Töchter Edie und Mae müssen auf unbestimmte Zeit von New Orleans zu Dennis nach New York ziehen. Dennis ist ihr Vater, ein renommierter Schriftsteller, der die Familie kurz nach der Geburt der 14-jährigen Mae verließ und sich seitdem nicht mehr für seine beiden Töchter interessierte. Während sich Mae schnell an ihn gewöhnt und „Dad“ nennt, bleibt Edie reserviert. Mae ist froh, dass sie sich endlich von ihrer Mutter lösen konnte – diese weckte sie oft des nachts auf, um mit ihr stundenlang durch die Gegend zu fahren – und hängt sich an den Vater. Edie wiederrum vermisst ihre Mutter, die in einer Psychiatrie in New Orleans ist, immer mehr. Als sie spontan beschließt, zu ihr zurückzukehren, lässt sie Mae und Dennis alleine.

Eine schlechte Idee: Mae gleicht ihrer Mutter in jungen Jahren nicht nur optisch, sie nimmt auch ihre Rolle ein, um Dennis‘ Aufmerksamkeit und Liebe zu bekommen. Dieser sehnt sich nach seiner verlorenen Muse zurück, die er schon damals als Inspiration und Quelle benötigte, um seine Romane schreiben zu können. So wie er Marianne aussaugte, beginn er, auch Mae zu benutzen. Dabei handelt er aber nicht nur aus Kalkül, sondern verwechselt sie immer häufiger mit seiner Ex-Frau, nennt sie „Marianne“. Und Mae spielt dieses Spiel mit: „Wenn seine Gedanken bei Mom waren […], dann wurde ich eben Marianne.“ Ein Spiel mit dem Feuer, denn Mae weiß nicht, wem seine Liebe wirklich gilt – ihr oder der Illusion, die sie vorspielt. „Ich saß da wie Mom, blickte auf den Teich wie Mom, strich mir übers Haar, wie sie es getan hätte, und summte ein Lied, das ich von ihr kannte, aber alles war nicht richtig.“ Um „richtig“ für Dennis zu sein, muss Mae mit Marianne verschmelzen. Die Grenzen verschwimmen. Je mehr Zeit Mae und Dennis alleine verbringen, desto brisanter wird die Dynamik, die sich zwischen ihnen entwickelt.

In New Orleans ist das Verhältnis von Edie und ihrer Mutter nicht weniger kompliziert, wie sich herausstellt. Marianne will nicht gerettet werden. „Du wolltest, dass ich am Leben bleibe, gut, du hast deinen Willen“, sagt sie kalt zu Edie. Edie will nicht akzeptieren, dass sie Marianne nicht helfen kann. Auf verschiedene Weise zeigen die beiden Schwestern naives Verständnis für das jeweilige Elternteil, entschuldigen deren Verhalten und versuchen, zu ihnen durchzudringen, mit eisernem Willen bis hin zur Selbstaufgabe.

Erzählt wird „Je tiefer das Wasser“ größtenteils in der Jetztzeit des Romans, 2012, und dem tragischen Jahr 1997. Neben Edie und Mae kommt eine Vielzahl an Stimmen zu Wort, unter anderem Dennis‘ Schwester, ein Nachbar und eine Verehrerin, dazu Tagebuchnotizen, ärztliche Gutachten und Briefe. Diese Perspektiven sind wichtig, denn sie zeigen, wie diese destruktive Familie von außen wahrgenommen wird, und wie fragil die Wahrheit doch ist. Vor allem Edies und Maes Varianten einer Situation unterscheiden sich oft sehr. Katya Apekinas Debüt ist ein komplexer, vielschichtiger Roman, der Themen wie Traumata, Abhängigkeiten, dysfunktionale Familien und psychische Erkrankungen behandelt – und dabei trotzdem erstaunlich leicht zu lesen ist.

Dieser Roman ist der beste Beweis dafür, was unabhängige, kleine Verlage, die sich etwas trauen, leisten können: „The Deeper the Water the Uglier the Fish“, so der Originaltitel, wurde von dem wenig bekannten, 2005 gegründeten Verlag Two Dollar Radio veröffentlicht, der bisher nur eine Handvoll zumeist junger Autorinnen und Autoren publiziert hat (darunter „Wildnis ist ein weibliches Wort“ von Abi Andrews, das vergangenes Jahr auf Deutsch erschien). Inzwischen sind die Rechte in mehrere Sprachen verkauft, das Buch stand auf vielen „Best Books“-Listen, war für einige Preise nominiert und ist hierzulande beim Suhrkamp Verlag erschienen – alles dank des Idealismus und Engagements eines kleinen Verlags aus Ohio.

Dieser Text erschien bereits in der jungen Welt vom 24. März 2020

Katya Apekina – Je tiefer das Wasser
Übersetzt von Brigitte Jakobeit
Suhrkamp, Berlin
396 Seiten, Februar 2020


6 Gedanken zu “Katya Apekina – Je tiefer das Wasser

  1. Gerade heute Morgen sagte ich zu meinem Mann, ich würde gern mal wieder einen Roman lesen. Dann verschwindet man förmlich in einer Geschichte und bündelt seine Gedanken in andere Richtungen.
    In meinem Regal fand ich keinen, der mich ansprach.

    Nun las ich diesen Beitrag… danke dafür.

    Herzlichst,
    das Licht

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